Stand: 10.01.2014 20:22 Uhr  - Nordmagazin  | Archiv

"Wir waren ein privilegiertes Haus"

NDR.de: Von 1980 bis 1990 waren Sie Oberkellner in der "Villa Baltic". Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken, was fällt Ihnen als Erstes ein?

Der frühere Oberkellner der "Villa Baltic", Christian Mothes, steht vor dem Eingang des verfallenden Gebäudes, das mit Graffiti besprüht ist. © NDR.de Foto: Daniel Sprenger
Von 1980 bis zur Schließung 1990 war Christian Mothes Oberkellner in der "Villa Baltic".

Christian Mothes: Das war ein sehr beliebtes Haus zur DDR-Zeit. Unten kam man rein, dort war ein wunderschöner Marmorraum. Von dort ging man die Treppe - ebenfalls aus Marmor - hoch, denn dort spielte das Leben. Bis drei Uhr früh war die Nachtbar geöffnet und es war immer voll. Bis nach unten standen die Leute Schlange auf der Treppe und haben auf einen freien Platz im Restaurant gewartet.

War das etwas Besonderes, dass die Leute Schlange standen?

Mothes: Es gab eigentlich überall Schlangen, weil die DDR nicht in der Lage war, die Preise dem Markt anzupassen. Die Gaststättenpreise waren einfach zu billig. Wir hätten für das Bier doch sechs Mark verlangen können, es wäre trotzdem getrunken worden. Wir haben auch den Vorschlag mal gemacht, weil es abends in der Nachtbar kein Bier allein zu kaufen gab. Das heißt, abends konntest du ein Herrengedeck bestellen: eine kleine Flasche Sekt und eine Flasche Bier. Und das haben manche Herren genommen, nur damit sie die Flasche Bier kriegen. Da hätte ich doch die Flasche Bier für neun Mark verkauft, aber das durften wir nicht. Die Preisgestaltung war von oben vorgegeben.

Wie waren denn die Preise im Einzelnen, erinnern Sie das noch?

Mothes: Unser Haus gehörte zur Preisgruppe 4 von vieren. Wir waren ein privilegiertes Haus und im Vergleich teuer. Bei uns gab es Berliner Bier und nicht nur Rostocker Pils. Der halbe Liter kostete 1,60 Mark. Es gab Steaks für 3,75 Mark, Soljanka für 1,65 Mark, Kännchen Kaffee für 1,98 Mark und Schokotorte für 1,45 Mark. Die Preise waren überall gleich und sind es auch geblieben. Wenn wir das Schweinesteak im Januar für 3,75 Mark verkauft haben, dann haben wir das auch in der Hochsaison zum selben Preis verkauft.

Gab es denn Probleme bei der Versorgung und wie wurden die gelöst?

Mothes: Wir haben einmal eine Hochzeit gehabt vom zweiten Sekretär der SED-Kreisleitung. Der kam zur Absprache bei unserem Küchenchef Herrn Dickow. Schweine- und Rinderbraten wollte er natürlich nicht. Da hat Herr Dickow dann gesagt: "Wir haben aber kein anderes Fleisch." Da kamen zwei Tage später zwei riesengroße Kisten mit Rinder- und Schweinefilets. Das war damals ein Exotenfleisch für uns, das gab es normalerweise nicht. Da konnten wir sechs Hochzeiten mit ausstatten. Der Parteisekretär hat offenbar beim Schlachter angerufen und dann ging das.

Wie wurde denn mit der bewegten Vergangenheit der Villa umgegangen?

Mothes: Die Leute haben nach der Geschichte des Hauses gefragt. Aber vom Sinn her war die Enteignung ja ununterbrochen. Erst haben es die Nazis enteignet, dann haben es die Russen enteignet, dann hat es die DDR enteignet. Enteignet worden ist es doch laufend. Aber das konnte man zur DDR-Zeit natürlich nicht sagen. Nur die Nazis haben das gemacht, die Kommunisten haben das doch nicht gemacht. Die haben das doch dem Volk übergeben.

Gab es auch westdeutsche Gäste, die die "Villa Baltic" besucht haben?

Mothes: Jedes Jahr kam eine Besucherin aus dem Westen zu Besuch und die wollte dann jeden Abend mit sechs Familienmitgliedern zum Essen in die "Baltic". Die wollten sich natürlich nicht anstellen. Wir hatten ja hinten die Nachtbar, die war zu bei Tag. Aber dann habe ich in der Nachtbar zwei bis vier Tische eingedeckt für diese Gäste, die ich eben reinnehmen wollte. Herr Dickow hat jeden Mittag etwas für die gezaubert, wo die gesagt haben: "Also sowas kriegen wir drüben auch nicht. Und vor allem nicht so billig."

Wie stellte man fest, dass Gäste aus dem Westen kamen?

Mothes: Meistens habe ich es an den Uhren gemerkt und an den Brillen. Solche Brillen hatte keiner im Osten. Und auch das Auftreten war anders. Es war nicht arrogant von vielen, aber es war eben selbstsicherer als unseres. Eine Sache, die werde ich nie vergessen: Da kam eine Familie mit zwei Kindern, die haben sich hingesetzt und wollten Eis essen. Die waren ganz unkompliziert und haben gesagt: "Machen Sie uns vier Eisbecher, egal, was für Sorten, aber kein Schoko und kein Vanille." Da habe ich drauf gesagt: "Wir haben aber nur Schoko und Vanille!" Die haben so gelacht: "Wie, Sie haben kein Erdbeereis?" "Nein, wir haben nur zwei Eismaschinen." Das war so treffend für diese Zeit."

Sie sprechen die Wendezeit an. Was hatte sie für den Betrieb der Villa für Folgen?

Mothes: Der FDGB-Feriendienst ist insolvent gegangen. Denn wir haben ja von Staatsgeldern gelebt und die kamen irgendwann nicht mehr. Aber der FDGB war ja reich. Die Häuser hier oben, die waren keine Hunderttausende wert, die waren Millionen wert. Aber das wussten wir damals alles gar nicht. Am 1. Februar 1990 ist dann Schluss für uns gewesen. Wir haben eine Abfindung bekommen und noch eine Mahnwache gemacht, haben um unsere Arbeitsplätze gekämpft, obwohl wir wussten, das bringt alles gar nichts mehr.

Was empfinden Sie, wenn Sie heute an der Villa vorbeigehen und immer stärkere Spuren des Verfalls sehen?

Mothes: Das tut einem so in der Seele weh. Das Haus ist zwar mit diesen Graffiti beschmiert, aber es ist immer noch ein Traumhaus. Auch die Fenster von meiner Angestellten-Wohnung unterm Dach sieht man ja noch. Ich denke da immer mit Wehmut dran. Ich war auch noch einmal drin gewesen in der 'Baltic'. Was das Schlimme ist: Wenn Sie auf den alten Bildern die Marmortreppe sehen mit den wunderschönen Säulen, das ist alles rausgebrochen, da waren irgendwelche Vandalen drin. Aber unten liegen alle Trümmer wie in der Dresdener Frauenkirche, das soll alles wieder originalgetreu hergestellt werden.

Das Interview führte Daniel Sprenger für NDR.de

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 30.10.2013 | 19:30 Uhr

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