Stand: 23.01.2020 09:29 Uhr  | Archiv

Vom Ostsee-Kind zum Bundespräsidenten

von Judith Greitsch
Joachim Gauck und Bundesinnenminister Rudolf Seiters (l) im Stasi-Archivs in Berlin im Jahr 1992. © ZB -Fotoreport Foto: Andreas Altwein
In Gaucks Amtszeit haben bei der Stasi-Unterlagen-Behörde mehr als 1,7 Millionen Menschen einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt. (Links im Bild der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters.)

Zu DDR-Zeiten hat die Staatssicherheit Joachim Gauck im Visier und versucht ihn auch als Informanten zu gewinnen, was nicht gelingt. Schwierige Zeiten brechen für Gauck und seine Familie mit seinem ersten Job nach der Wende an: Im Oktober 1990 wird er "Sonderbeauftragter für die personenbezogenen Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR". Über 2.700 Mitarbeiter werten zu dieser Zeit die Akten in der Bundesbehörde - der "Gauck-Behörde" - aus und ermöglichen Menschen, in ihre Akten zu schauen.

Drohungen an der Tagesordnung

Zehn Jahre lang bleibt Gauck Herr über Millionen von Stasi-Akten. Vor allem zu Beginn bekommt er harschen Gegenwind von all jenen, die alten Kadern nahegestanden hatten oder befürchten, dass sie als Inoffizielle Mitarbeiter in den Akten kenntlich sind. In einem ihrer seltenen Interviews berichtet Hansi Gauck dem Magazin "Bunte", wie sie zu Anfang jener Zeit in ständiger Angst um ihren Mann lebte. Zu Hause in Rostock hatte die Familie eine Fangschaltung, weil ständig Drohanrufe kamen. Einmal klingelte sogar ein bewaffneter Mann und wollte zu Joachim Gauck.

Entfremdung von der Familie

1991 trennt sich Gauck von seiner Frau, geschieden ist das Paar bis heute nicht. Sie trägt weiterhin ihren goldenen Ehering, den sie sich in jungen Jahren vom Munde abgespart hat. Scheidung sei zwischen ihr und ihrem Mann kein Thema. Sie ist für die vier Kinder, zwölf Enkel- und vier Urenkelkinder da und engagiert sich aktiv ehrenamtlich im Café Marientreff, gleich neben der Rostocker Marienkirche.

Neue Lebenspartnerinnen begleiten ihn

Nachdem Gauck einige Jahre mit der Journalistin Helga Hirsch verbrachte, lebt er seit rund 20 Jahren mit Daniela Schadt zusammen. Die ehemalige Ressortleiterin Innenpolitik bei der "Nürnberger Zeitung" füllt heute an Gaucks Seite die Rolle der First Lady aus. Mittlerweile sind die größten familiären Wogen geglättet. Zu wichtigen Anlässen, wie im August 2013 zur Beerdigung von Gaucks Bruder Eckart, sind alle gemeinsam da, man geht sich nicht mehr aus dem Weg.

Unterwegs in Sachen Demokratie und Freiheit

Als ersten Gast begrüßt Joachim Gauck in der neuen nach ihm benannten ARD-Talkshow am 10.1.2001 in Köln Bundesaußenminister Joschka Fischer © WDR Hajo Hohl picture-alliance / dpa Foto: WDR Hajo Hohl
Von Januar bis Dezember 2001 gibt es alle 14 Tage die Sendung "Gauck trifft..." im WDR Fernsehen. (Hier am 10.01.2001 mit Gast Joschka Fischer).

Nach Ausflügen in den Journalismus als Moderator der WDR-Sendung "Gauck trifft …" und etlichen Vorträgen über Freiheit und Demokratie überall in Deutschland übernimmt Gauck 2003 für fast zehn Jahre den Vorsitz des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie". Der Verein will die Erinnerung an Diktaturen wachhalten und Extremismus bekämpfen, eine Herzensangelegenheit, wie Gauck sagt.

Der Ostseejunge wird Staatsoberhaupt

2010 wartet die nächste Herausforderung auf ihn: SPD und Grüne stellen Joachim Gauck als Präsidentschaftskandidaten gegen Christian Wulff auf, den CDU/CSU und FDP favorisieren. Landauf, landab gilt der parteilose Gauck schnell als "Präsident der Herzen", doch gegen die Stimmenmehrheit der Konservativen verliert er trotzdem. Nach der glücklosen kurzen Amtszeit von Wulff 2012 dann die zweite Chance: Diesmal wird Gauck mit Unterstützung von Union, SPD, Grünen und FDP in das höchste Amt im Staat gewählt und ist Deutschlands elfter Bundespräsident. Vonseiten der Linkspartei wird er weder bei seiner ersten noch bei der zweiten Kandidatur unterstützt.

"Ihr habt keinen Heiligen als Bundespräsidenten"

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit stellt Gauck klar: "Ihr habt keinen Heilsbringer oder keinen Heiligen oder keinen Engel, Ihr habt einen Menschen aus der Mitte der Bevölkerung als Bundespräsidenten." Regelmäßig versucht er, das Thema Menschenrechte in den Mittelpunkt zu stellen. Am 31. Januar 2014 zeigt er sich auf der Münchener Sicherheitskonferenz streitbar. Deutschland dürfe sich nicht wegducken, auch nicht mit Hinweis auf die Nazi-Vergangenheit: "Manchmal kann auch der Einsatz von Soldaten erforderlich sein", so die Position des Bundespräsidenten, der stets betonte, sich nicht in die exekutive Politik einmischen zu wollen.

Mit seiner persönlichen Meinung allerdings hält er nicht hinter dem Berg. So sagt Gauck auch seinen Besuch bei den Olympischen Winterspielen im russischen Sotschi ab. Das wird als Kritik an der russischen Menschenrechtspolitik interpretiert. In der Flüchtlingsfrage spricht er angesichts fremdenfeindlicher Gewalt von "Dunkeldeutschland", warnt 2015 am Tag der Deutschen Einheit aber auch vor naivem Optimismus: "Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten sind endlich."

Im Juni 2016 verkündet Gauck seinen Verzicht auf eine zweite Amtszeit als Bundespräsident. Damit endet seine Präsidentschaft am 18. März 2017. Seine Abschiedsreise im höchsten Amt führte Gauck auch nach Mecklenburg-Vorpommern. Am 24. Januar 2020 feiert er in Berlin seinen 80. Geburtstag.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 23.01.2020 | 09:00 Uhr

Mehr Geschichte

Udo Lindenberg schickt Erich Honecker am 10. Juni 1987 anlässlich der Vorkommnisse am Brandenburger Tor einen offenen Brief und eine Lederjacke. © picture-alliance / dpa Foto: Probst

Udos Lederjacke - Legendäres Symbol mit Reliquien-Status

In den 80ern beschenken sich Udo Lindenberg und Erich Honecker mit Lederjacke und Schalmei. Politisch aufgeladene Symbolik, die den Abgrund markiert. mehr

Norddeutsche Geschichte