Stand: 19.07.2020 12:40 Uhr

Ein Meisterwerk über den Kampf für den Frieden

von Katja Weise
Cover des Buchs "Apeirogon" von Colum McCann © Rowohlt
Colum McCanns Roman "Apeirogon", erschienen bei Rowohlt.

"Außergewöhnlich", "ein Meisterwerk" - diese Worte waren in Rezensionen zu lesen, als im Februar Colum McCanns Roman "Apeirogon" in den USA erschien. Nach hoch gelobten Büchern wie "Der Tänzer" über Rudolf Nurejew oder "Die große Welt" über den Hochseilartisten Philippe Petit hat sich der 1966 in Dublin geborene Schriftsteller und Journalist in "Apeirogon" mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern beschäftigt. Nun erscheint der Roman auf Deutsch.

"Sie nutzen ihren Schmerz als Waffe für den Frieden", sagt Colum McCann über die beiden Männer, von deren Leben er dieses Mal erzählt. Der Israeli Rami Elhanan und der Palästinenser Bassam Aramin hätten allen Grund, sich zu hassen. Beide haben ihre Töchter verloren: Smadar starb 1997, mit 13, bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag, Abir zehn Jahre später, mit 10, durch die Kugel eines israelischen Grenzsoldaten. "Den Geschichten dieser beiden Männer zuzuhören, hat mein Leben total verändert", sagt Colum McCann. "Zu hören, wie sie über ihre Töchter gesprochen haben, wie sie sie verloren haben und wie sie damit umgehen. Ich wusste gar nicht mehr, was ich tun sollte, habe versucht, einen Roman zu schreiben, bin krachend gescheitert. Dann habe ich mir gesagt: Ich muss zurück."

Gemeinsamer Kampf für den Frieden

Und so erzählt McCann nun auf seine Weise die Geschichten, die Rami und Bassam seit Jahren vor vielen Menschen, oft Schulkindern, erzählen, bis zu sechs Mal am Tag. Sie nennen sich "Bruder" und kämpfen gemeinsam für den Frieden.

"Er (Rami) war jetzt mit den Wörtern verbunden, es waren seine, sie gehörten ihm, und sie dienten einem Zweck. Er wollte die Zuhörer wachrütteln. Eine Regung sehen. Nur kurz. Ein sich öffnendes Auge. Oder eine hochgezogene Braue. Das genügte schon. Einen Riss in der Mauer, sagte er. Den Anflug eines Zweifels. Irgendetwas." Leseprobe

Die große Geschichte von Krieg und Frieden, aufgesplittert in rund 1.000 Kapitel, kurze, kürzeste und lange, von 1 bis 500 und dann wieder abwärts zählend bis 1.

Dem Schreiben ging eine lange Recherche voraus

Der Schriftsteller Colum McCann © P. Matsas/Opale/Leemage/laif
Der 1966 in Dublin geborene Schriftsteller und Journalist Colum McCann hat sich mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern beschäftigt.

Fünf Jahre hat McCann recherchiert und geschrieben, auch in diesem Roman ist deutlich spürbar, dass er Journalist und Schriftsteller ist. Wie er dann seine Geschichte baut, aus gefühlt unendlich vielen, kleinen, ist große Kunst, ein literarisches Apeirogon. Apeirogon ist eine geometrische Form mit unendlich vielen Seiten. Rund 600 füllt McCann - auf denen er seine Leser nach Jerusalem und nach Bait Dschala mitnimmt, zu den Checkpoints, in die Siedlungen, zu den Treffen der Eltern, die ihre Kinder verloren haben.

Mit Rami auf dem Motorrad

Wir sitzen mit auf Ramis Motorrad, mit dem er zu diesen Treffen fährt, oft auf Straßen, die für Israelis eigentlich verboten sind. "Ich wollte, dass der Leser mit auf diesem Motorrad ist", sagt McCann. "Deshalb habe ich Rami, obwohl er eigentlich eine Automatik fährt, eine Maschine mit Gangschaltung gegeben. Es ist einfach sexy, sich durch die Gänge zu klicken, dann bist du ganz anders dabei. Ich schreibe auch, dass Bassam ein Zuckerperlen-Armband, das Abir kurz vor ihrem Tod gekauft hat, immer mit zu Veranstaltungen nimmt. Das stimmt nicht, aber es ist die Wahrheit. Die Leser sollen mit diesen Männern fühlen."

Kaleidoskop des Schmerzes und der Hoffnung

Wie Colum McCann schildert, was Rami und Bassam widerfahren ist, ist faszinierend: wie er ihre Geschichten einbettet, den Bogen schlägt von Theresienstadt nach Jerusalem, vom Vogelzug über dem Westjordanland und dem Toten Meer zu Mahatma Gandhi. Aus scheinbar willkürlichen Kapitelsprüngen zwischen Themen und Zeiten entsteht ein globales Kaleidoskop des Schmerzes und der Hoffnung. Im Kern steht die Frage: Was ist der Mensch? Müssen wir nicht als Menschen zusammenleben? Sind nicht die, die wir oft als Gegner sehen, auch Opfer? Geschichten wie die von Rami und Bassam, davon ist McCann überzeugt, können helfen, das zu verstehen.

"Du und ich, in der steingefliesten Kapelle, in der wir stundenlang gespannt, hoffnungslos, zuversichtlich, verstört, zynisch, betroffen, schweigend zuhören, während die Erinnerungen über uns hereinstürzen, unser Synapsen tanzen und wir uns in der vordringenden Dunkelheit all die Geschichten ins Gedächtnis rufen, die noch erzählt werden müssen." Leseprobe

Diese Sätze sind das Herzstück des Romans, genau in der Mitte zu finden unter der Überschrift "1001". Geschichten haben Scheherazade das Leben gerettet. Auch "Apeirogon" ist ein außergewöhnliches Buch, und ja, ein Meisterwerk.

Apeirogon

von Colum McCann, aus dem Amerikanischen von Volker Oldenburg
Seitenzahl:
608 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04533-3
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.07.2020 | 12:40 Uhr

Cover des Buchs "Die Hosen der Toten" von Irvine Welsh © Randomhouse/Heyne
4 Min

Irvine Welsh: "Die Hosen der Toten"

In "Die Hosen der Toten" gibt es ein Wiedersehen mit den Helden von "Trainspotting". Einmal mehr zeigt Irvine Welsh sich als Meister des bitterbösen Sarkasmus. 4 Min

Cover des Buchs "Am Rand der Dächer" von Lorenz Just © Dumont
5 Min

Lorenz Just: "Am Rand der Dächer"

Lorenz Just erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte der Nachwendezeit in Berlin aus den Augen eines Kindes - eine Biografie, die immer wieder in Reflexionen mündet. 5 Min

Cover des Buchs "Mein Ostende" von Jochen Schimmang © mare
5 Min

Jochen Schimmang: "Mein Ostende"

Jochen Schimmang lässt in "Mein Ostende" sein Alter Ego in der belgischen Küstenstadt abtauchen. 5 Min

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Miguel de Cervantes: "Don Quijote"

Der "Ritter von der traurigen Gestalt" unterscheidet nicht zwischen Dichtung und Wahrheit. Er lebt seinen Traum vom stolzen Ritter und scheitert an der Realität. 5 Min

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Foto: Patricia Batlle
4 Min

Colum McCann: "Apeirogon"

In seinem neuen Roman "Apeirogon" beschäftigt sich der Schriftsteller und Journalist Colum McCann mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. 4 Min

Mehr Kultur

Nick Tschiller (Til Schweiger) schwerbewaffnet im Speicher. © NDR/Marion von der Mehden

50 Jahre Tatort: Wie realistisch ist die Krimireihe?

Explosionen, Verfolgungsjagden, Schießereien. Wie realistisch wird Polizeiarbeit in der ARD-Krimireihe eigentlich dargestellt? mehr

Lutz Krajenski sitzt an der Hammond-Orgel © NDR.de Foto: Claudius Hinzmann

Lutz Krajenski im Solokonzert

Lutz Krajenski ist aus der norddeutschen Musikszene nicht wegzudenken. Für uns spielte der Hannoveraner ein Solokonzert. mehr

Aeroslo bei Bläsern © Bayerischer Rundfunk

Studie: Blasinstrumente stoßen Aerosole unterschiedlich aus

Wie breiten sich Aerosole bei Blasinstrumenten aus? Eine neue Studie aus München bringt überraschende Erkenntnisse. mehr

In der Zeitung ist ein polemischer Artikel über Brockmöller (Charles Brauer, links) erschienen; es geht um seine Beziehung zu einer angeblich von Harry Mucher erschossenen Polizistin, mit der Brockmöller befreundet war. Zusammen mit Stoever (Manfred Krug, rechts) fragt der verärgerte Brockmöller sich, woher die Presse so detaillierte Informationen hat, ohne je mit ihm gesprochen zu haben? © NDR/Studio Hamburg

Tatort-Jubiläum: Mord ist bei Stoever und Brockmöller Nebensache

Die Schauspieler Manfred Krug und Charles Brauer waren im Film Partner und Freunde - die Freundschaft hielt auch danach. mehr