Stand: 19.06.2019 11:40 Uhr

20 Jahre Bologna: Große Reform - große Kritik

von Korinna Hennig

Studierende sind zu unbeweglich, sie studieren viel zu lange, und wenn sie fertig sind, kann die Wirtschaft mit ihnen nicht viel anfangen: Ungefähr so kann - überspitzt gesagt - die Grundkritik zusammengefasst werden, die zur größten Hochschulreform der vergangenen Jahrzehnte geführt hat. Im italienischen Bologna verabschiedeten die Bildungsminister Europas am 19. Juni 1999 eine gemeinsame Erklärung, die das Studium vergleichbarer, straffer und den Austausch unter den Hochschulen einfacher machen sollte. Korinna Hennig erläutert, worum es im Einzelnen im Bologna-Prozess ging.

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Europäische Universitäten sollten wettbewerbsfähig werden - und Studierende einfacher im Ausland studieren können.

Es waren große Ziele, die sich Europas Bildungsminister vor 20 Jahren in Bologna gesteckt hatten - dort, wo gut 900 Jahre zuvor die erste europäische Hochschule gegründet worden war: Einen einheitlichen Hochschulraum wollten sie schaffen. Dahinter steckt zunächst mal eine gemeinsame Idee: Die europäischen Universitäten sollten wettbewerbsfähig sein, international mithalten können mit Harvard, Yale, dem Massachussetts Institute of Technology. Dazu wollte man sich stärker vernetzen, in Forschung und Lehre, die Qualität verbessern, einen intensiveren Austausch auf den Weg bringen. Vor allem aber sollte das Studium stärker an die Bedürfnisse der Wirtschaft angepasst und international vergleichbarer gemacht werden. Denn, so der Gedanke: Dann könnten mehr Studenten an verschiedenen Orten in Europa studieren, für ein oder zwei Auslandssemester - oder gleich für das halbe Studium.

Seiten eines Kalenders © Fotolia_80740401_Igor Negovelov

Ein Hochschulraum für Europa

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 19. Juni 1999 wird der Bologna-Vertrag unterzeichnet. Damit gelten für Studierende europaweit einheitliche Abschlüsse und auch die Studienordnungen ähneln sich.

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Bologna-Reform: Einführung von Bachelor und Master

Deshalb wurde zunächst mal ein zweistufiges System von Studienabschlüssen geschaffen. Statt Magister oder Diplom, je nach Studiengang, gibt es seitdem einheitlich zwei aufeinander aufbauende Abschlüsse: den Bachelor für die grundständige akademische Ausbildung und im Anschluss den Master. Wer den Bachelor hat, vorgesehen in der Regel nach sechs Semestern, soll - so die Idee - fürs Berufsleben qualifiziert sein. Oder entscheidet sich dann weiter zu studieren und macht den Masterabschluss, erwirbt also einen höheren akademischen Grad, mit dem man dann auch in der Wissenschaft weiter arbeiten kann. Damit die internationale Vergleichbarkeit reibungslos funktioniert, sind die Studiengänge in Modulen organisiert, Kritiker sagen: stark verschult.

Gemeinsames europäisches Punktesystem ECTS

Die Lehrpläne sind also gestrafft, statt Pflicht- und Wahlscheinen, die man bis dahin in Seminaren erwerben konnte, gibt es seit Bologna ein gemeinsames europäisches Punktesystem, das nachvollziehbar machen soll, welche Studienleistung wie stark gewichtet wird - das so genannte European Credit Transfer System, kurz ECTS.

Interview

20 Jahre Bologna-Reform - eine Bilanz

Vor genau 20 Jahren wurde die Bologna-Reform verabschiedet, eine umfassendste Erneuerung des Hochschulwesens. Die Präsidentin der Uni Göttingen, Ulrike Beisiegel, zieht eine Bilanz. mehr

Kritik: zu wenig akademische Freiheit

Doch während die europäischen Bildungsminister schon im vergangenen Jahr eine fast rundum positive Bilanz der Bologna-Reform gezogen haben, ist die Kritik an deren Umsetzung nie verstummt. Studierende hätten viel zu wenig akademische Freiheit - und insgesamt zu wenig Zeit, auch für ein Auslandssemester, heißt es zum Beispiel. Der Bildungsforscher Peter Wex etwa rechnet vor: Dass immer mehr Studierende ins Ausland gehen, liege schlicht daran, dass ihre Zahl insgesamt gestiegen ist. Die Quote dagegen stagniert jahrelang bei 32 Prozent - und ist in den vergangenen Jahren sogar auf 28 Prozent gesunken.

NDR Info Autorin Liane Koßmann hat mit Peter Wex über seine Kritik am Bologna-Prozess gesprochen - er ist Jurist und Bildungsforscher und hat verschiedene Zahlen zu den europäischen Hochschulstrukturen ausgewertet.

Eine Wand in einem Konferenzraum ziehrt eine Karte Europas.  Foto: Franziska Mahn

20 Jahre Bologna-Prozess - Ziele verfehlt?

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Internationaler, straffer, wirtschaftszugewandter sollte das Studium in Europa werden. Hat nicht geklappt, sagt Bildungsforscher Peter Wex von der FU Berlin - und nennt Zahlen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ZeitZeichen | 19.06.2019 | 06:50 Uhr