Stand: 14.07.2020 12:39 Uhr  - NDR Kultur

"Dickicht": Vom Leben der Großstädter

Dickicht
von Nina Bußmann
Vorgestellt von Matthias Schümann

Berlin ist der Schauplatz des neuen Romans von Nina Bußmann. Die Autorin lebt seit einigen Jahren in der Hauptstadt, eigentlich stammt sie aus Frankfurt am Main, dort wurde sie 1980 geboren. Ein Berlin-Roman ist "Dickicht" aber nicht, der Handlungsort wird erst ganz am Ende des Buches konkret benannt, die Handlung könnte in jeder beliebigen Großstadt spielen. Entsprechend allgemein und dabei sehr zeitgemäß sind die Sorgen und Nöte der drei Hauptfiguren des Buches.

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Nina Bußmanns Roman "Dickicht" beschreibt die Sorgen und Nöte von drei Menschen in der Großstadt.

Viele Straßen und Bürgersteige sind dieser Tage gesäumt von brauchbaren Gegenständen: Möbel, Kisten mit Büchern, altes Spielzeug. Wie es scheint, haben in den vergangenen Wochen viele Menschen die Zeit zu Hause genutzt, um mal richtig aufzuräumen. Ein Trend war das schon vor der Corona-Pandemie, und zum Trend gab es passende Sachbücher. Die Schriftstellerin Nina Bußmann hat diese Bücher gelesen und lässt den Entrümpelungstrend nun in ihrem neuen Roman vorkommen.

Dieser Glaube, dass wir nur ein paar Sachen ausmisten müssen und dann werden auch wir frei. Und das wissen auch alle selber, dass man das machen kann, aber dass manches Gerümpel wiederkommt. Leseprobe

Drei Hauptfiguren, die sich nicht um sich selber kümmern

Solche Erfahrungen machen die drei Hauptfiguren von Nina Bußmanns neuem Roman "Dickicht". Da ist zum einen Katja. Sie ist Coach und hilft anderen Menschen dabei, ihr Leben neu zu ordnen. Um sich selber kümmert sie sich dabei kaum - bis sie krank wird. Eines Tages bemerkt sie, dass ihr die Haare ausfallen.

Wenn ich eine Glatze hätte, würdest du mich noch lieben? - So redeten sie nicht miteinander. Bisher. Aber man konnte es probieren. Was soll denn die Frage, lachte Milan und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, griff in offene Stränge, rieb sie prüfend zwischen den Fingerspitzen. Hast du vor, dich zu rasieren? Nachts vor dem Einschlafen erzählte er ihr, dass ihm den ganzen Abend lang, beim Essen und beim Serienschauen, Bilder von kahlen und halbkahlen Frauen vor Augen gestanden hatten, in seiner Familie war das recht verbreitet gewesen.  Leseprobe

Nirgends wirklich ankommen

Katjas undurchdringlicher Ehemann Milan denkt viel, spricht aber wenig. Und irgendwann fühlt Katja sich wie ein Fremdkörper in seinem Leben. So eine Erfahrung hat auch Max schon gemacht, der nirgends wirklich ankommt und der sich wie Katja lieber um andere als um sich selber kümmert.

Max, die zweite Hauptfigur des Romans, hat sein Studium geschmissen, er ist Praktikant in einem Kindergarten und Mitglied einer Initiative gegen Gentrifizierung. Sein Zuhause ist ein WG-Zimmer, für das er sich schämt, als seine Bekannte Ruth ihn besucht.

Wie Ruth den Flur angeschaut hatte, die Küche, die Plakate, die vielen Schuhe. Er hatte gesehen, was sie dachte. Er wollte klarstellen, dass er für die Einrichtung hier nicht verantwortlich war. Er musste sich von den anderen abgrenzen, um den Abstand zu ihr kleiner zu machen, das war passiert, als er ihr erzählte, dass das hier mehr so eine Zweck-WG sei und er das aufblasbare Paddelboot in der Ecke noch nie benutzt hatte. Zehn Leute lebten hier, viele nur kurz, den meisten begegnete er kaum. Er bekam schnell ein komisches Gefühl in Gruppen. Leseprobe

Auf der Suche nach Zugehörigkeit

Ruth ist die dritte Hauptfigur des Romans und das Scharnier der Handlungsstränge, die Nina Bußmann gewitzt umeinander kreisen lässt. Sie ist die Freundin von Katja und Max, die sich aber nie begegnen. Ruth hat zwar die klarsten Gedanken, sorgt aber immer wieder für die größte Unordnung. Sie ist alkoholabhängig, verliert ihre Wohnung und landet nach einem Sturz im Krankenhaus. Dabei ist sie ebenso wie die anderen beiden verzweifelt auf der Suche nach Zugehörigkeit.

"Ich glaube, worum es geht und was die Leute umtreibt, ist der Gedanke, dass sie ihr Leben rausreißen könnten, dass es eine Methode gibt, wie man sich retten kann", sagt Nina Bußmann. "Ich glaube, was mich vor allem umgetrieben hat beim Schreiben, war eigentlich der Begriff von Krankheit und Gesundheit und Heilung und was das bedeutet, was wir damit meinen und wonach wir streben."

"Dickicht": Von Selbsterfahrungstrips bis Intervallfasten

Nina Bußmann schafft es, Selbsterfahrungstrips, die Anonymen Alkoholiker, Psychiatrie, klassisch-moderne Architektur und Intervallfasten in einem Roman unterzubringen. Wonach Menschen suchen, die zur Behandlung einer Krankheit zum Schulmediziner und gleichzeitig zur Wunderheilerin gehen, das kann auch dieser Roman nicht vollständig erklären. Aber wenn Nina Bußmann davon in ihrer konzentrierten und gleichsam entrümpelten Prosa erzählt, dann wirkt das packend und poetisch, und gar nicht widersprüchlich.

Dickicht

von
Seitenzahl:
317 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42910-5
Preis:
24,00 €

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