Stand: 09.12.2013 11:28 Uhr  | Archiv

Prägende Jahre: Willy Brandt im Exil

von Dirk Hempel, NDR.de

Flucht nach Schweden

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1941 heiratet Brandt Carlota Thorkildsen, hier mit der gemeinsamen Tochter Ninja.

Die Bindung an sein Gastland wird bald noch enger. "Das Vaterland ist da, wo die Freiheit ist", sagt er später. Mittlerweile gehört er als Mitglied des Osloer Arbeitervereins auch der DNA an und arbeitet in der norwegischen Matrosengewerkschaft mit. Als die deutsche Wehrmacht im April 1940 Norwegen überfällt, gerät er in Gefangenschaft, bleibt jedoch unerkannt und kann bald nach Stockholm fliehen. Die norwegische Exilregierung verleiht ihm die Staatsbürgerschaft, nachdem ihn die NS-Behörden bereits 1938 ausgebürgert haben. Brandt engagiert sich in den folgenden Jahren nun auch für den Freiheitskampf seiner Exilheimat. 1941 heiratet er Carlota Thorkildsen, die noch in Oslo die gemeinsame Tochter Ninja zur Welt gebracht hat. Doch die Ehe scheitert bald. In Schweden lernt er seine spätere zweite Frau Rut Bergaust kennen, eine norwegische Widerstandskämpferin.

Wandel zum Sozialdemokraten

Die Jahre in Skandinavien, die dortige Gesellschaft und Politik beginnen ihn zu prägen und einen folgenreichen Wandel einzuleiten. Vor allem beeinflusst ihn die skandinavische Sozialdemokratie. Die DNA verfolgt nach der Absage an den Marxismus als Regierungspartei einen mehrheitsfähigen Kurs. Sie führt moderate Reformen durch und zieht dadurch auch Bürgerliche und Intellektuelle an. Schon in den 30er-Jahren hat den jungen Linkssozialisten Brandt die parlamentarische Praxis Norwegens beeindruckt, wo er selbst den König als "eine Art Sozialdemokrat" erlebt. In Schweden bewundert er nun den Freiheitswillen und die Volksverbundenheit der Arbeiterpartei.

Die "Kleine Internationale"

1944 tritt er wieder in die SPD ein - "Landesgruppe deutscher Sozialdemokraten in Schweden" - und arbeitet mit Politikern aus anderen Ländern, etwa dem späteren österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, in der sogenannten Kleinen Internationalen zusammen. Gemeinsam formulieren sie Friedensziele einer demokratischen Nachkriegsordnung für Europa. Brandt, so Kreisky später, sei der "Inbegriff des politischen Verstandes" gewesen, der "hervorragendste Exponent der deutschsprachigen politischen Emigration" im Norden.

ckkehr ins zerstörte Deutschland

Brandt unterhält auch rege Kontakte zu westlichen Botschaften und Geheimdiensten, versucht deutschen Widerstandskreisen Verbindungen zu den Alliierten zu vermitteln. Mitte Mai 1945, eine Woche nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, kehrt er in das befreite Oslo zurück. Erst Monate später fährt er auch nach Deutschland, besucht seine Mutter im vollkommen zerstörten Lübeck, das er nicht wiedererkennt ("Schutt und Asche", wird er später schreiben). Er ist jetzt als Korrespondent der skandinavischen Arbeiterpresse bei den Nürnberger Prozessen akkreditiert.  Ein Jahr später geht er als Presseattaché an die norwegische Militärmission in Berlin, Rut Bergaust folgt ihm als seine Sekretärin.

"Vorsprung an Lebenserfahrung"

Dass er in norwegischer Uniform aus dem Exil zurückkehrt, werden ihm seine politischen Gegner später ebenso vorwerfen wie seine uneheliche Herkunft, die Tätigkeit im Spanischen Bürgerkrieg und die Annahme der norwegischen Staatsbürgerschaft. "Brandt alias Frahm", der "Vaterlandsverräter", werden viele Konservativen schimpfen. Brandt jedoch haben diese Jahre in Skandinavien entscheidend geprägt. Er hat nicht nur einen "Vorsprung an Lebenserfahrung" erworben - wie Helmut Schmidt später urteilen wird - , sondern sich vor allem vom dogmatischen Sozialisten zum pragmatischen Sozialdemokraten gewandelt: die entscheidende Voraussetzung für seine politischen Erfolge in der späteren Bundesrepublik.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info / 24.11.2013 / 12:30 Uhr

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