Stand: 07.11.2016 08:08 Uhr  | Archiv

Wittmundhafen: Vom Zeppelin bis zum Eurofighter

von Oliver Gressieker
Zwei ältere Männer stehen vor einem Gedenkstein. © NDR Foto: Oliver Gressieker
Die ehemaligen Piloten Hardy Witfer (l.) und Wilhelm Jatzke stehen an dem Gedenkstein, der an die ersten Flüge auf dem Fliegerhorst erinnert.

"Der Starfighter ließ sich am besten fliegen": In diesem Punkt sind sich die ehemaligen Kampfpiloten Wilhelm Jatzke und Hardy Witfer absolut einig, wenn sie auf ihre Zeit in Wittmundhafen zurückblicken. Dass von den gut 900 Starfightern der Bundeswehr rund ein Drittel abgestürzt ist und der Flieger deshalb "Witwenmacher" genannt wurde, ist heute kein Thema. In den 60er- und 70er-Jahren haben die beiden Oberstleutnants mehrere Tausend Flugstunden mit der F-86 Sabre, der F-104 Starfighter und der F-4F Phantom absolviert und somit wichtige Meilensteine in der Geschichte des Fliegerhorsts miterlebt. "Wir hatten hier eine tolle Zeit", sagt der 78-jährige Jatzke im Gespräch mit NDR.de anlässlich des 100-jährigen Bestehens des ostfriesischen Flugplatzes am 7. November. "Damals gab es nur sehr wenige Einschränkungen und wir konnten fast jeden Tag zweimal in die Luft gehen."

Jagdgeschwader pflegt Verbundenheit mit der Bevölkerung

Neben den Flügen ist Jatzke und Witfer vor allem das Zusammengehörigkeitsgefühl im Jagdgeschwader 71 Richthofen in Erinnerung geblieben. "Es gibt den Begriff des 'Richthofen-Spirits', der diese besondere Kameradschaft beschreibt", sagt der 82-jährige Witfer. "Wir haben alle immer an einem Strang gezogen." Auch mit der Bevölkerung vor Ort habe es immer ein gutes Verhältnis gegeben. "Früher haben wir zum Beispiel hin und wieder den Flugbetrieb unterbrochen, wenn in der Nähe Beerdigungen anstanden", erinnert sich Jatzke. "Bis auf wenige Ausnahmen steht eigentlich ganz Wittmund hinter dem Standort."

1916: Erster Zeppelin landet in Wittmundhafen

Die Geschichte des Fliegerhorsts Wittmundhafen geht jedoch weit über die Zeit des Jagdgeschwaders 71 Richthofen hinaus. Bereits im Jahr 1911 wurde hier mit dem Bau eines Landeplatzes für Luftschiffe begonnen. Als offizieller Starttermin gilt aber der 7. November 1916: Damals landete mit dem Heeresluftschiff LZ 90 der erste Zeppelin in Wittmundhafen. Die Premiere stand unter einem äußerst ungünstigen Stern, denn bereits in der folgenden Nacht riss ein Sturm das Luftschiff los. Die LZ 90 wurde in Richtung Nordsee geweht, wo sie für immer verschwand.

Ära der Luftschiffe endet nach vier Jahren

Eine Luftschiffhalle in Wittmundhafen um 1919. © Bundeswehr Foto: Bundeswehr
Bereits 1920 war das Kapitel Luftschifffahrt in Wittmundhafen wieder Geschichte.

Trotz dieses unglücklichen Starts wurde der Standort zunächst weiter genutzt. 1917 verlegte die Kaiserliche Marine drei Luftschiffe und einen 600 Mann starken Trupp nach Wittmundhafen. Außerdem wurden zwei riesige Hallen mit Platz für insgesamt vier Zeppeline fertiggestellt. Während des Ersten Weltkriegs gingen die Luftschiffe von hier aus auf Feindfahrt und griffen unter anderem Ziele in Großbritannien an. Nach Ende des Krieges fand die Luftschifffahrt in Wittmundhafen dann ein jähes Ende. 1920 wurden der Marineluftschifftrupp aufgelöst, die Hallen abgerissen und das Gelände zur landwirtschaftlichen Nutzung freigegeben.

Auch der zweite Anlauf währt nur kurz

Erst 18 Jahre später, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurde erneut mit dem Aufbau eines Flugplatzes begonnen. Nach der Fertigstellung Ende 1940 starteten auf drei jeweils 1.200 Meter langen Bahnen zunächst vor allem Maschinen vom Typ Heinkel He 111, um Bombenangriffe in Südengland zu fliegen. Ab 1943 wurden in Wittmundhafen zudem Nachtjäger stationiert, um die Marineanlagen in Wilhelmshaven vor Angriffen der Alliierten zu schützen. Die Abwehrmaßnahmen waren letztendlich vergeblich: Am 21. März 1945 wurde der Flugplatz bei einem Luftangriff der USA so stark zerstört, dass eine Nutzung nicht mehr möglich war. Das Gelände diente nach dem Krieg zunächst erneut der Landwirtschaft.

Heimat des Jagdgeschwaders 71 Richthofen

Zwei ältere Männer stehen vor einem Starfighter-Modell. © NDR Foto: Oliver Gressieker
Hardy Witfer (l.) und Wilhelm Jatzke waren jeweils 13 Jahre als Kampfpilot in Wittmundhafen im Einsatz.

Im Jahr 1950 bauten schließlich die Engländer den bis heute existierenden Fliegerhorst zum dritten Mal wieder auf und überließen ihn neun Jahre später der deutschen Luftwaffe. Der wohl bedeutendste Moment für die weitere Entwicklung folgte am 26. April 1963, als das Jagdgeschwader 71 Richthofen von Ahlhorn nach Wittmundhafen verlegt wurde. Zu den ersten Piloten damals gehörten auch Wilhelm Jatzke und Hardy Witfer, denen insbesondere die Umstellung von der F-86 Sabre auf die F-104 Starfighter in Erinnerung geblieben ist. "Der Starfighter war unglaublich schnell. Am Anfang flog das Ding mit mir, aber ich nicht mit dem Flugzeug", berichtet Witfer. Er gewöhnte sich allerdings schnell an die neue Maschine und ließ sich auch von den zahlreichen Starfighter-Unfällen nicht entmutigen. "Ich habe mehrfach die Särge von Kameraden getragen", erzählt Witfer. "Aber Angst hat im Cockpit trotzdem nichts verloren."

Von der mondänen Dame zur vollschlanken Mutter

Insgesamt zehn Jahre waren die Starfighter in Wittmundhafen im Einsatz, ehe sie 1973 von der F-4F Phantom abgelöst wurden. Mit dem neuen Waffensystem taten sich die Piloten zunächst schwer. "Es war sehr ungewohnt, dass wir in der Phantom nicht mehr alleine geflogen sind", sagt Jatzke. "An den zweiten Mann im Cockpit musste man sich erst gewöhnen." Auch die Flugeigenschaften konnten mit denen der Starfighter nicht mithalten. "Wir haben dazu immer einen bildlichen Vergleich gewählt", erzählt sein Kollege Witfer. "Wenn der Starfighter eine mondäne, eigenwillige Dame ist, dann ist die Phantom eher der mütterliche Typ - vollschlank, gutmütig, aber auch ein bisschen klobig."

Abschied von der Phantom nach 40 Jahren

Der mütterliche Typ setzte sich allerdings durch und blieb sage und schreibe 40 Jahre im Dienst. Erst am 30. Juni 2013 wurde die Phantom nach insgesamt mehr als 278.000 Flugstunden verabschiedet. Zelebriert wurde dieser besondere Tag im Rahmen eines Jubiläums-Wochenendes mit rund 100.000 Besuchern. Zudem kamen 3.500 sogenannten Flugzeugspotter aus der ganzen Welt nach Wittmundhafen, um die "alte Dame" noch ein letztes Mal vor die Linse ihres Fotoapparates zu bekommen.

VIDEO: Letzte Ehrenrunden der Phantom über Wittmund (12 Min)

Mit 35 Eurofightern in die Zukunft

Mit der Verabschiedung der Phantom begann gleichzeitig auch die heutige Ära der Eurofighter. 21 Maschinen sind derzeit in Wittmundhafen stationiert, bis Ende 2018 sollen 14 weitere dazukommen. Nach der zwischenzeitlichen Abstufung zur Gruppe im September 2013 wurde der Standort bereits früher als erwartet - am 1. Juli 2016 - wieder als Taktisches Luftwaffengeschwader 71 Richthofen in Dienst gestellt. Diese Aufwertung auf Weisung von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bringt neben zusätzlichen Maschinen auch erhebliche Veränderungen in der Infrastruktur mit sich. Bis 2028 soll der Flugplatz für rund 180 Millionen Euro umgebaut werden. Die Freude darüber ist in Wittmundhafen groß. "Wir sind sehr gut aufgestellt und haben unseren Auftrag für die Zukunft", sagte Presseoffizier Erwin Bremer gegenüber NDR.de.

Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 04.11.2016 | 18:00 Uhr

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