Der niederländische Autor Arnon Grünberg © picture alliance / dpa | Thilo Schmülgen Foto: Thilo Schmülgen

Arnon Grünberg über 9/11 und die Folgen vor allem für West-Europa

Stand: 24.08.2021 11:25 Uhr

Seit den Anschlägen auf die silbernen Türme am 11. September 2001 in New York hat sich das Weltgeschehen folgenreich neugeordnet. Wie ist dieses Ereignis heute spürbar? Darüber schreibt der Schriftsteller Arnon Grünberg.

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von Arnon Grünberg

Bevor sich die Ereignisse in Afghanistan in der letzten Woche überschlugen, haben wir für unsere Reihe über "9/11" auch Arnon Grünberg gebeten, sich mit den Anschlägen von 2001 zu beschäftigen. Der niederländische Autor hat die Anschläge vom 11. September 2001 in New York erlebt, und erinnert sich an die ersten Momente unmittelbar danach, reflektiert heute aber auch die nachhaltigen Folgen für unser Denken.

Arnon Grünberg erlebte 9/11 in New York

Am 11. September 2001 saß ich frühmorgens, wie so oft, mit einer älteren Freundin, die leider nicht mehr lebt, im Dolci on Park Cafe in New York, das es inzwischen auch nicht mehr gibt, als wir hörten, dass ein Flugzeug ins WTC (World Trade Center, Anm. d. Red.) geflogen war. Die Geschehnisse brauche ich Ihnen nicht weiter zu schildern.

Am Nachmittag bekam ich ein Fax - damals war es noch üblich, mittels Fernkopierer zu kommunizieren - von einer niederländischen Zeitung, für die ich seit der Veröffentlichung meines Debutromans im Jahr 1994 öfter Artikel schrieb, ob ich etwas über das, was gerade geschehen war, berichten möchte.

Erlebnisbericht mit dramatischen und lakonischen Momenten am 12. September

Am 12. September habe ich in ein langes Stück darüber geschrieben, was sich an diesem Tag in der Gegend, in der ich wohnte und immer noch wohne (37ste Straße und Park Avenue, Manhattan), abgespielt hatte. Ich schrieb über eine Nachbarin, die aufs Dach geklettert war, um alles besser sehen zu können; über Geschäftsleute aus der Umgebung von Chicago, die notgedrungen in der Stadt bleiben mussten, da der Flugverkehr eingestellt worden war, und die sich jetzt im Restaurant eines Hotels bei mir um die Ecke eine Pizza teilten, Witze machten, und besprachen, ob sie jetzt mit einem Mietwagen nach Chicago fahren sollten oder nicht.

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Über meinem Viertel in Manhattan lag ein spezieller Geruch, Polizisten untersuchten Autos. Es kursierten Gerüchte, dass irgendwo in einem Auto noch ein nuklearer Sprengsatz - allerdings von einem Amateur zusammengebastelt - versteckt sein soll. Die Geschäftsleute und ich nahmen die Gerüchte nicht sehr ernst. Man kann nicht überleben, wenn man die eigenen Ängste stets bagatellisiert, aber man kann auch nicht überleben - und vor allem nicht leben - wenn man die eigenen Ängste zu ernst nimmt.

In meinem Artikel beschrieb ich nicht nur das Dramatische, das hatte bereits jeder im Fernsehen mitbekommen, sondern auch das Lakonische, wie ich es in meinem eigenen Viertel habe beobachten können, denn an der Wahrheit ist mir sehr gelegen. Aber gerade das haben mir einige Leser übelgenommen. Drei, vier Kilometer von der Katastrophe entfernt sieht alles ganz anders aus als in der Berichterstattung von CNN.

Die psychologischen Folgen von 9/11 auf West-Europa unterschätzt

Was ich damals jedoch unterschätzt hatte, war, dass diese Attentate einen großen psychologischen Effekt ausüben würden, nicht nur auf New York - New York hat sich eigentlich ziemlich schnell davon erholt - sondern weltweit, vor allem auch auf West-Europa. Das, was nach dem 11. September als islamistischer Terrorismus bezeichnet wird, verbreitet die Überzeugung, dass fast alle islamischen MitbürgerInnen stille oder bekennende Unterstützer von terroristischen Gruppierungen oder sogar selbst Terroristen sind. Diese Überzeugung hat den sozialen Frieden gestört und wurde von verschiedenen Politikern ad absurdum missbraucht.

Essay-Reihe: Was kam nach Nine Eleven?

Seit den Anschlägen auf die silbernen Türme am 11. September 2001 in New York hat sich das Weltgeschehen folgenreich verändert und neugeordnet. Wie ist dieses Ereignis bis heute, zwanzig Jahre später, spürbar? Welche Bilder haften im emotionalen und kulturellen Gedächtnis? Wie ist die Chiffre "9/11" heute zu deuten? Mit diesen Fragen und Gedanken beschäftigen sich Schriftsteller*innen und Wissenschaftler*innen unserer Zeit. Exklusiv für uns haben sie sich geäußert, zu unterschiedlichen Aspekten, mit jeweils eigener Schwerpunktsetzung.

Die Kriege in Afghanistan und Irak, die zuerst schnell gewonnen und dann langsam verloren wurden, verstärkten diese Auffassung.

Terrorismus ist nichts anderes als blutige Massenpsychologie.

Um über diese Kriege zu schreiben, bin ich öfter in den Irak und nach Afghanistan gereist. Das Interesse der europäischen Öffentlichkeit am Krieg in Afghanistan war nicht von langer Dauer, obwohl viele Soldaten aus Europa im Irak, aber hauptsächlich in Afghanistan stationiert waren. Das Schicksal des Landes interessiert uns nicht mehr. Vieles hat sich seit 9/11 verändert, aber der hochmütige Gedanke, dass alles, was sich weit weg von uns abspielt, unseren eigenen Frieden nicht stören wird, ist noch immer springlebendig.

Arnon Grünberg (*1971) ist Schriftsteller, in Amsterdam geboren, lebt und schreibt heute in New York. Seine Bücher wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Mit den Romanen "Tirza", "Mit Haut und Haaren" oder "Muttermale" hat er sich auch hierzulande einen Namen gemacht. Zuletzt erschien das Buch "Besetzte Gebiete", das im Hintergrund auch von der Geschichte seiner eigenen Familie und dem Weiterleben nach dem Holocaust erzählt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.08.2021 | 18:00 Uhr