Stand: 01.04.2019 18:34 Uhr

Kreuzfahrt: Abrechnung mit den "Albtraumschiffen"

Wahnsinn Kreuzfahrt. Gefahr für Natur und Mensch
von Wolfgang Meyer-Hentrich
Vorgestellt von Ulf Kalkreuth

Für Wolfgang Meyer-Hentrich sind es "Monsterschiffe" - Kreuzfahrtschiffe, die immer größer werden und mittlerweile mehrere Tausend Menschen durch die Weltmeere fahren. In seinem Buch "Wahnsinn Kreuzfahrt" rechnet er mit der Kreuzfahrt-Industrie ab, die Städte zerstöre, die Umwelt gefährde und letztlich auch eine Gefahr für die Gesundheit der Menschen darstelle.

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In seinem Buch "Wahnsinn Kreuzfahrt" rechnet Wolfgang Meyer-Hentrich mit der Kreuzfahrtindustrie ab.

Wer sich auf eins der modernen Riesen-Kreuzfahrtschiffe begibt, der braucht eigentlich gar nicht mehr loszufahren. Es gibt dort die Welt auf 15 oder 20 Decks - Restaurants mit Essen aus allen möglichen Ländern, Shopping-Malls, Discos, Kletterwände, mehrstöckige Poolrutschen, Fitness-Center, und demnächst wird ein Schiff mit Achterbahn vom Stapel laufen. Das Leben auf so einem Schiff ist nach innen gerichtet - das Meer und die Orte, wo die schwimmenden Urlaubsburgen anlegen, werden zur Nebensache. Für den Buchautoren Wolfgang Meyer-Hentrich sind diese vermeintlichen Traumschiffe "Albtraumschiffe".

In Hamburg hingegen freut man sich: Neun große Pötte werden dieses Jahr zum allerersten Mal den Hamburger Hafen anlaufen, jubelt die Stadt. Vielleicht knackt man sogar die Grenze von einer Million Passagiere! Davon träumt man auch in Rostock-Warnemünde. Der Hafen ist Spitzenreiter für Kreuzfahrtschiffe bei uns im Norden, vor Hamburg, Kiel und Bremerhaven. Doch der Schadstoffausstoß eines einzigen Kreuzfahrtschiffs entspricht dem von 400.000 Pkw. Die Emissionen sind kilometerweit im Landesinneren messbar. Und der Ruß aus der Schifffahrt sei mittlerweile der zweitgrößte Klimatreiber, sagt Malte Siegers von NABU.

Vom Traumschiff zu gigantischen Schrottbergen

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An der Westküste Indiens liegt Alang. Hier enden die riesigen Kreuzfahrtschiffe.

Erzählen wir die Geschichte von ihrem Ende her: Alang ist eine indische Küstenstadt. Hier befindet sich die weltweit größte Abwrackwerft für Kreuzfahrtschiffe. Hier enden die Traumschiffe in einem Albtraum aus verdrecktem Öl, giftigen Dämpfen und gigantischen Schrottbergen. Die Ärmsten der Armen zerlegen ungeschützt in lebensgefährlichen Billigjobs die schwimmenden Urlaubsfabriken des Massentourismus.

Aber vor dem Abwracken herrscht organisierter Ausnahmezustand an Bord: Unterhaltungskünstler, deren Karrieren auf der Zielgeraden sind, sorgen für Animation auf theatergroßen Partydecks. Es gibt Themenrestaurants, Cocktailbars, Shopping-Malls, Poolrutschen und natürlich: Schlager. Wozu also noch auslaufen in die Ferne? Man hat die schöne Welt von heute doch schon an Bord!

Kreuzfahrttourismus als Plage

"Der Kreuzfahrttourismus ist in vielen Städten zu einer Plage geworden, weil die Touristen die angestammte Bevölkerung verdrängen", sagt Autor Meyer-Hentrich. "Und es gibt natürlich einerseits das Recht auf Freizügigkeit und auf Reisen, auf der anderen Seite gibt es aber auch das Recht der Bevölkerung auf Erhaltung ihrer Lebensräume."

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Bis zu zehn Schiffe liegen gleichzeitig in Dubrovnik. Tausende Passagiere strömen dann in die Altstadt.

Einer dieser bedrohten Lebensräume ist die kleine kroatische Hafenstadt Dubrovnik. Die gesamte Altstadt ist UNESCO-Weltkulturerbe. Eine der am besten erhaltenen Wehranlagen der Welt. Hier im Hafen legen manchmal bis zu zehn Schiffe zur gleichen Zeit an. Dann strömen Tausende Touristen ins UNESCO-Weltkulturerbe. Sie zücken ihre Selfie-Sticks, machen ein paar Bilder, vermüllen die Stadt mit Starbucks-Kaffeebechern und sind nach ein paar Stunden wieder weg. Dieser Art von "Urlaub und Tourismus" haben Städte wie Dubrovnik jetzt den Kampf angesagt. Der Bürgermeister der Stadt, Mato Franković, will nur noch zwei Schiffe zugleich erlauben und die Liegegebühren drastisch erhöhen. Die Frage ist, ob er und seine Kollegen in Venedig, Barcelona und Amsterdam den Kampf gegen die global agierenden Kreuzfahrtgesellschaften gewinnen können und ihre Städte vor den modernen Kreuzfahrern wirklich retten können.

Kreuzfahrer machen Leben für Einheimische unerträglich

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Mato Franković ist Dubrovniks Bürgermeister. Er will nur noch zwei Schiffe zugleich im Hafen anlegen lassen.

"Der Tourismus hier war außer Kontrolle. Die Massen waren überall", erzählt Bürgermeister Franković. "Die Kreuzfahrtschiffe sind ohne Plan gekommen. Manchmal zehn Schiffe auf einmal, 2.000 Leute pro Schiff kamen zugleich in die Stadt. Das war Massentourismus." Dieser Ansturm macht das Leben für die Einheimischen unerträglich. Sie wohnen mehrheitlich heute außerhalb der Stadtmauern. Hrvoje Kulušić ist der stellvertretende Generalmanager des Hafens. Er wurde vor 50 Jahren in Dubrovnik geboren, er mag die Stadt immer noch, aber viele seiner Bekannten und Freunde sind aus der Altstadt geflohen - nicht, ohne vorher mit den Touristen ihren Schnitt zu machen - und mit den Immobilienhaien, die ihnen folgten. "Eine Menge Leute, die ich aus der Altstadt kenne, sind weg, weil es für sie einfacher war zu gehen. Sie vermieten oder verkaufen ihre Wohnungen an die Touristen - damit haben sie auch schlicht ihre Einkommen aufgebessert",  berichtet Hrvoje Kulušić.

Negative Kosten-Nutzen-Bilanz für Städte

Die Städte zahlen drauf bei dieser Art "Tourismus". "Die Kosten-Nutzen-Bilanz ist negativ. Die Touristen, die dort ankommen, verzehren wenig, die verbrauchen wenig, weil sie ja an Bord rundum versorgt werden. Und nirgendwo zahlen Kreuzfahrtgesellschaften Steuern. Insofern ist dieses Kreuzfahrtgeschäft tatsächlich in weiten Strecken parasitär gegenüber den Ankunftsorten", führt Meyer-Hentrich an.

Diesem Parasitentum hat der Bürgermeister von Dubrovnik jetzt den Kampf angesagt. Ab diesem Sommer dürfen nur noch zwei Schiffe zur selben Zeit anlegen. Und sie sollen zukünftig länger bleiben. "Es wird sehr sehr teuer für sie werden, wenn ein Schiff in Dubrovnik nur für vier Stunden anlegt! Was kann man denn mitkriegen in so einer kurzen Zeit von einer Stadt - nichts! Der Preis für solche Kurzaufenthalte wird zehn mal teurer als bislang", so Bürgermeister Franković. Dubrovnik will weniger Schiffe und Passagiere und dafür nachhaltigen Tourismus. Aus dem Aufenthalt soll ein Kulturerlebnis werden. Die Stadt erhofft sich davon erträgliche Verhältnisse - und Gewinn.

China baut Schiffe für 10.000 Passagiere

Während sich das kleine Dubrovnik gegen die Kreuzfahrtschiffe stemmt, werden weltweit neue gebaut. Hundert davon laufen in den nächsten fünf Jahren vom Stapel. Und China baut Superschiffe für 10.000 Passagiere. "Sorry, aber die können nicht nach Dubrovnik kommen - das ist unsere klare Botschaft an die Kreuzfahrt-Industrie", so Bürgermeister Franković.

Die Weltkulturerbe-Stadt Dubrovnik steht unter Druck: Von den Kreuzfahrtgesellschaften und von der UNESCO, die mit dem Entzug des Titels drohte, falls der Massenansturm nicht gestoppt wird. Es scheint, dass Dubrovnik die richtigen Konsequenzen zieht: Die Stadtverwaltung arbeitet mit der UNESCO zusammen. Und Dubrovnik und die Regierung von Kroatien haben nicht denselben Fehler gemacht wie die Italiener, die den Hafen von Venedig verkauft haben - an die Kreuzfahrt-Industrie.

Kreuzfahrt als Kulturereignis?

Dubrovnik will also weniger Schiffe und Passagiere und dafür nachhaltigen Tourismus. Aus dem Aufenthalt soll ein Kulturerlebnis werden. Bei uns in Norddeutschland ist man davon weit entfernt. Hier glauben die Tourismusmanager noch, dass die Kreuzfahrtschiffe selbst ein Kulturereignis sind. Ob diese Strategie langfristig aufgeht? Zweifel sind mehr als berechtigt.

Wahnsinn Kreuzfahrt. Gefahr für Natur und Mensch

von
Seitenzahl:
248 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Ch. Links Verlag
Bestellnummer:
978-3-96289-031-5
Preis:
20 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 01.04.2019 | 22:45 Uhr

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