Simone de Beauvoir: "Die Unzertrennlichen" © Rowohlt

Früher Roman von Simone de Beauvoir: "Die Unzertrennlichen"

Stand: 28.10.2021 10:49 Uhr

Noch bevor das autofiktionale Schreiben in Mode kam, schrieb Simone de Beauvoir ihren bisher unveröffentlichten Roman "Die Unzertrennlichen" - die Geschichte einer Auflehnung gegen Konventionen.

Simone de Beauvoir: "Die Unzertrennlichen" © Rowohlt
Beitrag anhören 5 Min

von Alexandra Friedrich

Die "Années Folles", die "Roaring Twenties" in Paris - klingen nach Jazz, Swing, Charleston, nach großer Freiheit. In "Die Unzertrennlichen" präsentieren sich die 20er-Jahre aber weniger verrückt und tosend, so gar nicht golden.

Sylvie und Andrée, im echten Leben Simone de Beauvoir und Élisabeth Lacoin, genannt Zaza, besuchen Ende der Zehner- bis in die Zwanziger-Jahre gemeinsam eine katholische Mädchenschule. Als die beiden hochbegabten Mädchen im Alter von neun Jahren zu Sitznachbarinnen werden, begreifen sie sich schnell als Seelenverwandte. Vor allem de Beauvoirs Alter Ego Sylvie entwickelt schnell ein inniges Verbundenheitsgefühl zu ihrer neuen Mitschülerin.

Ich begriff plötzlich, voller Staunen und Freude, dass die Leere in meinem Herzen, die Trostlosigkeit meiner Tage nur einen Grund gehabt hatten: Andrées Abwesenheit. Ohne sie war das Leben nicht mehr lebenswert. Mademoiselle de Villeneuve setzte sich an ihr Katheder, und ich sagte mir immer wieder: "Ich kann ohne Andrée nicht mehr leben." Meine Freude verwandelte sich in Angst: Was würde denn aus mir werden, fragte ich mich, wenn sie stürbe? Leseprobe

Simone de Beauvoirs erste Liebe zu einer Frau

Simone de Beauvoirs Frauenliebe ist heute kein Geheimnis mehr, zu Lebzeiten schweigt sie darüber. Die hier geschilderten Gefühle können als ihr erstes Hingezogen-Sein zum weiblichen Geschlecht verstanden werden.

Die Freundin berührt aber nicht nur ihr Herz, sondern regt auch ihren Verstand an. In den gemeinsamen Jahren gewinnt de Beauvoir Einsichten, die ihre spätere feministische und philosophische Denkart maßgeblich beeinflussen. Ein entscheidender Schritt ist ihre Abkehr vom Glauben, die sie auch im Roman schildert.

Ich tat einen Haufen verbotener Dinge: Ich aß Äpfel zwischen den Mahlzeiten, nahm in der Bibliothek heimlich Romane von Alexandre Dumas aus den oberen Regalen; nachts in meinem Bett erzählte ich mir seltsame Geschichten, die mich in seltsame Zustände versetzten. Eines Abends, als ich auf einer feuchten Wiese lag und den Mond betrachtete, dachte ich, das sind Sünden!, und dennoch war ich fest entschlossen, weiter zu essen, zu lesen, zu reden, zu träumen, wie es mir gefiel. Wie konnte man an Gott glauben und bewusst entscheiden, ihm nicht zu gehorchen? Einen Moment lang war ich wie betäubt von dieser offenkundigen Tatsache: Ich glaubte nicht. Leseprobe

"Die Unzertrennlichen": Konventionen werden hinterfragt und bekämpft

Sie beginnt immer mehr zu hinterfragen, "was 'man' so tut", erkennt den eigenen Spielraum und die damit einhergehende Verantwortung, frei zu handeln und zu entscheiden. Die Basis der existenzialistischen Philosophie.

Gleichzeitig führt Ihr das Beispiel von Zaza beziehungswiese Andrée die Eingeschränktheit dieser Freiheit schmerzlich vor Augen. Auch ihre Freundin verspürt Wünsche und Bedürfnisse, die ihrem Glauben widersprechen, doch kann sie sich nicht vom Katholizismus und den hohen Ansprüchen ihrer strenggläubigen, aber heiß und innig geliebten Mutter emanzipieren.

Muss ich denn immerzu gegen die Menschen kämpfen, die ich liebe? Ich will Mutter nicht als Feindin betrachten! Das ist schrecklich! Leseprobe

"Die Unzertrennlichen" ist das, was wir heute eine Coming of Age-Erzählung nennen, eine Geschichte der Auflehnung zweier Mädchen oder junger Frauen gegen die Konventionen ihrer Zeit. So weit, so bekannt und so unspektakulär. Wer aber Schaffen und Biografie de Beauvoirs im Hinterkopf hat, der erkennt, welche wichtigen Grundsteine für ihr späteres Werk und ihren privaten Werdegang hier gelegt werden. Bei demjenigen schwingt auf diesen schmalen 144 Seiten eine ganze feministische und philosophische Ideenwelt mit und eine tieftraurige Geschichte von Freundschaft, Schuld, Verzweiflung wird zu einer Erzählung des Werdens einer großen Denkerin.

Die Unzertrennlichen

von Simone de  Beauvoir
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00225-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.10.2021 | 12:40 Uhr

Das Cover von Caroline Bernhards Roman "Die Frau von Montparnasse" © Aufbau Verlag

"Die Frau von Montparnasse": Auf den Spuren von Simone de Beauvoir

Dieser unterhaltsame und kluge Roman erinnert an die starke Frau und einflussreiche Philosophin Simone de Beauvoir. mehr

Mehr Kultur

Szene im Harry Potter Theaterstück: Hexen und Zauberer beim zaubern mit Feuer. © Broadway Company 2019 / Manuel Harlan Foto: Manuel Harlan

Magisch und spektakulär: "Harry Potter und das verwunschene Kind"

Am Sonntag ist die deutschsprachige Erstaufführung gewesen. Die Theater-Show im Hamburger Mehr!-Theater verblüfft und fasziniert. mehr