Stand: 29.08.2020 16:20 Uhr

Paul Klee: Tierbilder in allen Lebensphasen

von Juliane Bergmann

"Diesseitig bin ich gar nicht fassbar“, hat Paul Klee 1920 in einem programmatischen Text über sich gesagt - eingraviert wurde der Spruch auch auf seinem Grabstein. Der Bauhaus-Meister zählt mit seinen Stillleben, Stadtansichten und Abstraktionen zu den großen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Ein neuer Bildband zeigt nun Paul Klees tierische Werke.

Ein paar Linien - schwarz auf weißem Papier - schlängeln sich, formen ein schwungvolles "S", einen Körper. Den Kopf einer Ente: grimmige Augenpartie, ein Schnabel. Der Unterleib sieht menschlich aus, weiblich. Mit gefalteten Beinen sitzt das Wesen auf dem Boden. Beleidigt und elegant.

1937 bringt Paul Klee seinen "Aussterbenden Vogel" mit Kohle auf Papier. Auch der Titel seines Werks ist rätselhaft. Wird dieses Mischwesen, das Klee da gerade erfunden hat, sogleich wieder sterben? Fast könnte man denken, der Lyrik rappende Käptn Peng hätte 2017 seinen Song "Tier" Paul Klee gewidmet.

"Es beginnt
Sich zu verwandeln
Das Tier möchte mit den Lichtern verhandeln
Seine Gedanken
Sind gigantische Pflanzen." Käptn Peng - Liedtext "Tier"

Auseinandersetzung mit der Natur und ihren Geschöpfen

Sein Leben lang hat sich Paul Klee künstlerisch mit der Natur und ihren Geschöpfen auseinandergesetzt. Von der frühesten Kindheit in den 1880er-Jahren bis zu seinem Tod 1940. Der Bildband "Tierisches" zeigt Klees Tierbilder in allen Lebensphasen, darunter Fische, Elefanten und seine Lieblinge: Katzen.

Auf eine Lithografie von Käfern kritzelt der vierjährige Paul Klee zwei Schnecken mit Gehäuse. Als Gymnasiast ergänzt er im Biologie-Heft seine Notizen über den Wiedehopf mit einer detaillierten Federzeichnung: ein Vogel mit aufgestellter Federhaube in einer Wiesenlandschaft.

Prinzip der Reduktion

Paul Klee studiert Malerei, entwickelt kunsttheoretische Überzeugungen, lehrt ab 1921 am Staatlichen Bauhaus in Weimar, später in Dessau. Wölkchen aus Lila- und Pink-Tönen auf grober Leinwand: Darauf zeichnet Paul Klee in klaren Linien eine Szene. Ein imposanter Fuchs, kämpferisch die Haltung. In dessen Rücken balgen und knäueln sich drei kleinere Füchschen. Die Mutter und ihr Nachwuchs - so sieht's aus. Der reizende Titel des Bildes: "Sie brüllt, wir spielen."

Voller Hingabe zelebriert Paul Klee das Prinzip der Reduktion. Mit nur wenigen Strichen gelingt es ihm, so viel zu erzählen. Oft haben seine Bilder etwas Kindliches, Naives. Er erfindet surreale Welten, in denen Menschen, Tiere und Mischwesen unterwegs sind. "Die Dinge auf der Erde sind in ihrer Bewegung gehemmt und müssen einen Anstoß erfahren", erklärte Paul Klee das künstlerische Herangehen in seinen theoretischen Schriften. "Die Urbewegung ist ein Punkt, der sich in Bewegung setzt. Es entsteht eine Linie. Es ist sozusagen ein Spaziergang um seiner selbst willen."

Philosophisches über Mensch und Tier

Und dennoch steckt viel drin in Klees Kunst - sie ist viel mehr als nur bewegter Stift, viel mehr als Illustration, manchmal ist sie auch Karikatur oder philosophische Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist ein Tier? Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Die Zeichnung "Vier Körner mit Besteck!" zeigt in flinken, blauen Strichen ein Pferd. Mürrisch schaut das Tier auf einen Teller vor sich, darauf kleine Getreide-Samen, unbenutzt daneben liegen Messer und Gabel. Ist das Pferd nun unzufrieden mit der wenig üppigen Mahlzeit oder weil es die menschlichen Utensilien nicht benutzen kann? Und: Stülpen wir, die Betrachter, dem Tier unsere Maßstäbe über?

Paul Klee, dessen Werke von den Nationalsozialisten als entartet beschimpft wurden, emigriert 1933 in die Schweiz und stirbt sieben Jahre später. Zurück lässt er bunte, witzige, geistreiche Bilder. Der Mensch im Tier, das Tier im Menschen.

Tierisches

von Paul Klee
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
120 Farbabbildungen, Deutsch Text von Myriam Dössegger Herausgeber: Ulrich Luckhardt, Nina Zimmer
Verlag:
Hirmer
Bestellnummer:
978-3-7774-3526-8
Preis:
59,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 30.08.2020 | 16:20 Uhr

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