Stand: 08.09.2015 13:09 Uhr  | Archiv

Wie Hamburger Arbeiter gegen Hitler kämpften

Reiherstieg und Deutsche Werft im Hamburger Hafen © picture-alliance / akg-images
Viele Widerstandskämpfer sind in der NS-Zeit auf den Hamburger Werften aktiv - und sabotieren beispielsweise den Bau von Kriegsschiffen.
Dummstellen als Methode

Die Aktivitäten der Widerstandskämpfer sind so geheim wie gefährlich. Sabotage gilt bei den Nazis als Landesverrat. Doch die Arbeiter sind überzeugt und ideenreich. Plötzlich laufen Maschinen nicht mehr, weil zentrale Schrauben fehlen oder der sprichwörtliche Sand ins Getriebe gelangt ist. Auch die Elbe schluckt zahlreiche Schweißmaschinen und Sauerstoffflaschen. Einige Beschäftigte melden sich immer wieder krank oder verhalten sich, als seien sie für die verlangte Tätigkeit unfähig - wie beispielsweise Arbeiter auf der Deutsche Werft, die Handels- in Marineschiffe umbauen sollen: "Wir erhielten die Aufträge und schnitten das Material zu. Beim Zusammensetzen passten dann die einzelnen Teile nicht zueinander", berichtet einer von ihnen später.

Illegale Sammlungen für Zwangsarbeiter

Zudem verbünden sich die Mitglieder der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe mit den vielen Zwangsarbeitern, die in den Hamburger Betrieben schuften, ebenso wie mit ausländischen Kriegsgefangenen. Sie starten illegale Sammlungen in der Bevölkerung, um die Gefangenen des Regimes mit Lebensmitteln, Rauchwaren und Kleidung zu versorgen. Einigen politischen Häftlingen im KZ Neuengamme versuchen sie, zur Flucht zu verhelfen - doch ohne Erfolg.

Antifaschistische Feldpost für Soldaten

Ein weiteres Ziel der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe ist es, die deutschen Soldaten zum Umdenken zu bewegen. Im Sommer 1942 starten sie eine große Feldpostaktion - die Kontaktdaten spielt ihnen ein sympathisierender Postbeamter zu, der beim Hauptpostamt am Hühnerposten heimlich die Adressen der Soldaten abschreibt. In den Briefen führen die Widerstandskämpfer den Soldaten die Sinnlosigkeit des Krieges vor Augen und appellieren an ihr Verantwortungsbewusstsein. Auch in Kiel finden die Matrosen auf einem auslaufenden Kriegsschiff Post der Antifaschisten in ihren Kojen.

Bästlein und Jacob fliehen nach Berlin

Mit Hochdruck suchen die Nazis nach den Urhebern der Widerstandsaktionen - und sind am Ende erfolgreich. Im Oktober 1942 werden Bästlein, Abshagen und viele weitere Genossen in Hamburg verhaftet, gefoltert und ins Gefängnis geworfen. Abshagen wird im Rahmen der "Hamburger Kommunistenprozesse" wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" und "Feindbegünstigung" zum Tode verurteilt. Im Juli 1944 wird er enthauptet.

Bästlein wird zwischenzeitlich in eine Berliner Strafanstalt verlegt - und kann fliehen, als das Gefängnis bei einem Luftangriff im Januar 1944 getroffen wird. In Berlin trifft er den ebenfalls dort untergetauchten Jacob wieder, sie engagieren sich weiter im Widerstandskampf. Noch Ende Mai schreibt Bästlein seiner Frau Johanna: "Der Krieg geht mit Riesenschritten seinem Ende entgegen und ich will meinen Teil dazu beitragen. Ob ich das Ende erleben werde, vermag ich natürlich nicht zu sagen, aber schön wäre es."

Letzte Ruhe auf Ehrenhain in Ohlsdorf

Sein Wunsch bleibt unerfüllt. Ende Mai 1944 spürt die Gestapo Bästlein und Jacob bei einem Treffen mit anderen Kommunisten auf. Im September werden auch sie hingerichtet. Ihre Urnen werden 1946 nach Hamburg überführt und dort am 8. September gemeinsam mit denen von 25 weiteren Hingerichteten auf dem "Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer" auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet. Erst ein Jahr später folgt die Urne Abshagens, dessen Leiche in einem Massengrab bei Kiel gefunden und eingeäschert worden ist.

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