Durs Grünbein: "Jenseits der Literatur" © Insel bei Suhrkamp

Durs Grünbein: "Jenseits der Literatur"

Stand: 13.11.2020 13:49 Uhr

Der Dichter Durs Grünbein hat 2019 an der Universität Oxford vier Vorlesungen gehalten. Das 1993 ins Leben gerufene Format heißt "Lord Weidenfels Lectures".

von Peter Helling

Ein Höhepunkt des akademischen Jahres der Universität - schon Autoren wie Umberto Eco oder Amos Oz haben hier gesprochen.

Eine Briefmarke löst bei Grünbein Erinnerungen und Gedanken aus

Der Gedanke an eine kleine violette Briefmarke, gesammelt als Kind, hat bei Durs Grünbein einen Erinnerungsfluss ausgelöst.

Die Wertzeichen im gefährlichsten meiner Alben waren alle verkehrt herum einsortiert. Der finster blickende Volksverführer mit dem streng gescheitelten Haar stand darin Kopf. Hatte ich das getan und warum? Leseprobe

Das Abbild Hitlers, bis heute steckt es sicher millionenfach in verstaubten Alben, weltweit. Für Durs Grünbein ein "giftiger Schmetterling", er sieht schon in diesem winzigen Papierrechteck ein Signet der Vereinheitlichung - und der sklavischen Unterwerfung.

Der Autor nimmt den Faschismus unter die Lupe

Ich frage mich, von wie vielen Millionen Menschen Hitler seinerzeit abgeleckt wurde, freiwillig oder widerstrebend, jedenfalls abgeleckt. Die Vorstellung dieser sklavischen Vielzüngigkeit, Doppelzüngigkeit, klebrigen Servilität hat etwas Entsetzliches. Leseprobe

Hitler, der Dämon? Nein, sagt Grünbein, die Ikonografie des Diktators sei ein Produkt "werbetechnischer Pioniertaten" gewesen. In seinen vier "Oxford Lectures" nimmt er anhand scheinbar banaler Dinge den Faschismus unter die Lupe und er schildert, wie seine eigene Erinnerung funktioniert.

Durch diese kleine Membran war ich, ohne Vorwarnung, hineingezogen worden in das grauenvollste Kapitel deutscher Geschichte. Leseprobe

Durs Grünbein erinnert sich, wie er als Zehn- oder Elfjähriger beim Herumstöbern in der Großelternwohnung auf eine Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" gestoßen ist. Wie er über Hitlers Autobahnen als Kind in den Urlaub gefahren ist, das Rattern der Betonschwellen im Ohr.

Hommage an die Gegner Hitlers

Was ich damit sagen will ? Nur soviel: Dass auch in mein kleines Leben die Geschichte, großgeschrieben, eines Tages Einzug hielt. Leseprobe

Der Dichter sucht tief in sich und entdeckt Trümmer, offene Wunden. Er erzählt historisch genau, immer erstaunt, dass seine Geburt nur 17 Jahre vom Ende des Krieges trennen. Er gibt stillen Gegnern Hitlers ein Gesicht. Dem Briefmarken-Zerschneider Edmund Kalb etwa und der mutigen Stuttgarterin Anna Haag, die 1942 in ihr Tagebuch schreibt:

KANN MAN HITLER MIT DEM KOCHLÖFFEL TOTSCHLAGEN? Leseprobe

Hannah Arendt kommt zu Wort, Heinrich Mann, früh durchschauten beide das Schweigen und Verschweigen der Deutschen, die Ästhetik des Faschismus. Dann, ganz zum Schluss, landet Grünbein im Heute wie nach einem gefährlichen Tauchgang.

Was heute in Europa umgeht, ist nicht mehr das Gespenst des Kommunismus. Es ist das Nachbild autoritärer Herrschaft, der Traum der Rechtspopulisten von der Volksgemeinschaft, durch Propaganda und Politmarketing realisierbar. Leseprobe

Dürbeins analytische Poesie spendet Mut ohne zu beruhigen

Mit leiser, behutsamer Stimme, ohne moralisierenden Ton, seziert Durs Grünbein deutsche Opfermythen. Ein Weiterdenken bis hin zu Internet-Trollen von heute und den hippen Neu-Rechten der "Identitären" liegt auf der Hand.

Ist das Gespenst wirklich gebannt und verbrannt wie die armen Hexen im Mittelalter? Allein der Gedanke: Kann man Gespenster verbrennen, so wie die Nazis Bücher verbrannten auf dem Berliner Opernplatz? Leseprobe

Durs Grünbeins brillanter Gedankenstrom in vier Teilen sollte viel diskutiert und gelesen werden. Jetzt, wo es nur noch wenige Überlebende der Shoah gibt, macht er deutlich, wie sehr Geschichte in uns allen fortdauert. Spannend und in keiner Sekunde trocken: Seine analytische Poesie spendet Mut und lässt am Ende trotzdem dem Unausgesprochenen Raum, etwas, das beunruhigen sollte. 

Es gibt etwas jenseits der Literatur, das alles Schreiben in Frage stellt. Leseprobe

Jenseits der Literatur

von Durs Grünbein
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Sachbuch
Zusatzinfo:
mit 40 Abbildungens
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42951-8
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.11.2020 | 12:40 Uhr

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