Stand: 12.08.2020 10:53 Uhr  - NDR Kultur

Monika Maron über Männer und ihren Machtverlust

Artur Lanz
von Monika Maron
Vorgestellt von Marie Schoeß
Cover des Buchs "Artur Lanz" von Monika Maron © S. Fischer
In "Artur Lanz" begegnet die Ich-Erzählerin einem zerrissenen Mann um die 50 und denkt über Männer und deren Machtverlust nach.

Was ist los mit Monika Maron? Das fragte sich das deutschsprachige Feuilleton nicht nur einmal in letzter Zeit: Monika Maron wurde Anfang der 80er-Jahre bekannt, als sie in der DDR nicht veröffentlichen konnte und im S. Fischer Verlag eine literarische Heimat fand - bis heute ist dies ihr Hausverlag. Ihre Romane sind geprägt von stilistischer Sicherheit, einem kritischen Geist und literarischer Erfindungslust. In jüngerer Zeit äußerte sie sich wiederholt islamkritisch, wehrte sich gegen das Gendersternchen, aber auch dagegen, in die Nähe zur Neuen Rechten gerückt zu werden. Auch ihr neuer Romans "Artur Lanz" bietet Anhaltspunkte für Kontroversen.

Wissen Sie, warum ich Artur heiße? Weil meine heldenverliebte Mutter mit der Verbindung von Artur und Lanz die Geschichte vom Heiligen Gral beschwören wollte. König Artus und Lancelot in ihrem einzigen Sohn vereint, davon muss sie geträumt haben. Leseprobe

Aber aus Artur Lanz ist kein Held geworden: Anfällig für allerlei Infekte ist dieser Mann um die 50. Ein Vermittler, kein Kämpfer. Immerhin, eine große Liebe hatte er, nicht seine Frau, die nicht, eine andere, eigentlich bloß eine Episode, denn am Ende fehlte der Mut, das Leben wirklich umzukrempeln. Die Begegnung mit diesem Mann und seine rührende Zerrissenheit, sie sind für die Ich-Erzählerin des Romans Anlass nachzudenken, zu lesen und zu schreiben: über die Männer und deren Machtverlust. Über alte Helden und das Misstrauen gegenüber diesen Gestalten in unserer Zeit. Über heutige Frauen und ihre Affinität, Männer zu demütigen, umzuerziehen.

In den Jahrzehnten dieser weiblichen Selbstüberhöhung wuchs Artur Lanz zum Mann heran. Wie mag es ihm ergangen sein zwischen der Heldensehnsucht seiner Mutter und der Ermunterung seiner Lehrerinnen, mit Puppen zu spielen und wie ein Mädchen zu weinen, statt wie ein Junge die Tränen tapfer zu schlucken, als wäre es tatsächlich ein Beweis für Empfindsamkeit, bei jeder Gelegenheit loszuheulen. Leseprobe

Monika Maron provoziert

Der Roman, der so erzählerisch beginnt und wieder einmal beweist, wie schnell Monika Maron den Leser mit ihrer Sprache bindet, dieser Roman entwickelt sich bald zum Thesenroman, und die Thesen klingen hier und da, als sollten sie Leser provozieren, die in der Literatur nach Belegen dafür suchen, dass "die Maron" politisch nun wirklich verloren ist. Wenn die Erzählerin zum Beispiel gesteht, welche Erleichterung sie abends auf der Straße überkommen habe, als ein weißer Mann hinter ihr gelaufen sei. Wenn sie wieder und wieder raunt, dass es bisher ja nicht nötig sei, sich zu verteidigen.

Aber jetzt, sagte Herr Lanz, der sich aus den Reminiszenzen an seine absolut normale und dann doch verunglückte Ehe wieder gelöst hatte, aber jetzt, sagte er mit überraschender Entschlossenheit in der Stimme, hätte er sich bei einem Selbstverteidigungstraining angemeldet. Er hätte darüber nachgedacht, wie er sich wohl verhalten würde, falls er erleben müsste, dass eine Frau oder überhaupt ein wehrloser Mensch angegriffen wird. Leseprobe

Suchende Charaktere und feine Ironie

Maron füllt diesen Roman aber nicht bloß mit Thesen, sondern auch mit im Kern vereinzelten, suchenden Charakteren und feiner Ironie: Über die schwelende Katastrophe wird diskutiert, während Steinbutt gereicht wird, ein Glas Sauvignon, Austern und Champagner. Das erinnert schon fast an Goethes Werther, der beim Zubereiten einiger Erbsen von homerischen Gastmählern und ihren blutigen Opfern träumte, was noch dem letzten Leser klarmachte, wie weit entfernt dieser Mann von seinen literarischen Vorbildern ist.

Solche stillen Widersprüche geben dem Roman Kraft und nebenbei verhindern sie, dass er sich auf triste Stammtisch-Thesen reduzieren lässt. Aber Lesen ist komplizierter und aufregender als das: Wer wirklich liest, wird sich nicht damit zufriedengeben, These und Widerspruch zu notieren und am Ende seiner Strichliste festzustellen, dass keine These stehen bleibt. Wer liest, identifiziert sich, er leiht einer Figur testweise seine Stimme und ist nicht ganz sicher, was ihm dabei geschieht. Monika Maron kennt diese Kraft der Literatur und beschwört sie in diesem Roman.

Aber man weiß ja nicht, was mit den Geschichten, die man liest, passiert. Man verbringt ein paar Tage mit fremden Menschen in einer anderen Welt, freut sich mit ihnen, leidet mit ihnen, trauert und ist glücklich mit ihnen, und dann verlässt man sie wieder oder vergisst sie sogar. Aber irgendwo bleiben sie ja wie alle Erinnerungen, und eines Tages, wenn ihre Zeit gekommen ist, tauchen sie wieder auf. Leseprobe

"Artur Lanz": Ein Buch, an dem man sich reiben kann

In diesem Roman fühlt sich eine Leserin nun über lange Passagen in Figuren ein, die ihr unheimlich sein, sie auch abstoßen können. Intellektuell entsteht daraus ein Spiel voll aufregender Fragen: Wie lang bin ich bereit, dieser Figur meine Stimme zu leihen? Was macht mich eigentlich so nervös daran - dass ich die Thesen nicht teile und nicht widersprechen kann, Seite um Seite, oder dass ich diese Thesen in einer so literarischen Sprache wiederfinde? Gestehe ich die Freiheiten des fiktiven Raums nun jeder Figur zu oder entziehe ich sie bestimmten Stimmen? Aber warum und wann?

All das sind ungemein spannende Fragen, und es ist ein Gewinn, sich an diesem Buch zu reiben. Aber der andere Reiz von Literatur, das Wunder, sich einer Figur ganz und gar zu öffnen, ihr - vorbehaltlos - nah zu kommen, dieser Reiz ist nicht Teil des Spiels.

Artur Lanz

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-397405-8
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.08.2020 | 12:40 Uhr

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