Stand: 28.01.2018 12:40 Uhr

Moderne Tagelöhner

Wie hoch die Wasser steigen
von Anja Kampmann
Vorgestellt von Tino Dallmann
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Die gebürtige Hamburgerin Anja Kampmann arbeitet gern mit Musikern und bildenden Künstlern zusammen.

Wellen brechen an einer Ölplattform im Atlantik. Es ist eine graue, stürmische Nacht, als einer der Arbeiter auf der Bohrinsel bei einem Unfall stirbt. Zurück bleibt sein Freund und Kabinennachbar Waclaw. Der brach einst aus dem Ruhrgebiet auf, um in der Ferne sein Glück zu finden und vor allem, um Geld zu verdienen. Nach dem Tod seines Freundes stellt Waclaw dieses Versprechen zusehends infrage. 

"Seit zwei Monaten waren die Bohrungen in Gang, tobte der Atlantik an ihnen vorbei auf den nordafrikanischen Kontinentalsockel zu, hatten sie Sandstein und Basalt durchbohrt, achtzig Meilen vor der Küste, für nichts als Schlamm und Steine." Leseprobe

Sich fremd fühlen

Kurzentschlossen packt Waclaw die Sachen seines Freundes zusammen und beschließt, sie zu dessen Familie zu bringen. Es folgt eine Reise durch halb Europa: Von der Heimat des Freundes in Ungarn fährt Waclaw über Italien und die Alpen zurück in seine eigene Heimat - das Ruhrgebiet.

Anja Kampmanns Debütroman "Wie hoch die Wasser steigen" erzählt von einer Freundschaft und davon, wie schwierig es ist, sich in einer immer unübersichtlicheren Welt zu verorten. Denn wohin Waclaw auch kommt, er ist immer ein Fremder.

Es ist ein grundlegendes Gefühl, das Anja Kampmann in ihrem Roman beschreiben wollte, wie sie sagt: "Die alltägliche Erfahrung kennen die meisten. Dieses Gefühl, wenn man lange weg war: Man geht in denselben Supermarkt, aber es hat eine kleine Verschiebung gegeben und man passt nicht mehr ganz dahin. Das ist natürlich bei Waclaw noch einmal viel extremer."

Die Welt des Bergbaus

Wer Waclaw auf seiner Reise folgt, der folgt auch dem Sprach- und Bilderrausch, den Anja Kampmanns Roman erzeugt. Eindrücklich beschreibt sie den nasskalten Alltag auf der Bohrplattform, die weiten Landschaften Ungarns und die verlorene Bergarbeiterwelt des Ruhrgebiets. Manche Erinnerungen kommen als Bilder an die Oberfläche, ähnlich einem wertvollen Metall, das man unter Tage findet.

Kein Wunder, denn die Welt des Bergbaus ist für Anja Kampmann poetisch aufgeladen: "Früher hatte man diese schlagenden Wetter, da dachte man immer, in den Gruben ist ein Ungeheuer und deswegen fallen die Männer um. Deshalb ist auch die ganze Bergbauthematik mit angelegt. Das ist ein alter Topos und gleichzeitig ist es etwas sehr Rationales und Handfestes."

Erinnerungen blitzen auf

Auch Anja Kampmanns poetisches Vorgehen gleicht einer Tiefenbohrung. Schicht für Schicht legt sie Erinnerungen frei. So lange, bis sie zum Kern von Waclaws Rast- und Heimlosigkeit kommt. Immer wieder blitzen beispielsweise Bilder seiner Freundin Milena auf, die ihn verlassen hat. Eine gemeinsame Heimat, so wie der Philosoph Immanuel Kant immer untrennbar mit Königsberg verbunden war, gab es für beide nur für eine kurze Weile.

"Die Zeit war kein Skihang, den man einfach wieder hinabfahren konnte. Es ging immer weiter hinauf in diesen Nebel; er hatte eine vage Erinnerung, dass es nicht immer so gewesen war. Dass sie sich erzählt hatten, bis es hell wurde. Milena, ihr inneres Königsberg. Orte, die sie gemeinsam kannten. Als würde es reichen, wenn man davon sprach." Leseprobe

Anja Kampmann bringt etwas zur Sprache, für das uns sonst die Worte fehlen. Mit "Wie hoch die Wasser steigen" ist ihr ein hochaktueller Roman gelungen, der von den flexiblen Tagelöhnern unserer Gegenwart erzählt. Fast möchte man von einem globalisierungskritischen Roman sprechen - aber dieser Begriff wäre dann doch zu prosaisch.

Wie hoch die Wasser steigen

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-25815-0
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.01.2018 | 12:40 Uhr

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