Stand: 21.08.2014 13:18 Uhr  | Archiv

"Ich war vier und meine Eltern Zwangsarbeiter"

Ein aktuelles Foto von Nadjeshda Belorussowa und ein Foto aus Kinderzeit liegen auf einem Tisch (Bildmontage) © NDR
Nadjeshda Belorussowa heute und damals. Das Kinderfoto zeigt sie kurz nach ihrer Rückkehr aus Deutschland.

Nadjeshda Belorussowa ist vier Jahre alt, als sie zwei Gefühle kennenlernt, die die kommenden Jahre ihres Lebens bestimmen: Hunger und Angst. Mit ihren Eltern und den drei Geschwistern ist sie 1942 im Kaukasus von Nazis aufgegriffen worden. In Weißrussland schaffen sie es, den Zug zu verlassen. Sie kommen in einem leer stehenden Haus unter.

"Und es war nur ein Wolf"

"Einmal klopfte es nachts - da bekamen wir Panik", übersetzt Dolmetscherin Lena Gorbunowa das weich klingende Russisch der heute 75-jährigen Belorussowa, die nun in Moskau lebt. Sie sitzen in der Lounge eines Hotels an der Alster. Die Stadt Hamburg und die KZ-Gedenkstätte Neuengamme haben Belorussowa zur Eröffnung derAusstellung zu Zwangsarbeit in Hamburg eingeladen.

Ihr schlohweißes kurzes Haar ist sorgfältig frisiert. Sie schlingt eine Serviette um ihre rechte Hand. "Wir dachten, die da klopfen, das sind entweder die Deutschen oder die Partisanen", erzählt sie. Schließlich hätten sie vorsichtig durch die Tür gespäht. "Und es war nur ein Wolf." Ihr Mund lächelt. Die Augen glänzen feucht. "Nur ein Wolf."

Eltern schuften in Fischfabrik

Wenige Wochen später gerät ihr Vater in eine Razzia der Nationalsozialisten. Nun gibt es kein Zurück mehr. Die Nazis verfrachten die Familie ins Lager Moortwiete in Hamburg-Altona. Ihre Eltern und der 14-jährige Bruder arbeiten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang in einer Fischfabrik. Die Vierjährige und ihre zwei Jahre alte Schwester bleiben mit den anderen Kindern tagsüber im Lager. Gab es Erwachsene, die sich um sie kümmerten? "Ich weiß es nicht mehr", sagt Belorussowa. Zu verschwommen sei die Erinnerung an den Alltag im Lager. Manche Szenen allerdings haben sich ihr deutlich eingeprägt.

"Einmal hat mein Bruder ein Fass fallen lassen, weil es zu schwer war", sagt sie. Die Wachleute prügelten ihn grün und blau. Belorussowa tupft mit der Serviette ihre Augen ab. "Und er musste dabei die ganze Zeit aufrecht stehen bleiben."

Sie erinnert sich an das Heulen der Sirenen bei Bombenangriffen. Zwangsarbeiter waren die letzten, die in die Bunker durften - oder gar nicht. Die kleine Nadjeshda sieht, wie Dutzende Arbeiter nach einem Luftangriff in einem Gebäude verschüttet sind und hört ihre Schreie. Die Wachleute verbieten zu helfen. Alle Verschütteten ersticken.

Gefangene schlitzen Löcher in Zuckersäcke

Links

Hier wurden Zwangsarbeiter für die Kriegswirtschaft eingesetzt

Diese Karte der Landeszentrale für Politische Bildung zeigt sämtliche Zwangsarbeiterlager in Hamburg während des Zweiten Weltkrieges. extern

Neben derart traumatischen Erinnerungen hat Belorussowa auch Situationen vor Augen, die ihr bis heute Mut und Hoffnung geben. Sie blickt auf die Zuckersticks, die vor ihr auf dem Tisch stehen. "Manchmal sind wir Kinder aus dem Lager abgehauen, um irgendwie an Lebensmittel zu kommen." Einmal hätten englische Gefangene ihnen etwas Gutes getan. "Sie mussten Zuckersäcke transportieren und haben dort extra Löcher reingeschlitzt, damit der Zucker für uns herausrieselte."

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 21.08.2014 | 14:00 Uhr

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