Stand: 19.05.2020 11:42 Uhr  - NDR Kultur

Wolfsburg zeigt Fotografien von Kasten und Hensel

von Janek Wiechers

Auch das Kunstmuseum Wolfsburg musste Corona bedingt wochenlang für das Publikum schließen. Seit dem 9. Mai hat es aber wieder geöffnet - und kann gleich zwei neue Ausstellungen präsentieren, deren Eröffnungen zuvor verschoben worden waren. Das Museum zeigt zum einen die Ausstellung "Works" mit Arbeiten der US-amerikanischen Fotografin Barbara Kasten und zum anderen in "Zwischenwelten" Fotografien des Düsseldorfer Künstlers Ulrich Hensel.

Ulrich Hensel, "Düsseldorf, Grünstrasse" aus dem Jahr 1998  Foto: Ulrich Hensel
Ulrich Hensel, "Düsseldorf, Grünstrasse" aus dem Jahr 1998

In einer grauen Betonwand klafft ein Loch, aus dem stechend-blaue Brocken aus Styropor quillen. Sie ergießen sich wie Eisbrocken eines Gletschers auf einen Schuttberg. Auf einem anderen Foto sind mit grell-grüner Folie verklebte Fenster in einem Rohbau zu sehen, die an Farbfeldmalerei erinnern. Es sind Situationen wie diese, voller geometrischer Poesie und Farbigkeit, für die sich Ulrich Hensel interessiert. Seit mehr als 20 Jahren erforscht er die ästhetischen Aspekte von Baustellen.

"Zwischenwelten": Ulrich Hensel und die Schönheit des Alltäglichen

"Ulrich Hensel ist im Grunde genommen ein Konzeptkünstler", erklärt Andreas Beitin, der Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. "Denn er wandert tage- und wochenlang über Baustellen bis er genau den Ort findet, den er für kunstwürdig erachtet. Und diese Bilder haben eine große assoziative Vielfalt, weil man davor steht und denkt: Mensch, das sieht ja aus wie ein Marc Rothko, oder ein Piet Mondrian-Bild. Ihm geht es um die extreme Verdichtung dieser verschiedensten Materialien und Farben."

Die Schönheit des Alltäglichen, des Profanen rückt Fotograf Ulrich Hensel in riesigen Abzügen in das Blickfeld der Museumsbesuchenden. Fast so, als stehe man selbst inmitten frisch gegossener Betonwände, in schlammigen Baugruben und neben neu gemauerten Fassaden. Die Größe der Fotografien erzeugt tatsächlich etwas Gemäldeartiges: "Er macht die Fotografien nicht fast drei Meter groß, um damit zu beeindrucken", so Beitin, "sondern weil es ihm darum geht, eine ansatzweise ähnliche Situation in der Ausstellung zu kreieren, wie sie in der Baustelle war."

"Works": Schule des Sehens bei Barbara Kasten

Blick in die Ausstellung "Barbara Kasten. Works" im Kunstmuseum Wolfsburg  Foto: Marek Kruszewski
Blick in die Ausstellung "Barbara Kasten. Works" im Kunstmuseum Wolfsburg

Auch die Arbeiten von Barbara Kasten, zu sehen in einer zweiten Ausstellung in Wolfsburg, zeigen Farbflächen, geometrische Formen und Lichtreflektionen. Anders als Hensel, der mit Readymades (also Alltagsgegenständen) arbeitet, die er zu abstrakten, minimalistischen Werken verdichtet, geht die US-amerikanische Künstlerin einen anderen Weg. Sie baut aus Glas, farbigen Folien und Plexiglas dreidimensionale Skulpturen, beleuchtet sie aufwendig und fotografiert sie dann im Studio.

Obwohl sie seit 60 Jahren Künstlerin ist, seien ihre Arbeiten immer noch frisch und innovativ, findet der Museumsdirektor: Viele Arbeiten sehen so aus, als wenn die einfach digital am Computer komponiert worden sind. Aber sie ist tatsächlich eine große Verfechterin des Analogen. Ihre Bilder sind im Grunde genommen eine Schule des Sehens, weil man sich wirklich hineinarbeiten muss in die Bilder. Man muss schauen: was ist da real, was ist Illusion.

Ausstellungen im Kunstmuseum laufen bis November

Barbara Kasten, "COLLISION 5 T", 2016 © Barbara Kasten, Image courtesy die Künstlerin, Bortolami, New York Kadel Willborn Gallery, Düsseldorf, und Thomas Dane Gallery, London Foto: Barbara Kasten
Barbara Kasten, "COLLISION 5 T", 2016

Die Werkschau mit Kastens Arbeiten ist die erste umfassende Ausstellung in Europa. Dabei ist die Künstlerin, die seit den 1950er Jahren aktiv ist, längst in den berühmtesten Sammlungen der Welt vertreten - in der Tate Gallery, im Museum of Modern Art, im Centre Pompidou.

Die beiden Fotografie-Ausstellungen laufen im Kunstmuseum Wolfsburg bis November. Eine eigentlich für im Mai geplante große Schau zum Thema "Licht" entfällt zunächst. Wegen der Corona-Krise aber war der Zeitplan für die Ausstellung nicht einzuhalten, so Andreas Beitin: "Die haben wir jetzt auf nächstes Jahr verschoben. Vermutlich hätten wir die ganzen Leihgaben gar nicht bekommen, weil die Museen in Europa oft gar nicht arbeiten. Wir werden aber trotzdem das Buch zur Ausstellung schon jetzt fertig produzieren und mit der Ausstellung 'In aller Munde' dann im Oktober fortfahren."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 19.05.2020 | 16:20 Uhr

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