Margaret Atwood: "Die Füchsin" © Piper

"Die Füchsin" - Gedichte von Margaret Atwood von 1965 - 1995

Stand: 15.10.2020 13:07 Uhr

Düstere Zukunftsszenarien mit oft feministischem Blick haben die Kanadierin Margaret Atwood weltweit bekannt gemacht. Die Roman-Autorin kann aber auch Lyrik.

von Juliane Bergmann

Winter. Zeit, um fettreich zu essen
und Hockey zu gucken. Leseprobe

Witzig und zynisch sortiert Margaret Atwood 1981 die ersten Gedanken kurz nach dem Aufwachen.

Am zinnenen Morgen springt der Kater,
eine schwarze Fellwurst mit gelben
Houdiniaugen, aufs Bett und versucht
sich auf meinen Kopf zu legen. Es ist
seine Art herauszufinden, ob ich tot bin oder nicht. Leseprobe

Neben den deutsch übersetzten Texten gibt es das englische Original

Ein Glück - nicht nur für den dreisten Kater: Äußerst lebendig ist Margaret Atwood in ihren vielen Gedichten, die sie seit Anfang der 60er-Jahre geschrieben hat. Der Berlin Verlag hat eine Auswahl daraus von neun starken Lyrikerinnen und Lyrikern übersetzen lassen - darunter Ulrike Draesner, Dagmara Kraus, Jan Wagner und Alissa Walser.

Klar, Lyrik ist bekanntlich ja unübersetzbar. Für den feinen Vergleich finden sich deshalb links im Buch die englischen Originale, rechts dann die deutschen - sehr treffenden - Übertragungen.

Atwoods Sprache ist präzise, dennoch bildreich. Da bedeckt das Wohnviertel "mutloses Gras", in der Luft liegt "ein flaues Kränkeln" und die Ahnung, dass die Häuser "in die Meere aus Lehm hinabrutschen". Definitiv schwermütig sind die Beobachtungen und Gedanken des lyrischen Ichs, beim Entschlüsseln des Liebhabers zum Beispiel.

es sind Berge
in deinem Schädel-
garten und Chaos, Ozean
und Orkan; bestimmte
Zimmerecken, Porträts
von Urgroßmüttern, Vorhänge
in einem besonderen Farbton;
deine Wüsten; deine privaten
Dinosaurier; die erste
Frau Leseprobe

Atwoods Lyrik zeigt eine neue Seite der Autorin

Ihre Gedichte sind meist knallhart. Vor düsteren, unappetitlichen oder gar morbiden Anspielungen schreckt Margaret Atwood nicht zurück. Sie schreibt über Würmer und Parasiten, über Venen, angenagte Knochen und Ratten-Urin. Inhaltlich zeigt sie sich von einer ganz ungewohnten Seite, kennt man sie doch als Autorin, die kritisch auf Politik und Gegenwart blickt, die sich mit kämpferischer Stimme für Frauenrechte und den Klimaschutz ausspricht.

In ihrer Lyrik beschaut sie sich selbst, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen, ihre Zweifel und Zerrissenheiten. Sie nimmt uns mit auf Spaziergänge, an ihren Schreibtisch und in ihr Bett. Selbst ihre Liebesgedichte sind alles andere als zart, wenngleich treffsicher und schön in ihrer Klarheit.

Aufrichtige Gedichte ohne Versmaß und Reim

Doch die Kunst besteht darin, auszuharren
in allen Erscheinungsformen; und wir tun es,
und ja, ich weiß, das bist du;
und darauf wird es hinauslaufen, früher
oder später, wenn es noch dunkler ist
als jetzt schon, wenn der Schnee kälter ist,
wenn es am dunkelsten und am kältesten ist
und Kerzen uns nicht mehr nützen
und die Sicht gleich null ist: Ja.
Du bist es noch immer. Du bist es noch immer. Leseprobe

Auch ohne festes Versmaß oder Reime hat Margaret Atwoods Lyrik einen flirrenden Rhythmus. Es fließt und tänzelt in ihren Zeilen. Der zuweilen ruppige Ton tut dem keinen Abbruch. "Die Füchsin" ist eine Sammlung sehr persönlicher, sehr aufrichtiger Gedichte. Unverkitscht, rau und lebendig.

Mit dir hätte ich
Mehr als eine Haut,
einen leeren Innenraum, ein Repertoire
unerzählter Geschichten,
einen Neuanfang. Leseprobe

Die Füchsin

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Zusatzinfo:
aus dem Englischen von Ann Cotten, Ulrike Draesner, Christian Filips, Dagmara Kraus, Elisabeth Plessen, Kerstin Preiwuß, Monika Rinck, Jan Wagner und Alissa Walser - mit einem Vorwort von Michael Krüger
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-8270-1386-6
Preis:
40,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.10.2020 | 12:40 Uhr

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