Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius © picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Jens Kalaene

F.C. Delius ist tot: Meister der ungewöhnlichen Perspektiven

Stand: 01.06.2022 12:26 Uhr

Der Autor Friedrich Christian Delius starb am 30. Mai im Alter von 79 Jahren. Sein letzter Erzählband "Die sieben Sprachen des Schweigens" gilt als sein Vermächtnis. Er galt als "Chronist der Bundesrepublik".

von Joachim Dicks

Der in Rom geborene Schriftsteller Friedrich Christian Delius, Mitglied der legendären Gruppe 47, starb in Berlin. Als die Mitteilung des Rowohlt-Verlags vom Tod des Schriftstellers Friedrich Christian Delius eintraf, war sie zunächst überraschend. Hatte der 79-jährige Delius nicht erst vor zwei Wochen in einem offenen Brief in der FAZ seinen Austritt aus dem PEN verkündet, dessen Mitglied er seit 50 Jahren gewesen war? Weil er gegen den Umgang der PEN-Mitglieder mit dem bis dato amtierenden Präsidenten Deniz Yücel protestieren wollte. Wer sich so lautstark einmischt und zu Wort meldet, der scheint doch vor Lebenskraft nur so zu strotzen.

Friedrich Christian Delius mit 79 Jahren in Berlin gestorben

Aber nein. Der Autor von so wichtigen Büchern wie "Mogadischu Fensterplatz", "Die Birnen von Ribbeck", "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" und "Bildnis der Mutter als junge Frau" hat sich auf die letzte Reise begeben und lässt fortan einzig und allein sein Werk sprechen.

Sein Erzählband "Die sieben Sprachen des Schweigens" , der im vergangenen Jahr erschienen ist, darf nun als sein Vermächtnis gelten, zumal der Schriftsteller Delius in Interviews schon mal mit seiner Schüchternheit kokettiert hat. Das Schreiben hat ihm geholfen, aus dieser scheuen Hülle hervorzutreten und sich als junger Autor in der legendären Gruppe 47 einen Platz zu schaffen.

F.C. Delius nahm Stellung und mischte sich ein

Auch legte er sich mit dem großen Siemens-Konzern an, indem er 1972 in einem kleinen Text mit dem Titel "Unsere Siemens-Welt" die Nazi-Verstrickungen des Unternehmens zum Thema machte. In dem Jahr wurde Delius PEN-Mitglied und erhielt tatkräftige Unterstützung. Das politische Engagement war ihm, der in den letzten Kriegsjahren 1943 in Rom das Licht der Welt erblickte, quasi in die Wiege gelegt. Was auch immer an wichtigen politischen Ereignissen geschah, Delius nutze seinen literarischen Blick auf die Welt, um es zu kommentieren und in Geschichten zu übersetzen.

Der RAF widmete er eine Roman-Trilogie. Die Wiedervereinigung thematisierte er in der Erzählung "Die Birnen von Ribbeck" als einer der ersten westdeutschen Schriftsteller. Eine besondere literarische Stärke entwickelte Delius in seinen autobiographisch inspirierten Texten: "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" und "Bildnis der Mutter als junge Frau".

Späte Ehrung mit Joseph-Breitbach- und mit Georg-Büchner-Preis

Mit seinen originellen Erzählperspektiven überraschte Delius seine Leserschaft immer wieder aufs Neue. Die Erinnerung an das Jahr 1954, als Deutschland im berühmten Finale gegen Ungarn zum ersten Mal Fußballweltmeister wurde, erzählt er in "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" aus der Perspektive des elfjährigen Jungen, der er damals war. Seine Mutter begleitet er in "Bildnis der Mutter als junge Frau", im Jahr seiner Geburt 1943, bei einem Spaziergang durch Rom als Ungeborener. Darauf war vor ihm höchstens noch Laurence Stern in seinem "Tristram Shandy" gekommen.

Auseinandersetzung mit der Kirche bis ins hohe Alter

Die großen Preise - Joseph-Breitbach- und Georg-Büchner-Preis - kamen erst spät, 2007 und 2011, und waren schon Ehrungen eines umfassenden Lebenswerks. Aber es war noch lange nicht abgeschlossen. Die manchmal von Wut geprägte Auseinandersetzung mit der Kirche setzte der Pastorensohn noch bis ins hohe Alter fort. In seiner Erzählung "Die linke Hand des Papstes" und in seinem programmatischen Essay "Warum Luther die Reformation versemmelt hat".

Wer weiß, wie oft wir noch an Friedrich Christian Delius denken? Er, der sein Leben lang auch Kapitalismus-Kritiker war, hat uns jedenfalls erst vor drei Jahren mit seinem Essay gewarnt: "Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich."

Trauer um den "stillsten" Schriftsteller in den Feuilletons

In seinem Nachruf für den "Tagesspiegel" Gerrit Bartels: "Immer 'der Stillste' zu sein, daraus hat Delius später eine Tugend gemacht - eine Wohltat im narzisstischen, lautsprecherischen Getriebe der Literatur! – und diese umgeleitet in seine Bücher mit ihrer ebenfalls leisen, aber immer der Sprache verpflichteten Genauigkeit.".

Delius' Werke, heißt es in der "Süddeutschen Zeitung, pendelten "zwischen den Polen des dokumentarischen Erzählens und "begleiten den Gang der deutschen Geschichte von der Studentenrevolte bis zur Gegenwart". Auch "Die Welt" sieht in Delius einen "Chronisten der Bundesrepublik", "skeptisch, kritisch, aber ohne den Hang zum Dogmatismus". Mit ihm sei nicht nur einer unserer klügsten, sondern auch unserer liebenswürdigsten Schriftsteller dahingegangen".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 01.06.2022 | 08:15 Uhr

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