Stand: 19.06.2019 17:01 Uhr

20 Jahre Bologna-Reform: Unfall mit Fahrerflucht?

von Angela Ulmrich

Professor Dieter Lenzen ist Präsident der Universität Hamburg und Autor des Buches "Bildung statt Bologna". Für die Einführung des Bachelor-/Mastersystems vor 20 Jahren, am 19. Juni 1999, findet er nur harte Worte. Er vertritt damit keine Einzelmeinung, stößt aber auch auf Gegenwind. Eine Bilanz aus verschiedenen Perspektiven.

In Deutschland gibt es mehr als 2,8 Millionen Studierende. Etwa jeder Zweite von ihnen ist in einem Bachelor-Fach eingeschrieben. Dessen jeweilige Studienordnung sieht es in der Regel vor, dass alle erforderlichen Leistungsnachweise binnen sechs Semestern erbracht werden. Die durchschnittliche Studienzeit beträgt jedoch nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung 7,5 Semester. Das durchschnittliche Alter der Bachelor-Absolventen: 25 statt der angestrebten 21 Jahre. Ein Resultat, das den Bologna-Prozess angreifbar macht.

Studentinnen urteilen: Sehr viel Druck

Das deckt sich mit den Erfahrungen der beiden Bachelor-Studentinnen Antonia Peikert und Ann-Kristin Deuke. Sie sind in den Fächern Chemie und Geographie an der Universität Hamburg eingeschrieben, würden gerne in sechs Semestern fertig werden - sehen dafür aber kaum Chancen. "Das ist vielleicht eine Spezialität von naturwissenschaftlichen Fächern. Oft werden die Leute da mit sehr viel Druck durchgepresst oder pressen sich selbst durch", sagt Antonia Peikert. Ihre Kommilitonin stimmt ihr zu: "Wenn man nebenbei noch arbeiten möchte, ist es wirklich schwierig, das Ganze noch in der Regelstudienzeit zu schaffen. Und dadurch hat es sich bei mir nun einfach über längere Zeit gezogen." Die 22-jährige Ann-Kristin Deuke ist inzwischen im achten Semester. Eigentlich sollte sie schon seit einem Jahr fertig sein, bestenfalls ihren Weg ins Berufsleben gefunden haben. Die Studienordnung der Geografie lässt zu, dass sie überzieht.

Lenzen: Zu kurz und zu verschult

Bild vergrößern
Einer der größten Kritiker der Bologna-Reform: Hamburgs Uni-Präsident Dieter Lenzen.

Professor Dieter Lenzen kennt solche Geschichten zur Genüge. Der Präsident der Universität Hamburg verurteilt den Bologna-Prozess aufs Schärfste, zieht Vergleiche zu einem Unfall mit Fahrerflucht von Seiten der Politik. Er bezeichnet die Bildungsreform als Vernichtung des Erbes der alteuropäischen Hochschulen - mitinitiiert von Großbritannien, einem Land, das zwanzig Jahre später die Europäische Union verlassen will. Das Scheitern des Bologna-Prozesses in Deutschland hat für ihn mehrere Gründe: "Das Studium ist zu kurz. Es ist zu verschult. Es gibt nur die Chance für die Hälfte der Studierenden, überhaupt einen Masterabschluss zu machen. Es ist der Versuch, das Studium zu einer reinen Berufsausbildung verkommen zu lassen und darauf zu verzichten, aus jungen Menschen gebildete Persönlichkeiten zu machen."

Unternehmen begrüßen die Reform

Anders sehen das Vertreter von großen Wirtschaftsunternehmen wie Beiersdorf und Otto. Sie arbeiten viel und gerne mit Bachelor- und Masterabsolventen zusammen, begrüßen die Entwicklungen durch den Bologna-Prozess. Durch den erhöhten Praxisanteil und die gesteigerte Internationalität seien die Studenten fast immer besser ausgebildet. Dass es gelegentlich an Berufserfahrung mangele, sei in Anbetracht des jungen Alters normal. Das könne mit der richtigen Einstellung und viel Engagement ausgeglichen werden. Es komme immer auf den Menschen an, nicht nur auf seinen Abschluss.

Auslandssemester erschwert

Bild vergrößern
Beklagen Probleme mit der Regelstudienzeit: die Studentinnen Antonia Peikert (links) und Ann-Kristin Deuke.

Ann-Kristin Deuke und Antonia Peikert haben die richtige Einstellung, finden sie. Trotzdem legt ihnen das Bologna-System aus ihrer Sicht Steine in den Weg - etwa beim Thema Auslandserfahrung. Obwohl gerade diese durch die europäische Bildungsreform ermöglicht werden soll. "Ich würde gerne ein Auslandssemester machen, aber ich sehe, dass das oft nicht so einfach ist. Man muss sich vorher sehr gut informieren, was für Sachen man sich anrechnen lassen kann, was für Kurse die Uni anbietet, dass es letztendlich auch hier mit dem Bachelor vor Ort passt", sagt Antonia Peikert. Ann-Kristin Deuke beobachtet Ähnliches: "Man kämpft wirklich um jeden einzelnen Punkt, um sich das alles anrechnen zu lassen, wenn man ein halbes Jahr woanders studiert hat."

Bürokratie um Credit Points

Credit Points - auch sie sind ein Teil der Bologna-Reform. Dabei handelt es sich um Punkte, die gesammelt werden müssen, um den Abschluss zu erhalten. Sie werden etwa für bestandene Klausuren, Referate und Hausarbeiten vergeben und bedeuten für die Studierenden und Lehrkräfte einen bürokratischen Mehraufwand, der gleichermaßen viel Zeit kostet. Ann-Kristin und Antonia haben sich vorgenommen, so gut es geht selbst Druck rauszunehmen. Und sich so viel Zeit zu lassen, wie sie brauchen - insofern es ihre Studienordnung erlaubt.

Weitere Informationen

20 Jahre Bologna: Große Reform - große Kritik

19.06.2019 06:50 Uhr

Am 19. Juni 1999 starteten Europas Bildungsminister den Bologna-Prozess für mehr Austausch unter den Hochschulen und ein strafferes Studium. Ein Rückblick auf die große Reform - und die Kritik daran. mehr

11:59
NDR Info

20 Jahre Bologna-Prozess - Ziele verfehlt?

19.06.2019 06:50 Uhr
NDR Info

Internationaler, straffer, wirtschaftszugewandter sollte das Studium in Europa werden. Hat nicht geklappt, sagt Bildungsforscher Peter Wex von der FU Berlin - und nennt Zahlen. Audio (11:59 min)

14:58
NDR Info

Ein Hochschulraum für Europa

19.06.2019 20:15 Uhr
NDR Info

Am 19. Juni 1999 wird der Bologna-Vertrag unterzeichnet. Damit gelten für Studierende europaweit einheitliche Abschlüsse und auch die Studienordnungen ähneln sich. Audio (14:58 min)

04:02
Hamburg Journal

100 Jahre Universität Hamburg

05.05.2019 19:30 Uhr
Hamburg Journal

Die im März 1919 gegründete Hamburger Universität hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Präsident Dieter Lenzen und der Historiker Rainer Nicolaysen blicken zurück. Video (04:02 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 19.06.2019 | 16:55 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/20-Jahre-Bologna-Reform-eine-Bilanz,bologna108.html

Mehr Kultur

05:41
NDR Fernsehen
04:47
Kulturjournal