Stand: 27.05.2016 10:40 Uhr

Scheitern am amerikanischen Traum

Was ich euch nicht erzählte
von Celeste Ng, aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
Bild vergrößern
Der Roman wurde bei Erscheinen in den USA begeistert gefeiert und wird demnächst verfilmt.

Der Nachname der Autorin besteht nur aus zwei Buchstaben und man sollte ihn sich durchaus merken: N-g, ausgesprochen wird es "Ing". Der Vorname lautet Celeste. Celeste Ng's Familie hat chinesische Wurzeln - und von der Geschichte einer chinesisch-amerikanischen Familie handelt auch ihr Roman: "Was ich euch nicht erzählte".

Eine richtige Bilderbuchfamilie

Von außen betrachtet ist die Familie Lee eine amerikanische Bilderbuchfamilie. Der Vater James, Kind chinesischer Einwanderer, ist ein Musterbeispiel für Integration: Er lehrt als Wissenschaftler an der Universität. Die Mutter hat ihr Medizinstudium ihren drei Kindern zuliebe abgebrochen. Die Kinder sind gute Schüler, begabt, hübsch und liebenswürdig. Eine heile Familie bis zu dem Tag, an dem die älteste Tochter Lydia verschwunden ist und ihre Leiche im See gefunden wird.

An dieser Stelle nähert sich Celeste Ng mit einem auf die innere Seelenwelt scharf gestellten Mikroskop den einzelnen Familienmitgliedern. Da wimmelt und brodelt es. Es gibt in jeder Familie tausend Dinge, die man einander nicht sagt, aus Loyalität, aus Furcht, aus Rücksicht:

"Die Dinge, die wir nicht sagen, nagen oft an uns. Sei es, weil wir sie nicht ausgesprochen haben, oder weil der andere uns nicht angehört hat, obwohl er es wirklich wollte", sagt Celeste Ng. Immerhin lebt man ja auch auf engstem Raum miteinander. Die Geheimnisse werden nun aufgedeckt, um zu verstehen, warum Lydia im See ertrunken ist.

James will wie ein weißer Amerikaner sein

Rückblenden gehen in die Geschichte von Lydias Vater: Seine Eltern waren unfassbar schwer schuftende Einwanderer aus China, die ihrem Sohn eine glänzende Zukunft ermöglichen wollten. Er schafft es zum Studium und versucht, zu sein und auszusehen wie alle anderen:

Alle Schüler stammten offenbar von Pilgern, Senatoren oder Rockefeller ab, und als sie einmal im Unterricht ein Stammbaum-Projekt durchführen sollten, tat er, als hätte er die Hausaufgabe vergessen. Leseprobe

James arbeitet hart, um zu sein wie die weißen Amerikaner, und ist überwältigt, als er Marilyn kennenlernt:

Und so konnte James es kaum glauben, als sich Marilyn im Herbst 1957 über seinen Schreibtisch beugte und ihn küsste, als dieses schöne honigblonde Mädchen ihm erst in die Arme fiel und später in sein Bett. Leseprobe

Große Vorbehalte gegen eine Mischehe

Marilyns Mutter ist entsetzt, als ihre Tochter, für die sie extrem ehrgeizige Pläne geschmiedet und alleinerziehend hart mit ihr gearbeitet hat, einen Asiaten heiratet.

"Denk an deine Kinder", sagte sie. "Wo wollt ihr leben? Ihr werdet nirgendwo hinpassen. Du wirst es dein Leben lang bereuen." Leseprobe

Die Mutter ist grausam, aber die wirkliche Grausamkeit ist, dass sie recht behält. Durch die Familie geht ein seltsamer Riss, der Auswirkungen auf das Leben der Kinder hat. Aber gar nicht vor allem durch ihre so unterschiedliche Herkunft, sondern durch vollkommen übertriebene Anpassungsansprüche an eine Gesellschaftsschicht, die vor Borniertheit und Überheblichkeit strotzt.

Differenzierte Milieustudie

Auch die drei Kinder sollen sich da einfügen, besser sein als alle anderen, den amerikanischen Traum erfüllen, die Eltern noch überflügeln, vergessen lassen, dass ihre chinesischen Großeltern sich in der Küche abgerackert haben. Das ist ein wesentlicher Aspekt in dieser sehr differenziert aufgefächerten Milieustudie.

Celeste Ng hat einen großartigen, nuancenreichen Familienroman geschrieben über Träume und Enttäuschung, innere Wirklichkeiten, Einsamkeit, Traurigkeit und nicht zuletzt über den Kummer beim Erwachsenwerden.

Was ich euch nicht erzählte

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-28075-4
Preis:
19,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.05.2016 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

05:52
Kulturjournal
01:43
NDR//Aktuell

The King's Singers begeistern a cappella

17.07.2018 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
12:09
NDR Info