Stand: 07.03.2014 11:04 Uhr  - Hamburg Journal

Hummel: Vom Wasserträger zur Kultfigur

von Hanna Grimm, NDR.de

In Hamburg ist er allgegenwärtig: der Wasserträger Hans Hummel. Souvenirläden verkaufen kleine Figuren an Touristen. Auf der Reeperbahn steht eine bunte Statue von ihm. Und so gut wie jeder Stadtführer weiß zu berichten, dass auf ihn der Hamburger Gruß "Hummel, Hummel - Mors, Mors" zurückgeht. Er ist eine Kultfigur, eines der echten Hamburger Originale. Doch wer war der Mann? Wir begeben uns auf eine Spurensuche.

Hans Hummel im Netz

Und diese Suche beginnt wie fast jede Recherche heutzutage - im Internet. Ein Blick auf Wikipedia verrät: "Hans Hummel, bürgerlicher Name Johann Wilhelm Bentz, (* 21. Januar 1787 in Hamburg; † 15. März 1854)." 160 Jahre ist er also in diesem Jahr tot. Außerdem heißt es, dass er in der Hamburger Neustadt gearbeitet habe.

Hans-Hummel-Statue aus Muschelkalk

Die Neustadt ist nicht weit vom NDR: zehn Minuten mit dem Rad Richtung Süden. Hier reihen sich die typischen Hamburger Backsteinhäuser aneinander. Und mittendrin auf einem kleinen Platz am Rademachergang steht er: der Hamburger Wasserträger in Form einer Statue aus Muschelkalk.

Entworfen hat sie der Bildhauer Richard Kuöhl im Jahr 1938 - im Auftrag der Nazis. Sie waren der Meinung, dass sich der Wasserträger als Identifikationsfigur für die Bewohner der Neustadt eignete.

"Hummel, Hummel" - "Mors, Mors"

Wenige Meter entfernt von Hummel hat Kuöhl noch eine weitere Figur platziert. An einer Hausecke streckt ein Junge dem Wasserträger seinen nackten Hintern entgegen.Damit spielt der Bildhauer auf die Geschichte des Hamburger Grußes an.

Der Überlieferung nach neckten die Kinder des Viertels den Wasserträger, indem sie ihm "Hummel, Hummel" nachriefen. Darauf habe dieser mit "Mors, Mors" reagiert. Die Bedeutung von Hummels Ausruf ist recht schlicht: Mors ist plattdeutsch und bedeutet Arsch. Es soll eine Kurzform des niederdeutschen Ausspruchs "Klei di an'n Mors" ("Kratz dich am Arsch") gewesen sein.

Verschiedene Theorien im Museum

Der Hamburger Historiker Ortwin Pelc im Historischen Museum Hamburg © NDR Foto: Hanna Grimm
Der Historiker Ortwin Pelc ist Experte für Hamburger Stadtgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Aber warum nannten die Kinder den Wasserträger Bentz "Hummel"? Eine Frage, auf die es verschiedene Antworten gibt, sagt der Historiker Ortwin Pelc. Er beschäftigt sich im Historischen Museum Hamburg mit der Stadtgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine Vermutung ist, dass sich "Hummel" von der norddeutschen Bezeichnung "Griephummer" oder "Hummer" ableitet. Das war der Spottname für Gerichtsdiener. Aus "Hummer" wurde "Hummel". Pelc hält diese Theorie allerdings für wenig wahrscheinlich. "Die ist über drei Ecken gedacht."

Wahrscheinlicher ist, dass der Name etwas mit der Wohnsituation von Bentz zu tun hatte. "Er war damals in die Wohnung des verstorbenen Stadtsoldaten Daniel Christian Hummel gezogen", erklärt Historiker Pelc. Die Kinder hätten dem Wasserträger den Namen seines beliebten Vormieters nachgerufen. "Das ärgerte ihn offenbar maßlos."

Was über ihn geschrieben wurde

Wegen ein paar Kinderstreichen verärgert sein - was war Bentz wohl für ein Typ? In der holzgetäfelten Bibliothek des Museums gibt es zahlreiche Bücher über den Wasserträger. Im Personenlexikon "Hamburgische Biografie" wird Bentz tatsächlich als ziemlich mürrischer Zeitgenosse beschrieben.

In dem Buch "Hamburger Originale und originelle Hamburger" steht sogar, er sei "trübsinnig und verbittert" gewesen - wegen einer enttäuschten Liebe. "Ein kleiner Ärger konnte ihn zu maßlosem Zorn reizen", heißt es da. Es gibt aber auch eine Quelle, die ihn als vergnügt bezeichnet. "Er war ein Wasserträger, ein unschädlich harmloser Gemütskranker", schreibt zum Beispiel Emilie Weber in ihren "Jugenderinnerungen".

Wasserträger Hummel: Die letzte Ehrung

Berühmt scheint Bentz schon zum Zeitpunkt seines Todes gewesen zu sein. Die "Hamburger Nachrichten" schreiben in einem Nachruf auf ihn: "Eine fast in der ganzen Stadt, und vornehmlich in der Neustadt, bekannte Persönlichkeit, der Arbeitsmann und Wasserträger Hummel ist in diesen Tagen gestorben."

Doch trotz seiner Bekanntheit starb Hummel alias Bentz einsam und mittellos im Armenhaus. Denn seinen Job hatte er vor seinem Tod verloren. Durch den Anschluss der Neustadt an die Wasserversorgung waren Wasserträger überflüssig geworden.

Hummel im HSV-Stadion

Einen Grabstein hat Bentz nicht - doch heute erinnern sich die Menschen trotzdem noch an ihn. Nicht nur wegen der vielen Souvenirs und der Statuen. Auch bei Fußballspielen hört man immer noch seinen Ruf. Denn immer wenn der HSV ein Tor schießt, ruft der Stadionsprecher "Hummel, Hummel" und die Fans antworten mit "Mors, Mors".

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 02.02.2013 | 19:30 Uhr

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