Stand: 18.09.2019 14:02 Uhr

Wenn Verdrängung zum Verhängnis wird

Das flüssige Land
von Raphaela Edelbauer
Vorgestellt von Jan Ehlert
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"Das flüssige Land" ist der Debütroman der österreichischen Autorin Raphaela Edelbauer.

Der Roman "Das flüssige Land" steht auf der Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis. Die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer machte erstmals 2018 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt auf sich aufmerksam. Damals erhielt sie den Publikumspreis für einen Auszug aus "Das flüssige Land".

Als Ruth Schwarz zum ersten Mal in die Heimatstadt ihrer gerade verstorbenen Eltern fährt, ist es für sie wie eine Zeitreise. Aber nicht, weil die Erinnerungen an Familiengeschichten wieder zurückkommen, sondern weil dieser Ort, Groß-Einland mit Namen, selbst aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheint.

Wie eine alte, österreichische Stadt aussieht, war mir niemals so intensiv bewusst wie in dem Augenblick, als ich mein Gefährt durch die rechteckig durchbrochene Stadtmauer rollen ließ. Etwa hundert Meter nach einer kleinen Vorsiedelung überquerte ich eine Steinbrücke und war in der Innenstadt angekommen. In einer solchen Wohlgeordnetheit, wie sie nur ein mittelalterlicher Markt zustande bringen kann, trat das Epizentrum des alltäglichen Geschehens bereits vom Tor aus in Erscheinung: Ein rechteckiger Hauptplatz, an den sich pittoreske Gebäude anschlossen. Leseprobe

"Das flüssige Land": Leben ohne Vergangenheit

Alles in diesem Ort ist hervorragend wiederhergerichtet, sauber und rein, als hätte die Vergangenheit keine Spuren hinterlassen. Was sie auch nicht hat: Denn in Groß-Einland wurde die Vergangenheit nicht nur begraben, sie wurde nach dem Krieg, in dem die Stadt zerstört wurde, mit Unmengen von Beton zugeschüttet.

Man beschloss kollektiv, alles, was einst Groß-Einland gewesen war, mit insgesamt 16.000 Kubikmetern Beton und Steinchen zu überschütten und so die Trümmerhaufen mitsamt aller in ihnen liegenden Besitztümer, Leichen, Gebäudeteile, des Mobiliars, der Kanäle, der zerstörten Fahrzeuge und eingegrabenen Waffen in ein für die Zukunft aushärtendes Fundament zu gießen. Danach hatte man die gesamte Stadt, so wie sie vor der Zerbombung gewesen war, einige Meter höher und nach dem Vorbild historischer Fotos erneut errichtet. Eine maßstabsgetreue Replik. Leseprobe

Und so lebt Groß-Einland, als hätte es den Krieg und den Nationalsozialismus nicht gegeben. "Niemand von außen soll uns beurteilen", tönt ein Einwohner. Nein, niemand soll fragen: "Was hast Du während des Krieges gemacht?". Sie sollen in Frieden ruhen, die Leichen, die jede und jeder hier im wörtlichen Sinne im Keller hat. Doch tief im Untergrund gärt es weiter - und während man oben die Wiederauferstehung feiert, breitet sich unter der Stadt ein gigantisches schwarzes Loch aus, das droht, die gesamte Gemeinde zu verschlingen.

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Raphaela Edelbauer stellt Zeit und Raum auf den Kopf

Raphaela Edelbauers Roman "Das flüssige Land" kann man als eine düstere und hoch aktuelle Metapher lesen für das, was passiert, wenn die Vergangenheit nicht restlos aufgearbeitet wurde. Wenn Hass und Herrenrassengefühle nur übertüncht, nicht aber an der Wurzel bekämpft wurden. Aber so einfach ist es nicht: "Aber wenn Sie Ihre Antworten doch schon haben", protestiert eine Figur des Romans gegen weitere Fragen nach dem, was einmal war. "Dabei", so ruft sie weiter, "haben Sie keine Ahnung von der Komplexität der Materie". Damit ist nicht nur die Geschichte von Groß-Einland gemeint, sondern auch Edelbauers Erzählstruktur, die das Konzept von Zeit und Raum auf den Kopf stellt.

Im zeitlosen Universum liegen alle möglichen Welten in vollkommener Gleichzeitigkeit nebeneinander: Die Konfigurationen sind miteinander verbunden, weil sich eine große Anzahl wechselseitiger Verweise in ihnen befinden. Der bevorzugte Aufenthaltsort des Bewusstseins ist also dort, wo es selbst und andere bereits viele Dinge erinnert haben. Leseprobe

Mit anderen Worten: Wir lesen das in dieses Buch hinein, was uns bekannt vorkommt, und freuen uns über die Verweise, die wir wiedererkennen - auf Kafkas Schloss, auf Musils Mann ohne Eigenschaften, auf die Schauergeschichten von Wilhelm Hauff.

Deutscher Buchpreis für "Das flüssige Land"?

Man kann dieses Buch aber auch anders lesen, das macht seine Stärke aus: als Parabel gegen den Klimawandel, als Drogenrausch, als Groteske.

"Haben Sie ein Zimmer frei?", fragte ich. - "Alles ausgebucht", sagte Frau Erna, ohne aufzublicken. - "Der Nachtwächter hat mir diese Pension empfohlen." - "Natürlich haben wir Zimmer frei," sagte die Frau mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie nicht gerade noch das Gegenteil behauptet. "Mein Name ist Dorothee, wenn Sie etwas brauchen, melden Sie sich." - Ich zeigte auf den Schriftzug auf ihrer Brust. "Aber da steht doch Frau Erna". - "Aber nein, das ist der Name des Gasthofs." - "Ist das hier nicht die Pension zum Fröhlichen Kürbis?" - "Doch, doch." Leseprobe

So ist das flüssige Land, das Raphaela Edelbauers Roman den Titel gibt, viel mehr als nur die Gegend um das fiktive Groß-Einland. Es steht für die Literatur selbst, in die wir immer wieder eintauchen können - und, je nachdem, wo und wann wir lesen - ganz unterschiedlich daraus wieder hervorkommen. Am 14. Oktober wird bekannt gegeben, ob "Das flüssige Land" den Deutschen Buchpreis 2019 bekommt.

Das flüssige Land

von
Seitenzahl:
350 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett-Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-96436-3
Preis:
22,00 €

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