Proteste in Belarus © picture alliance / AA Foto: Marina Serebryakova

Proteste in Belarus: Alternativer Nobelpreis für Ales Bjaljazki

Stand: 01.10.2020 17:44 Uhr

Die Right-Livelihood-Stiftung hat den Gründer des belarussischen Menschenrechtszentrums Wjasna, Ales Bjaljazki, mit dem "Alternativen Nobelpreis" ausgezeichnet. Ein Gespräch mit dem Dirigenten Vitali Alekseenok, der Teil der belarussischen Protestbewegung ist.

Herr Alekseenok, was bedeutet diese Auszeichnung des Menschenrechtszentrums Wjasna für die Protestbewegung?

Vitali Alekseenok: Ich finde, es ist eine sehr große Unterstützung für uns. Diese Auszeichnung kommt sehr rechtzeitig. Und Wjasna, die Rechtskämpfer, haben schon seit Monaten und Jahren dafür gekämpft, dass die Zivilbevölkerung sie unterstützt, und jetzt wird dieses Zentrum und Ales Bjaljazki, dessen Gründer, endlich ausgezeichnet. Das ist ein gutes Zeichen für uns und für Europa, dass erkannt wird, dass dieses Zentrum die Menschen in Belarus unterstützt und ihnen hilft.

Was macht dieses Zentrum? Wer sind diese Menschen, und wie treten die auf?

Ales Bjaljazki © picture alliance / dpa Foto: Thomas Körbel

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Alekseenok: Im Grunde ist es das größte Zentrum, das sich mit politischen Gefangenen beschäftigt. Jeden Tag schreiben sie alle Namen von Festgenommenen auf - das müssen sie jeden Tag tun, weil fast jeden Tag Menschen festgenommen werden. Ich habe mittlerweile seit drei, vier Wochen eine Tradition: Jeden Abend lese ich diese Listen von Namen und erkenne immer wieder meine Bekannten und Freunde in diesen Listen, die jetzt im Gefängnis sind. Die Rechtskämpfer dokumentieren alles, und das ist enorm wichtig für die Zukunft, damit wir wissen, was da in all diesen Wochen passiert ist.

Es sind mittlerweile fast zwei Monate, die diese Demokratiebewegung auf der Straße ist. Erkennen Sie auch so etwas wie Ermüdungserscheinungen? Denn die Gewalt, der sich diese Bewegung ausgesetzt sieht, ist enorm.

Belarus - Weißrussland?

Viele Medien haben 2020 angefangen, den Staat Belarus so zu nennen und nicht mehr von Weißrussland zu sprechen. Dahinter steht zum einen die offizielle Staatsbezeichnung, wie sie auch im diplomatischen Dienst verwendet wird. Der Name Belarus enthält die Vorsilbe Bela-(=weiß) und Rus.

Beim historischen Rus handelte es sich aber um ein mittelalterliches Herrschaftsgebiet, das nicht mit dem heutigen Russland identisch ist. Das deutschsprachige "Weißrussland" geriet daher zuletzt in die Kritik, weil der Name eine Abhängigkeit des Landes von Russland suggeriere.

Die erst 2020 gegründete deutsch-belarusische Geschichtskommission empfahl Anfang des Jahres, Belarus als Landesnamen zu verwenden. In der Folge wurde die Bezeichnung von den meisten deutschsprachigen Nachrichten- und Presseagenturen und Medien übernommen.

Alekseenok: Ja, die Gewalt ist enorm, aber auch erwartet. Sie ist eine der Mechanismen, um uns alle einzuschüchtern. Es gibt so viel Gewalt auf den Straßen, damit Menschen immer mehr Angst haben und weniger auf die Straßen gehen. Aber wir sehen, dass die Menschen immer noch nicht aufgeben wollen. Ja, die Protestbewegung auf den Straßen ist etwas geringer geworden, weil es kalt und nass ist, aber es sind immer noch Hunderttausende von Menschen. Es ist im Grunde immer noch etwas Unerhörtes für Belarus. Wenn wir das mit den letzten Jahrzehnten vergleichen, gab es so etwas noch nie. Seit etwa zwei Monaten sprechen wir von einer kleineren, reduzierten Protestbewegung - aber diese Protestbewegung ist immer noch enorm groß.

In Fernost hat es auch eine Beharrlichkeit in der Demokratiebewegung gegeben, doch in Hongkong sieht man jetzt sehr deutlich Ermüdungserscheinungen. Wie weit geht die Beharrlichkeit in Belarus?

Alekseenok: Es gibt unterschiedliche Prognosen: von zwei Monaten bis einem Jahr oder mehreren Jahren - das wissen wir noch nicht. Niemand weiß, wie lange diese Prozesse laufen werden. Wir wissen, dass in Polen die Solidaritäts-Bewegung über zehn Jahre gedauert hat, in Armenien und in der Ukraine kürzer. Wir bleiben stark und werden weiter kämpfen.

In dieser Woche ist die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, eine Symbolfigur dieser Protestbewegung, nach Deutschland ausgereist. Sie selbst nennt private und gesundheitliche Gründe - manche sprechen aber auch von Flucht, denn sie war großen Repressalien ausgesetzt. Was bedeutet das für die Bewegung?

Alekseenok: Ja, Swetlana Alexijewitsch war und ist eine Symbolfigur, wobei sie eigentlich nie direkt etwas in der Politik gemacht hat. In den letzten Monaten hat sie sich mehrmals geäußert, und das war sehr wichtig für uns. Aber dass sie jetzt nach Berlin geflogen ist, das reduziert die Bewegung nicht wirklich. Sie ist schon etwas älter, und eigentlich ist sie fast jedes Jahr im Klinikum in Berlin - das ist im Grunde etwas ganz Normales für sie. Ich kann mir vorstellen, dass der Druck vom Staat sie jetzt noch mehr motiviert hat, sich für kurze Zeit zu rehabilitieren. Aber ich glaube nicht, dass das etwas Außergewöhnliches ist und dass die Protestbewegung deswegen sterben wird.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Ales Bjaljazki © picture alliance / dpa Foto: Thomas Körbel

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.10.2020 | 18:00 Uhr