Stand: 28.04.2015 22:51 Uhr  | Archiv

Auschwitz-Überlebende: "Es ist eine Genugtuung"

Die Auschwitz-Überlebenden Hedy Bohm (re.) und Eva Pusztai-Fahidi sitzen im Gerichtssaal in Lüneburg. © dpa-Bildfunk Foto: JUlian Stratenschulte
Die Auschwitz-Überlebenden Eva Pusztai-Fahidi (li.) und Hedy Bohm haben als Zeuginnen ausgesagt.

Es ist der vierte Verhandlungstag, die Fortsetzung des Auschwitz-Prozesses in Lüneburg. Wieder sind alle Publikumsplätze besetzt im großen Gerichtssaal in der Ritterakademie. Und wie an den anderen Verhandlungstagen herrscht diese besondere Ruhe im Saal. Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch schaut durch den Raum. Sein Blick streift den Angeklagten Oskar Gröning. Der ehemalige SS-Mann reagiert mit einem kurzen stummen Nicken. Schließlich schaut Kompisch zum Zeugentisch vor der Richterbank. "Frau Pusztai-Fahidi", sagt der Vorsitzende in sanftem Ton, "bitte schildern sie uns ihre Erlebnisse." Eva Pusztai-Fahidi ist Jüdin, 89 Jahre alt und gebürtige Ungarin. Sie war in Auschwitz.

"Wer gestorben ist, ist gestorben"

Gemeinsam mit ihrem Anwalt Thomas Walther sitzt sie nun deutschen Richtern gegenüber - als Zeugin, nach all den Jahren zum ersten Mal. Lange hat sie sich auf ihre Aussage vorbereitet, jetzt kann sie reden. "Es war der 21. April 1944, da standen deutsche Soldaten vor unserem Haus in Debrecen", berichtet sie mit ungarischem Akzent. Damals war sie 18 Jahre alt. "Die Dinge sind dann sehr schnell geschehen." Am 29. April wurde Pusztai-Fahidi mit ihrer Familie in das Ghetto von Debrecen gebracht. Zu zehnt mussten sie in einem Zimmer schlafen. "Es waren 51 Tage Ghetto, dann kam das, was für jeden Ungarn Trauma Eins war: Wir wurden in die Waggons gepfercht. Die ungarische Gendarmerie hat geprügelt, hat gedrückt, gedrückt."

Drei Tage dauerte die Zugfahrt, erzählt die Zeugin. 80 bis 90 Menschen standen in den Viehwaggons. Vor dem kleinen Fenster Stacheldraht, ein Blecheimer war die Toilette, es gab kaum etwas zu trinken. "Und es war Sommer. Wie viel Grad im Waggon waren? 30, 40 oder mehr - wer gestorben ist, ist gestorben." Dann erreichte der Zug Auschwitz-Birkenau.

"Der letzte Moment, in dem ich meinen Vater sah"

"Mit Gebrüll wurden wir aus dem Zug getrieben", berichtet Pusztai-Fahidi. Auf der großen Leinwand hinter den Richtern erscheint eine alte Aufnahme von der Verladerampe des Konzentrationslagers. Es ist nachkoloriert. Durch die Erzählungen der Zeitzeugin wird die Szene auf einmal lebendig. Im Gerichtssaal herrscht Schweigen. Der Angeklagte Oskar Gröning schaut Eva Pusztai-Fahidi an - ohne sichtbare Regung. Auf dem Foto ist ein Zug zu sehen. Schlangen von Häftlingen stehen aufgereiht vor den Waggons, in der Mitte des Bahnsteigs Berge von Gepäck. "Männer und Frauen wurden sehr schnell getrennt. Es war der letzte Moment, in dem ich meinen Vater sah", erinnert sich die Zeugin. Zwischen den Reihen von Menschen steht auf dem Foto ein Mann in weißer Jacke, ein Lagerarzt. Er selektiert, entscheidet, wer zu den Gaskammern geführt wird und wer ins Lager kommt. "Es war nur so eine kleine Geste. Rechts oder links. Dieser kleine Moment - das Trauma des Lebens." Eva Pusztai-Fahidi verliert 49 ihrer Familienmitglieder, darunter Vater, Mutter und Schwester.

SS hatte "mehr Macht als der Herrgott im Himmel"

Anschließend schildert Eva Pusztai-Fahidi die grausamen, demütigen Zustände im Lager, das menschenunwürdige Leben in den Baracken, die Herrschaft der SS. "Ein SS-Mann in Birkenau hatte mehr Macht als der Herrgott im Himmel. Die durften alles." Aus dem Auschwitz-Album werden im Gerichtssaal noch weitere Fotos gezeigt. Eines zeigt Eva Pusztai-Fahidi selbst, kahlgeschoren, wie die anderen Frauen um sie herum.

Nie von den Eltern verabschiedet

An die schrecklichen Umstände in Auschwitz-Birkenau erinnert sich am vierten Prozesstag auch eine weitere Zeugin: die 86-jährige Hedy Bohm. Sie ist in Begleitung ihrer Tochter aus Toronto nach Lüneburg gekommen, um zum ersten Mal vor Gericht auszusagen. "In Ungarn bin ich behütet aufgewachsen", erzählt sie. Doch dann ereilt sie das gleiche Schicksal wie Eva Pusztai-Fahidi. Hedy Bohm muss ins Ghetto, es folgt die unmenschliche Zugfahrt ins Konzentrationslager. 16 Jahre alt war sie im Sommer 1944. Und auch sie berichtet, wie die Familien an der Verladerampe auseinandergerissen wurden. "Uns wurden Befehle entgegen gebrüllt, SS-Soldaten haben Gewehre auf uns gerichtet. Bis mir klar wurde, was passierte, war mein Vater schon weg. Wir haben uns nie verabschiedet. Dann wurde ich von meiner Mama getrennt. Ich rief 'Mama'. Sie drehte sich um und ging dann sprachlos weiter. Und ich hab' sie nie wieder gesehen."

Zuhörer kämpfen mit den Tränen

Hedy Bohms Erinnerungen sind schmerzhaft. So sehr, dass viele Anwesende im Gerichtssaal es schwer haben, ihre Tränen zu unterdrücken. Bohms Tochter Vicky schafft es nicht. Sie weint im Gerichtssaal. Bohm erzählt weiter: vom abscheulichen Essen im Lager, den stundenlangen Appellen, weiteren Selektionen und der Angst, im Lager zu sterben.

Bohm überlebt Auschwitz. Sie wird nach Fallersleben in eine Munitionsfabrik zum Arbeitsdienst gebracht. Als der Krieg zu Ende geht, ist sie in einem kleinen Konzentrationslager für Frauen in Salzwedel. Es wird von den Alliierten befreit. Auch Eva Pusztai-Fahidi soll in eine Munitionsfabrik - nach Allendorf. Sie wird darum von Auschwitz ins KZ Buchenwald gebracht. Auf einem der berüchtigten Todesmärsche wird sie 1945 von den Alliierten befreit.

"Ich fühle keine Rache, aber ich könnte nie vergeben"

"Vielen Dank für ihre Ausführungen", sagt der Vorsitzende Richter. "Ich hoffe, es war nicht zu belastend." Eva Pusztai-Fahidi betont zum Schluss: "Es ist wichtig, dass ich Stellung nehmen konnte in dem Prozess. Ich bin nicht die einzige, die so lange gewartet hat, dass es einen Prozess gibt. Und nun ist er doch gekommen. Es ist eine Genugtuung." Und mit Blick auf den immer noch kaum eine Regung zeigenden Oskar Gröning sagt sie: "Es geht nicht um eine Strafe. Es geht um eine Stellungnahme der Gesellschaft." Hedy Bohm sagt am Ende ihrer Geschichte: "Ich fühle keine Rache, aber ich könnte nie vergeben. Den Mördern meines Vaters, meiner Mutter und Tausender anderer. Vielleicht kann Gott vergeben. Ich kann es nicht." Es ist ihr anzumerken, wie sehr sie die Aussage vor Gericht angestrengt hat. Doch nun sei dieser Teil ihres Lebens abgeschlossen, sagt ihre Tochter Vicky nach dem Prozess: "Es ist eine Erleichterung für uns alle."

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 28.04.2015 | 18:00 Uhr

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