Stand: 24.08.2020 12:40 Uhr

Christoph Peters über seine Anti-Atomkraft-Jugend

von Katja Lückert

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar am Niederrhein geboren. Für seine Bücher wurde er mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis und dem Wolfgang-Koeppen-Preis. Zuletzt sind von ihm bei Luchterhand der Erzählungsband "Selfie mit Sheik" und der Roman "Das Jahr der Katze" erschienen. In seinem neuen Roman kehrt er in das Dorf seiner Kindheit und Jugend zurück. In Kalkar sollte in den 70er-Jahren ein "Schneller Brüter" gebaut werden. Nach langen politischen Auseinandersetzungen ging das AKW Kalkar nie ans Netz, es wurde zu einer der größten Investitionsruinen in Deutschland. Nicht zuletzt die politische Stimmung nach dem GAU im Kernkraftwerk Tschernobyl hatte das Unternehmen zum Scheitern gebracht. Einige der größten Anti-Atomkraft-Demonstrationen der alten Bundesrepublik haben unmittelbar vor unserer Haustür vorbeigeführt, schreibt Peters auf seiner Webseite.

Cover des Buchs "Dorfroman" von Christoph Peters © Luchterhand
Christoph Peters' Roman "Dorfroman", erschienen bei Luchterhand.

Hülkendonck, ein Dorf am Niederrhein, war ein friedliches Fleckchen Erde zwischen landwirtschaftlichen Betrieben mit Ackerbau und Viehzucht, bis Anfang der 70er-Jahre hier ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte. Dieses entscheidende Ereignis seiner Jugendzeit habe nicht nur das gesamte Land, sondern auch das Dorf zerrissen, glaubt Christoph Peters:

Eine Jugend in der Anti-Atomkraft-Bewegung

"Es wurde dann auch für mich der Bruchpunkt der pubertären Auseinandersetzung, weil ich als Kind natürlich geglaubt habe, mein Vater, meine Eltern haben recht, wir brauchen dieses Atomkraftwerk, das ist wichtig für die Wirtschaft und für den Fortschritt und für die Entwicklung des Landes - und dann, sobald ich vierzehn, fünfzehn war, realisiert habe: Diese Technologie ist hoch gefährlich, sie ist Teil der Umweltzerstörung. Und dagegen wollte ich kämpfen."

Eine autobiographische Spurensuche

Die Anti-AKW-Bewegung formiert sich in einem Melkstall, den der Bauer Ernst Praats an eine aus der Stadt angereiste Gruppe junger Leute vermietet, die zunächst zaghaft mit Flugblättern und Info-Ständen an die Öffentlichkeit tritt. Hier lernt der Ich-Erzähler, der bis dahin seine freie Zeit dem Schmetterlingsfang gewidmet hatte, eine neue Welt und auch seine erste Liebe Juliane kennen. Christoph Peters erzählt in diesem autobiographischen Roman von einer Spurensuche im Dorf seiner Kindheit, wo alles Wichtige schwarz-weiß war, die Zeitung und das Fernsehen und, metaphorisch gedacht, vielleicht auch die Haltungen. Offenbar gab es wenig Platz für gedankliche Grautöne im Elternhaus des Erzählers. Sein Vater, streng katholisch und im Kirchenvorstand aktiv, hatte selbst den Verkauf des Baulands an die Brüterbetreiber miteingefädelt:

Natürlich habe ich zu wenig gefragt und zu wenig zugehört. Jahrzehntelang wollte ich meiner Mutter, meinem Vater in erster Linie erklären, wer ich selber war, weil ich sie und ihre Vorstellungen von der Welt ja kannte, wohingegen ich dachte, dass meine eigenen Überlegungen und Entschlüsse für sie mindestens ebenso interessant und überraschend sein müssten wie für mich. Auch jetzt, wo es fast zu spät ist, frage ich nur selten, obwohl ich es mir oft vornehme und auf dem Weg hierher jedes Mal überlege, was ich unbedingt noch wissen will. Leseprobe

Zeitgeist und Konflikte in der jungen Bundesrepublik

In dreißig Kapiteln verschränkt Christoph Peters verschiedene Zeitebenen. Er berichtet von einem Besuch bei den Eltern des Ich-Erzählers in der Gegenwart, aber auch davon, wie dieser als Kind zum ersten Mal ein Huhn gefangen hat und wie er als Jugendlicher erleben musste, dass seine Freundin Juliane bei Auseinandersetzungen mit der Polizei auf einer Anti-AKW-Demonstration verletzt wurde. Seine inneren Konflikte spielen sich meist im Spannungsfeld zwischen Dorf und Stadt ab. Denn im Dorf, wo alle oft schon seit Generationen miteinander verbunden sind, herrschen andere Gesetze, versucht er Juliane mühsam zu erklären, als sie ihm vorschlägt, doch auf einer Kundgebung aus der Deckung zu gehen: 

Ich hatte, wie es sich gehörte, immer "Herr Praats" und "Sie" gesagt, solange ich noch regelmäßig auf seinem Hof gewesen war.
"Es wäre mir peinlich, wenn er mich jetzt ansprechen würde, vor all den Leuten hier. Ich bin ja früher mit seinen Söhnen in dieselbe Klasse gegangen."
"Ja und?"
"So Dorfkram halt. - Du kommst aus der Stadt, ihr habt ein gemeinsames Ziel, da spielen solche Sachen keine Rolle. Ich bin aus Hülkendonck - quasi meine gesamte Familie lebt hier, teilweise schon seit Jahrhunderten. Egal, was ich politisch denke, ich bleibe … Wie soll ich das sagen … Es ist einfach etwas anderes."
"Verstehe ich nicht." Leseprobe

Der "Dorfroman" ist ein wunderbar nachdenkliches Buch, das den Zeitgeist, aber auch die Konflikte der jungen Bundesrepublik einfängt und zugleich - durchaus fesselnd - eine tragische Liebesgeschichte erzählt.

Dorfroman

von Christoph Peters
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87596-5
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.08.2020 | 12:40 Uhr

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