Stand: 08.09.2018 05:00 Uhr

Ein Eisenwarenladen schreibt Möllner Geschichte

Bilder von früher im Vergleich mit Fotos von heute - möglichst aufgenommen von exakt derselben Position: Das ist das zentrale Element der Serie "Schleswig-Holstein früher und heute". So wollen wir den Wandel der Städte im nördlichsten Bundesland dokumentieren. NDR Autoren tauchen in die Stadtarchive ein. Dabei fördern sie persönliche Geschichten und historische Aufnahmen zu Tage, die teilweise in großem Kontrast zur Gegenwart stehen. Ein interaktiver Foto-Vergleich macht das besonders deutlich.

von Katrin Bohlmann

Schrauben, Nägel und Schlüssel: Das gab es in Mölln im Kreis Herzogtum Lauenburg alles bei "Kahl Vadder" zu kaufen. Handwerker, Landwirte und Hobbybastler waren Stammkunden in dem Eisenwarengeschäft in der Hauptstraße 91. Und das über mehrere Generationen: Mehr als 340 Jahre gab es den Laden an der markanten Ecke mit den Bäumen davor in der Möllner Innenstadt. Alle nannten ihn nur "Kahl Vadder", also "Vater Kahl" - der erste namentlich bekannte Inhaber hieß vor Jahrhunderten Johann Hinrich Kahl. Die längste Zeit aber hießen die Inhaber Burmeister. Jürgen (84) und Elfriede (80) Burmeister sind die letzte noch lebende Burmeister-Generation in Mölln. Sie haben das Geschäft bis zuletzt geführt. Fast 40 Jahre standen sie hinter dem Ladentresen. 1998 mussten sie schließen. Es war laut Stadtarchiv das älteste Geschäft Möllns.

Hauptstraße mit Burmeisterhaus © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann Hauptstaße mit Burmeisterhaus © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann

Die Möllner Innenstadt im Bereich Hauptstraße/Marktstraße um 1950 und heute. Das Eckhaus rechts im Bild mit den Bäumen davor ist "Kahl Vadder", der Eisenwarenladen der Familie Burmeister. Mehr als 340 Jahre wurden hier Schrauben, Nägel und Schlösser verkauft. Die Marktstraße, die am Geschäft hochgeht, führt zum historischen Marktplatz und zur St. Nikolaikirche. (Mit dem Schieberegler auf diesem und den weiteren Bildern können Sie das Mölln von früher und heute vergleichen. Verschieben Sie den Regler einfach mit der Maus oder dem Finger auf Smartphone und Tablet.)

Eine Hochzeit ändert den Namen

Die Burmeisters haben das Geschäftsleben und das Stadtbild in Mölln geprägt. Erstmals Erwähnung fand das Eisenwarengeschäft 1659 in einem Schriftstück. Mölln war zu der Zeit noch an Lübeck verpfändet, Johann Hinrich Kahl der Chef. Als eine Kahl-Tochter einen Burmeister heiratete, wurde aus dem Geschäft offiziell "Eisen-Burmeister". Die Möllner aber blieben über Generationen bei dem Kosenamen "Kahl Vadder".

Einkaufsstraße © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann Einkaufsstraße © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann

Der Blick vom Eisenwarenladen an der Ecke auf die Hauptstraße 1967 und heute. Viele Geschäfte von damals gibt es nicht mehr. "Kahl Vadder" auch nicht - aber das Geschäft hat lange überlebt.

Von Napoleon bis zur Wiedervereinigung

Der Laden hat im Laufe der Jahrhunderte viel mitgemacht: Napoleon, Bismarck, Weimarer Republik, Drittes Reich, Revolutionen und (Welt-)Kriege, Wiederaufbau, Wiedervereinigung. "Das ist schon außergewöhnlich und einzigartig: so eine lange Tradition", sagt Möllns Archivleiter Christian Lopau. "Von den alten Möllnern kennt jeder den Laden, der auch einen ganz besonderen Zauber hatte. Man bekam dort wirklich alles: von der kleinsten Schraube und Mutter bis zu allen erdenklichen Werkzeugen für Haus und Garten." Schubladenverkauf nennt es Jürgen Burmeister. Und wenn's etwas nicht gab, hat der tüchtige Geschäftsmann es besorgt.

Eulenspiegel © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann Eulenspiegel © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann

Er ist das Wahrzeichen Möllns auf dem historischen Marktplatz: Till Eulenspiegel. Der Aberglaube besagt, dass man an seinem Daumen und/oder seinen Schuhspitzen reiben soll - das bringe Glück, heißt es. Entsprechend blank poliert sehen Daumen und Schuhe aus. 1950 wurde der Eulenspiegelbrunnen dort feierlich vom damaligen Bürgermeister Hermann Franck eingeweiht.

Die Handwerker klingeln morgens um 6 Uhr

20 Jahre später steht Jürgen Burmeister erneut in seinem alten Laden. Er schaut sich um, geht herum. Erinnerungen werden wach: Wo der Tresen stand, wo die Kochtopfabteilung war und die Eisenware lag. "Ich weiß noch, wie mich morgens um 6 Uhr die Handwerker herausgeklingelt haben, weil sie ein Paket Nägel brauchten auf dem Weg zur Baustelle", erzählt er. "Das habe ich gerne gemacht. Wir haben zu unseren Kunden immer ein sehr gutes Verhältnis gehabt. Wenn du das heute jemandem erzählst, sagen die: Geht's noch?"

historischer Markt © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann historischer Markt © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann

Gegenüber von Till Eulenspiegel stehen das Möllner Museum (links) und das alte Schuhgeschäft von Fritz Lübbert. Die alten Möllner nennen es das Lübbersche Haus. Das alte Foto ist um 1910 entstanden.

Service, Kompetenz und Plattschnacken

Der Umgangston war entscheidend, sagt Jürgen Burmeister: locker, nicht zu steif. Dazu gehörte auch, dass er Platt schnackte. Denn die meisten seiner Kunden kamen aus dem Möllner Umland und schnackten nur Platt. Und was noch half, wie er sagt: Dass er sich in fast allen Berufen gut auskannte und wusste, worauf es ankam. Kundenservice und Kompetenz nennt man das heute.

Stadthauptmannshof © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann Stadthauptmannshof © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann

Ein Backsteingebäude, das vielen Herren diente: Der Statthauptmannshof war lange Wohnsitz des Statthalters. In den 1930er-Jahren diente er als Schulgebäude, heute ist er Sitz der Stiftung Herzogtum Lauenburg und der Akademie für Wissenschaft und Kultur.

Elfriede Burmeister wechselt die Straßenseite

Jürgen Burmeister hat seinen Beruf von der Pieke auf gelernt. In Dortmund geboren hat er in Hamburg seine kaufmännische Ausbildung absolviert. Eigentlich wollte er diesen Weg gar nicht gehen. Aber er musste. Die Familie hatte das so entschieden. Da sein Onkel im Zweiten Weltkrieg gefallen war, musste er - der Älteste von drei Geschwistern - für ihn im Eisenwarengeschäft einsteigen. Seine Frau Elfriede - gelernte Einzelhandelskauffrau - half mit. Später führte sie einen zweiten Laden auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Hauptstraße 104. Elfriede Burmeister verkaufte in dem Haushaltwarengeschäft Gläser, Porzellan und Geschenkartikel. 25 Mitarbeiter hatten die Burmeisters. Beide Läden sind ein Stück Möllner Geschichte.

Mühlenplatz © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann Mühlenplatz © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann

Der Mühlenplatz in Mölln am Geländer Mühlengraben: 1920 und 2018. Damals standen dort Holzkarren, heute Autos. Rechts ist die Polizeistation Mölln. Im Hintergrund befindet sich damals wie heute die St. Nikolaikirche.

1998 schließt "Kahl Vadder" endgültig die Tür

Aber die Zeiten ändern sich. Die sogenannte grüne Wiese blühte auf. Die Baumärkte außerhalb des Stadtkerns sprießen. "Da es in der Möllner Innenstadt wenig Parkplätze gab, blieben die Kunden immer öfter weg", berichtet Elfriede Burmeister traurig. Irgendwann ging es nicht mehr. Der Umsatz ging zurück, die Konkurrenz wurde zu groß. Die Burmeisters - kinderlos - mussten am 15. März 1998 schließen. Eine Möllner Institution verschwand. Nach mehr als 340 Jahren gab es "Kahl Vadder" nicht mehr. Diese Entscheidung fiel dem Ehepaar Burmeister sehr schwer.

Seestraße © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann Seestraße © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann

Die Seestraße in Mölln in Blickrichtung Norden zum Wassertor. Das alte Foto stammt aus der Zeit um 1905. Wie der Name schon sagt, führt die Straße in der Innenstadt in einem Bogen am Stadtsee entlang.

Auch ein Museum hält die Erinnerungen wach

Aber das Duo hat sich nicht zur Ruhe gesetzt. Sie wirken immer noch im Möllner Leben mit. Sie engagieren sich vor allem für die Geschäftsleute. Die beiden Läden haben sie vermietet. In dem alten Haushaltswarengeschäft ist nun eine Boutique. In dem alten Eisenwarenladen war über Jahrzehnte ein Grill-Imbiss. Mittlerweile ist eine Krankenversicherung eingezogen. Wer noch einmal in Erinnerungen an "Kahl Vadder" schwelgen möchte, sollte ins benachbarte Steinhorst fahren. Ein Teil der Einrichtung des alten Möllner Eisenwarenladens ist in das "Museum für vergessene Arbeit" gewandert.

Klamottenladen © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann Klamottenladen © Katrin Bohlmann Foto: Katrin Bohlmann

Gegenüber von dem Eisenwarenladen lag das Haushaltswarengeschäft der Burmeisters, Hauptstraße 104. "Heinrich Burmeister" stand noch in den 1970er-Jahren groß an der Fassade. Heute ist dort eine Boutique untergebracht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 07.09.2018 | 20:20 Uhr

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