Eine historische Aufnahme aus dem Jahr 1911 zeigt Adolf Petersen, auch "Lord von Barmbeck" genannt. © Polizeimuseum Hamburg

Der "Lord von Barmbeck": Hamburger Ganoven-König mit "Stil"

Stand: 29.06.2021 05:00 Uhr

Um 1920 ist Julius Adolf Petersen Hamburgs berüchtigster Einbrecher-König, bekannt als "Lord von Barmbeck". Vor 100 Jahren wird er verhaftet. In vier Teilen erzählt der NDR seine Geschichte. Teil 1: Der Ganove mit "Stil".

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de

"Bei uns in der Familie haben wir immer gut über den 'Lord von Barmbeck' gesprochen", erzählt Astrid Mayer, als sich der NDR mit ihr 2015 trifft. Die Hamburgerin weiß damals viel zu erzählen über den legendären Einbrecherkönig der frühen 1920er-Jahre, der mit bürgerlichem Namen Julius Adolf Petersen hieß. Mayer hatte den Nachlass ihrer Großtante Frida Goedje übernommen, die lange Zeit Weggefährtin und Geliebte des "Lords von Barmbeck" war - bis zu seinem tragischen Tod 1933 in einer Hamburger Gefängniszelle. Die Dokumente geben tiefe Einblicke in das Denken und Handeln des "Lords", dessen Geschichte auch 1973 verfilmt wurde.

Julius Adolf Petersen - Der Ganove mit "Stil"

Julius Adolf Petersen ist schon zu Lebzeiten eine Legende gewesen. Die Hamburger Zeitungen berichten ausführlich über den ausgebufften Einbrecher, der auch als Ausbrecher von sich reden machte. Das "Hamburger Fremdenblatt" gab Petersen den Beinamen "Lord von Barmbeck" - benannt nach dem Hamburger Arbeiterviertel, in dem Petersen einst eine Kneipe führte (und das sich seit 1946 "Barmbek" schreibt). Petersen legte Wert auf tadellose Kleidung und ging wohl nie ohne seinen steifen, schwarzen Hut aus, so berichteten es Zeitgenossen. Auch mit seinen Manieren und seiner Schlagfertigkeit hob er sich von den raubeinigen Verbrechern seiner Zeit ab.

Ein hanseatischer Robin Hood?

"Mir ist schon als Kind immer erzählt worden, dass der 'Lord von Barmbeck' die Reichen beklaut und den Armen gegeben hat. Und so ist es wohl auch gewesen", so Astrid Mayer, die durch Gespräche mit ihrer Großtante Frida Goedje schon in jungen Jahren viel über den "Lord" erfuhr." Einmal soll er fünf spielende Arbeiterkinder in einem Barmbecker Kaufhaus neu eingekleidet haben - und sie dann mit einem schönen Gruß vom "Lord von Barmbeck" nach Hause geschickt haben. Ist Julius Adolf Petersen also ein hanseatischer Robin Hood gewesen?

Mit 13 Jahren erstmals im Gefängnis

Der spätere "Lord" wächst in einfachen Verhältnissen auf, sein Vater ist Arbeiter in einer Zigarrenfabrik. Geboren wird Julius Adolf Petersen im Oktober 1882 in einer engen Hamburger Kellerwohnung. Schon früh gerät er auf die schiefe Bahn. Im zarten Alter von 13 Jahren wird er zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt. Er hatte einem Spielkameraden - im Tausch für ein paar Bonbons - eine gut gefüllte Geldbörse abgenommen, die dieser gefunden hatte. Aber die Sache kommt heraus. Und nachdem er im Klassenzimmer einem Lehrer, der ihm gerade ein paar Hiebe mit dem Rohrstock auf den Hintern verabreicht, ein voll gefülltes Tintenfass ins Gesicht geworfen hat, wagt er sich vier Wochen lang nicht nach Hause - und lernt als 13-Jähriger, sich mit kleinen Diebstählen und Gaunereien in der Großstadt durchzuschlagen. "In diesen vier Wochen hatte ich Gift getrunken, Gift in vollen Zügen", erinnert sich der "Lord" später. Und so landet Petersen als 18-Jähriger für ein paar Jahre im Gefängnis.

Als Kneipenwirt mit Polizisten geprügelt

Szene aus dem Spielfilm "Der Lord von Barmbeck": Martin Lüttge (rechts) in der Hauptrolle © dpa/ Picture-Alliance
Eine Szene aus dem Spielfim "Der Lord von Barmbeck" von 1973: Kneipenwirt Petersen (rechts) legt sich mit einem Polizisten an.

Von 1904 bis etwa 1908 verdingt sich Petersen als Kneipenwirt in Barmbeck. Aber auch hier kann er sich dem Verbrechermilieu nicht entziehen. "In dieser Tätigkeit als Wirt lernte ich manchen Kunden kenne, dem ich hätte lieber weit aus dem Weg gehen sollen", schreibt der Lord in seinem Memoiren. Zum Ansehen in Ganoven-Kreisen trägt bei, dass Petersen sich nicht scheut, sich mit einem Schutzpolizisten zu prügeln, der einen Gast abführen will. Auch den herbeieilenden zweiten Schutzmann befördert Petersen unsanft auf die Straße. "Dieser Auftritt machte mich im weiten Umkreis unter den Elementen zum Held. Meine Wirtschaft saß jetzt ständig voll, der ordentliche Bürger räumte zweifelhaftem Publikum das Feld", so Petersen. Die Wirtschaft läuft sehr gut. "Denn sie war das Eldorado der Einbrecher und Kohlenarbeiter", meinte einmal Adolfs kleiner Bruder Arnold.

Spielklub hinter verdunkelten Fenstern

"Besondere Verdienste" hat Petersen mit einem illegalen Spielklub, den er nach der Sperrstunde "bis in den hellen Morgen hinein" in der Kneipe unterhält. "Ich musste das Licht durch schwarze Vorhänge abblenden, damit die patrouillierenden Polizisten von außen nicht sehen konnten, dass in dem Lokal noch Betrieb war." 1908 wird Petersen erneut zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Die Familie gibt die Kneipe daraufhin auf.

Im zweiten Teil der Serie über das Leben des "Lords von Barmbeck" erfahren Sie, welches die spektakulärsten Verbrechen von Julius Adolf Petersen waren - und wie er 1921 nach jahrelanger Suche verhaftet wurde.

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Szene aus dem Spielfilm "Der Lord von Barmbeck" von 1973: Überfall auf eine Kutsche. © dpa/ Picture-Alliance

Teil 2: Die spektakulärsten Taten des "Lords von Barmbeck"

Bis zu seiner Verhaftung vor 100 Jahren narrte der Hamburger Ganoven-König die Polizei. In vier Teilen erzählt der NDR seine Geschichte. mehr

Szene aus dem Spielfilm "Der Lord von Barmbeck" von 1973: Martin Lüttge als Julius Adoilf Petersen. © dpa/ Picture-Alliance

Teil 3: Als der "Lord von Barmbeck" in Folterketten lag

Nach seiner Verhaftung 1921 schmort Julius Adolf Petersen im Gefängnis. Monate später und unter hohem Druck gesteht er. mehr

Eine historische Aufnahme aus dem Jahr 1911 zeigt Adolf Petersen, auch "Lord von Barmbeck" genannt. Seine ehemalige Lebenspartnerin hat sich aus dem Bild herausgeschnitten. © Polizeimuseum Hamburg

Teil 4: Die letzten Lebensjahre des "Lords von Barmbeck"

Der Hamburger Julius Adolf Petersen stirbt 1933 in seiner Zelle. Bis zu seinem Tod gilt er als "Verbrecher durch und durch". mehr

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Blick in das Kehrwiederviertel mit Brooksbrücke vor dem Bau der Speicherstadt um 1883 © Archiv Speicherstadtmuseum

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