Bundestagswahl: Was beeinflusst die Unentschlossenen?

Stand: 13.09.2021 15:03 Uhr

Keine zwei Wochen mehr bis zur Bundestagswahl, und nach wie vor bilden die Unentschlossenen eine der größten Wählergruppen. Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder.

Von links: Armin Laschet, Annalena Baerbock und Olaf Scholz © SvenSimon | Malte Ossowski Foto: Malte Ossowski
Beitrag anhören 7 Min

Herr Schroeder, haben Sie eine Erklärung für die weit verbreitete Unentschlossenheit in diesem Jahr?

Wolfgang Schroeder: Das hängt damit zusammen, dass wir in den letzten zwei Jahrzehnten eine starke Entkopplung von den Parteien erlebt haben. Die Bindung an die Parteien ist also nicht mehr so groß, wie das einmal klassischerweise der Fall gewesen ist. Es gibt so eine Suche: Wer könnte für mich der interessanteste Partner sein? Das findet nicht in der ganzen Breite des Angebotes statt, sondern in der Regel innerhalb eines Lagers. Es sei denn, eine Partei ist in der Lage, lagerübergreifend zu agieren - das war ja das Merkmal von Frau Merkel, die stark in das sozialdemokratische, liberale, grüne Lager hineinwirkte. Das alles führt dazu, dass die Zuordnung nicht mehr so einfach ist.

Der zweite Punkt ist, dass die Kandidaten, die diesmal im Wettbewerb sind, für die breite Masse der Wählerinnen und Wähler von Anfang an nicht so richtig überzeugen konnten. Das hat sich erst im Laufe des Prozesses etwas gelichtet: Anfangs stand Frau Baerbock sehr im Zentrum, dann Herr Laschet. Und nachdem klar war, dass diese beiden nicht so belastbar sind, wie das aus der Perspektive der Wählerinnen und Wähler wünschenswert gewesen ist, hat sich die Wählergunst stark in Richtung Olaf Scholz geneigt, ohne dass damit bereits die Zahl der Unentschlossenen dramatisch nach unten gegangen wäre. Da ist immer noch ein großes Potenzial, und damit ist dieser Wahlgang, den wir jetzt erleben, vermutlich einer der spannendsten, den diese Republik seit etwa drei Jahrzehnten erlebt hat.

Weitere Informationen
Bunte Holzfiguren auf einem Stimmzettel © fotolia Foto: js-photo

Der Norden hat gewählt: Alle Infos zur Bundestagswahl 2021

Wer ist in den Bundestag eingezogen? Wer tritt die Nachfolge von Kanzlerin Merkel an? Alle Infos zur Bundestagswahl 2021 im Überblick. mehr

Wenn ich Sie richtig verstehe, spielen die früheren Kategorien wie Klassenzugehörigkeit oder Konfession nicht mehr die ganz große Rolle. Aber wonach wird dann heute, in diesen medialen Zeiten entschieden? Wahrscheinlich auch nicht mehr danach, was mir im Straßenwahlkampf gesagt wird, oder?

Schroeder: In der Tat. Das Verhältnis Staat/Markt, was sehr stark Klassenzugehörigkeit abgebildet hat, hat bei den letzten Wahlkämpfen eine geringere Bedeutung gespielt. Ähnliches gilt auch für die konfessionelle Zugehörigkeit, wenngleich bei der Union der konfessionelle Faktor immer noch stabil ist: Katholische Kirchgänger wählen in außerordentlichem Maße die CDU, aber dieses Segment ist mittlerweile so klein, dass man daraus keine wirklich wahlerfolg-spendende Quelle mehr erschließen kann.

Andere Themen sind wichtiger, und das ist die Spannungslinie, die wir mit den Begriffen Liberalität, autoritäre Strukturen oder Kommunitarismus und Kosmopolitismus bezeichnen. Das sind Fragestellungen, die auf der Ebene angesiedelt sind: Wie stark soll dieses Land Einwanderung oder Minderheiten fördern? Da geht es also ums Eingemachte auf der Ebene von weltanschaulichen Vorstellungen, der guten Ordnung der Gesellschaft jenseits der Verteilungsfragen. Aber auch diese Themen hängen miteinander zusammen. Insofern kann man sie auch nicht ganz entkoppeln.

Aber die Dynamik dieser Frage nach der guten Ordnung der Gesellschaft hat in den letzten Wahlen schon den starken Ausschlag gegeben. So stand 2017 die Einwanderungsfrage ganz klar im Vordergrund. Aber auch bei den vorhergehenden Wahlkämpfen spielten Fragen von Identität, von Nation schon eine gewisse dynamische Rolle, die am Ende auch positiv für eine bestimmte Präferierung in den Wahlkabinen gesorgt hat.

Weitere Informationen
Reporter Klaas-Wilhelm Brandenburg (l.) während eines NDR Info Interviews. © NDR Foto: Joshua Zonnekein

Der Hausbesuch: Was entscheidet Ihre Wahl?

Was geht den Menschen im Norden beim Stichwort "Bundestagswahl" durch den Kopf? NDR Info Reporterinnen und Reporter waren unterwegs und haben nachgefragt. mehr

Eine bedeutende Gruppe neben den Unentschlossenen sind die Nichtwähler. Sind die überhaupt noch zu erreichen?

Schroeder: Ja, das kann durchaus sein. Die Nichtwähler speisen sich ja grundsätzlich aus zwei Gruppen: die eine Gruppe, die irgendwie zufrieden ist und keinen Anlass sieht, sich ins Gemenge des Wettbewerbes um die Führung der Nation hineinzubegeben. Und die andere ist die Gruppe der politisch nicht mehr Erreichbaren, nicht Interessierten, Verlorenen oder grundsätzlich mit diesem System nicht in Übereinstimmung Stehenden. Hier haben wir in den letzten acht, neun Jahren durch die AfD eine starke Veränderung erlebt, der es gelungen ist, einen Teil der Abgeschlossenen und Verlassenen für sich zu mobilisieren.

Jetzt haben wir nur noch 13 Tage - wie kann man die erreichen? Eine Hoffnung sind die Haustürwahlkämpfe oder besondere Ansprachen. Aber da große Erfolge zu erzielen, das wird vermutlich nicht gehen, weil die Parteien in der Regel keinen Zugang mehr zu diesen Gruppen haben.

Welche Bedeutung messen Sie in diesem Zusammenhang den beiden Triells zu, die wir seit gestern hinter uns haben?

Schroeder: Eine ganz geringe. Die Leute haben sich in den letzten zwei Monaten ein Bild von den Kandidaten gemacht. Und wenn im Triell selbst kein großer Patzer auf Seiten der führenden Persönlichkeit Scholz passiert und kein außerordentlicher Hieb oder eine außerordentlich dramatische Positionierung der Angreifer Laschet und Baerbock, dann verändert sich an den Wahrnehmungen relativ wenig. Das haben wir bei den Umfragen nach den Triells zweimal erleben dürfen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Weitere Informationen
Eine Deutschlandflagge weht hinter einem Wahlkreuz vor dem Bundestag. © fotolia.com Foto: pit24, opicobello

FAQ: Das Wichtigste zur Bundestagswahl

Was muss ich zur Wahl mitbringen? Wofür sind Erst- und Zweitstimme? Wie funktioniert die Briefwahl? Fragen und Antworten zur Bundestagswahl. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.09.2021 | 18:00 Uhr