Stand: 08.02.2018 10:40 Uhr

Eine zerstörerische Beziehung

Jahre später
von Angelika Klüssendorf
Vorgestellt von Heide Soltau
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Die 1958 geborene Autorin stand mit ihren Romanen mehrfach auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Vor sieben Jahren war sie noch namenlos, die Titelfigur in Angelika Klüssendorfs Roman "Das Mädchen". Die Geschichte einer Heranwachsenden aus verwahrlosten Verhältnissen, die von einer sadistischen Mutter mit Schlägen traktiert und oft tagelang im Keller eingesperrt wird. Drei Jahre später publizierte Angelika Klüssendorf die Fortsetzung und gab dem Mädchen den Namen "April". Nun ist ein dritter Band erschienen: "Jahre später".

Ungeplante Romantrilogie

Geplant war das nicht. Angelika Klüssendorf hatte ursprünglich nicht vor, eine Trilogie über das Mädchen April zu schreiben: "Ich wollte nur über eine Kindheit schreiben. Dann hat mich allerdings selber interessiert, wie wird das Mädchen eine Mutter? Wie schafft sie es? Oder schafft sie es nicht? Und dann wollte ich April jetzt im dritten Band, also in Jahre später, einfach als Schriftstellerin entlassen, dass sie zumindest das geschafft hat."

Sie schafft es, aber sie schafft es nur mit vielen Umwegen. Nicht nur einmal schliddert sie gefährlich nah am Abgrund vorbei. April mag sich noch so sehr anstrengen, die als Kind erfahrene Lieblosigkeit und Gewalt haben sich eingraviert in ihre Seele. Mit 18 sieht sie keinen Ausweg mehr und steckt den Kopf in den Backofen. Davon erzählt Angelika Klüssendorf im zweiten Band ihrer Trilogie mit dem Titel "April". In dem jetzt erschienenen dritten Teil "Jahre später" heiratet sie den Chirurgen Ludwig, einen unstetigen, windigen Kerl. Lass die Finger von ihm, möchte man ihr zurufen, doch vergeblich.  

"April ist auch korrumpierbar, die ist korrumpierbar durch Zuneigung", erklärt die Autorin. "Und Ludwig, der schillernde Chirurg hat auch um April geworben. Der hat so sehr um sie geworben, wie sie das nie zuvor erlebt hat. Eine Weile hat sie auch gedacht, dass wirklich sie damit gemeint ist."

Geschichte mit autobiografischen Zügen

Angelika Klüssendorf erzählt in ihrer Romantrilogie auch von sich und ihrer Geschichte. So wie das Mädchen April stammt sie aus prekären Verhältnissen. Sie weiß, was es bedeutet, mit einer lieblosen, sadistischen Mutter aufzuwachsen, und wie zerstörerisch die Nachwirkungen einer solchen Kindheit sind. Angelika Klüssendorf hat diese Vergangenheit nie verleugnet, ebenso wenig wie ihre Ehe mit dem Journalisten und Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, die nun in den Roman "Jahre später" einfließt.

"Ich glaube, dass jedes Buch, jedes Zeile, jeder Satz, den man schreibt, etwas mit dem Leben als Schriftsteller zu tun, mit dem Menschen, aber eigentlich auf eine andere Weise, als das Wort authentisch gebraucht wird", meint Klüssendorf.

Man mag es den persönlichen Lebensfilter nennen, die spezifische Art und Weise eines Autors, wie er, gespeist aus seiner Biografie, eine Geschichte erlebt und sie dann erzählt. Mit April stellt Angelika Klüssendorf eine Figur in den Mittelpunkt, die das erst nach vielen Umwegen lernt. Die Leser folgen dem traumatisierten Kind, das sich wütend gegen die Zumutungen seiner Herkunft wehrt und in Büchern Zuflucht findet, bis es, älter geworden, selber zu schreiben beginnt. Aus dem namenlosen Mädchen wird April, die am Ende ein Schreibstipendium bekommt.

Schilderung einer Schreibblockade

An diesem Faden knüpft Angelika Klüssendorf in ihren neuen Roman Jahre später an. Aus April ist eine Autorin geworden, die den Chirurgen Ludwig bei einer Lesung kennenlernt. "Weit auseinanderliegende Augen in einem Kindergesicht" sitzt er im Publikum und drängt sich in ihr Leben. "Jahre später" erzählt von der Ehe der beiden, aber auch von der Schreibkrise Aprils. 

"Als ich 'Das Mädchen' angefangen habe, ist es mir immer noch so gegangen, wie ich das auch in Jahre später beschreibe, dass ich wirklich ein großes Ekelgefühl hatte", erinnert sich die Autorin. "Ich habe mich an den Schreibtisch gesetzt und am liebsten wäre ich immer wieder zurückgekrochen, weil - die Diskrepanz zwischen dem, was ich wollte, und dem, was ich konnte, war einfach noch zu groß."

Die Zweifel waren unbegründet, aber die konnte ihr niemand nehmen. Offen erzählt Angelika Klüssendorf von ihrer Selbstfindung als Schriftstellerin, einem langen, beschwerlichen Weg: "Ich habe zum ersten Mal das Gefühl von Stolz, dass ich dieses Buch geschrieben habe. Aber das kommt erst jetzt mit dem Abschließen der Trilogie."

Nach den Romanen "Das Mädchen" und "April" ist Angelika Klüssendorf mit "Jahre später" ein weiteres Meisterwerk gelungen. Verknappt in der Form und radikal im Inhalt bringt dieses Buch die Geschichte einer Ehe unerbittlich auf den Punkt.

Jahre später

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04776-9
Preis:
17,00 €

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