Stand: 07.08.2016 10:00 Uhr

Schluss mit der Kolonial-Romantik - aber wie?

Ein Zuckerguss für Kaufmanns-Biografien

Wer sich in Hamburg mit der Kolonialvergangenheit der Stadt beschäftigt, kommt nicht am Arbeitskreis Hamburg Postkolonial vorbei. In der Gruppe engagieren sich seit 2003 Wissenschaftler, Journalisten und Künstler für ein Umdenken bei der "zumeist verdrängten und verleugneten Kolonialgeschichte der Stadt Hamburg und des Unterelberaums". Sie bieten Stadtrundgänge auf den Spuren der Kolonialzeit an und setzen sich für die Umbenennung von Straßen ein, die die Namen von einstigen "Kolonialhelden" tragen. Auch wenn solche angestrebten Umbenennungen in Hamburg auf großen Widerstand von Anwohnern stoßen. Die Gruppe fordert aber unbeirrt ein Ende der "Kolonial-Romantik". "Denn es wird vielerorts romantisiert, wie schön Hamburg in der Kolonialzeit reich geworden ist", sagt Millicent Adjei vom Arbeitskreis Hamburg Postkolonial. Die Biografien der Hamburger Kaufleute seien mit einem Zuckerguss überzogen. Das Ziel müsse sein, die Erinnerungen an die Kehrseite der Kolonialgeschichte wachzuhalten. Denn der Kolonialismus sei eine Geschichte von Gewalt und Rassismus.

"Nachkommen der Kolonisierten beteiligen"

Der Arbeitskreis hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Senat jetzt die Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit angeht. Aber die Mitstreiter sind nicht zufrieden. Die Forschung dürfe sich nicht auf eine "weiße Herrschaftsgeschichte" beschränken, sondern müsse noch stärker fachübergreifend erfolgen. Darüber hinaus sei ein Perspektivwechsel nötig. "Die Nachkommen der Kolonisierten müssen beteiligt werden", sagt Adjei. Der Arbeitskreis fühlt sich ausgeschlossen von der Erstellung des Erinnerungskonzeptes. "Es reicht uns nicht, dass wir uns am Ende die Ergebnisse der Forschungsstelle anhören und von der Stadt gebeten werden, das Konzept abzunicken", fasst Adjei die Stimmung im Arbeitskreis zusammen.

Kulturbehörde weist Kritik zurück

Die Kulturbehörde kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen. "Die Mitarbeit des Arbeitskreises Hamburg Postkolonial am geplanten Erinnerungskonzept ist von Anfang an erwünscht gewesen", sagt Behörden-Sprecher Enno Isermann auf Anfrage von NDR.de. Der Arbeitskreis werde auch eingeladen, wenn im Frühjahr 2017 auf einem Symposium die ersten Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert werden sollen. Und der Vorwurf einer "weißen Herrschaftsgeschichte"? Die Kulturbehörde verweist auf die Partnerschaft mit der Universität in Daressalam. So ist zumindest ein afrikanischer Wissenschaftler an der Aufarbeitung der Hamburger Kolonialgeschichte beteiligt.

Tansania-Park: Warum noch warten?

Dass sich beim Tansania-Park seit Jahren nichts tut, ärgert vor allem Reinhard Behrens. Der frühere Staatsrat wirft der Kulturbehörde vor, sich nicht zu rühren. "Man muss da jetzt ran, fordert Behrens. Der Experte für die Hamburger Kolonialgeschichte saß jahrelang in dem Beirat, der sich mit den Texten für eine historische Einordnung des Tansania-Parks befasste. Er rechnet nicht damit, dass die neu geschaffene Forschungsstelle grundlegend neue Erkenntnisse über den Tansania-Park und die Askari-Reliefs bringe. Ein weiteres Zögern sei also fehl am Platz. Behrens hat genaue Vorstellungen, was für den Tansania-Park am besten sei. So könnte sich ein Förderverein, der im Idealfall an die Hamburger Museen angebunden sei, um das Areal kümmern. "Ehrenamtliche könnten dann Führungen machen, etwa Soldaten von der nahegelegenen Bundeswehr-Hochschule", sagt Behrens. Er würde das gerne organisieren, er wolle aber nicht "das Feigenblatt einer untätigen Kulturbehörde" sein.

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Dieses Thema im Programm:

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