Sendedatum: 20.07.2019 19:30 Uhr  | Archiv

Protest am Plattenteller

von Kathrin Otto
Der alte Wolga von Wolfhard Kutz
Um an westdeutsche Schallplatten - besonders von Frank Zappa - zu kommen, riskierte Wolfhard Kutz eine Menge.

Es weht ein kalter Wind in Bad Doberan, als Wolfhard Kutz den Motor seines Wolga startet. Nebelschwaden hängen über der Transitautobahn in Richtung Berlin. Kutz trommelt unentwegt mit den Fingern auf das Lenkrad, schaut immer wieder in den Rückspiegel, um sicherzugehen, dass ihm niemand folgt. Wenn alles gut geht, wird er in fünf Stunden wieder zu Hause sein. Der 34-Jährige ist an diesem Abend des 12. Oktober 1989 auf einer Raststätte kurz vor Berlin verabredet. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr wird er dort Nalin treffen. Dieser kommt ursprünglich aus Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, und lebt und studiert 1989 in Rostock. Das ist auch schon alles, was der junge Kutz über ihn weiß, nicht einmal sein Nachname ist ihm bekannt.

Weil Ceylon gute Beziehungen zum DDR-Regime pflegt, darf Nalin in den Westen reisen. Heute kommt er zurück und obwohl Kutz ihn kaum kennt, fährt er ihm freudig entgegen: Der Student aus Ceylon hat Ware an Bord, die bald in seinen Besitz übergehen soll. Die Angst fährt wie immer mit, eigentlich dürfte sich Kutz auf der Transitautobahn und dem Rastplatz nicht aufhalten. Manchmal gibt es Kontrollen, doch dieses Risiko ist er bereit einzugehen. Auf dem Rastplatz angekommen spielt sich fast ein kleiner Krimi ab: Die beiden "Komplizen" erblicken sich, dann verschwindet Kutz auf die Toilette. Als er zurückkehrt, ist Nalin weg, hat inzwischen ein Paket auf der Rückbank des Wolga verstaut. Mit zittrigen Fingern, aber einem Lächeln startet der Bad Doberaner seinen Wagen und macht sich auf den Heimweg. Zu Hause öffnet er das Paket und hält 36 neue Schallplatten mit westlicher Musik in der Hand - die meisten von Frank Zappa.

Bürgerschreck als Idol

Wenn Wolfhard Kutz sich nun, 20 Jahre später, an solche Szenen erinnert, muss er grinsen. Einer seiner besten Freunde, Wolf B., hatte den heute 54-Jährigen 1982 mit dem Studenten aus Ceylon bekannt gemacht. Er war es auch, der Kutz mit dem "Frank-Zappa-Virus" infiziert hatte, als er ihm Anfang der Siebziger eine Schallplatte des amerikanischen Rockmusikers lieh. Damals war Kutz gerade 17 Jahre alt. Er fing sofort an, sich nicht nur für Zappas Songs, sondern auch für dessen Leben zu interessieren. "Mir hat imponiert, dass er als 'Bürgerschreck' immer an die Grenze des Machbaren ging, ohne seine Freiheit zu riskieren", erzählt er. "Das habe ich als Maßstab für meinen Protest in der DDR genommen. Ich hab nirgends Fahnen runtergerissen, ich wusste: Das bringt nichts, dafür geh ich nur ins Gefängnis. Lieber hab ich die Musik verbreitet, die ich gut fand, und damit protestiert."

Wolfhard Kutz (li.) mit einem Freund an der Ostsee
Als Jugendlicher hatte er Zappa-Songs gehört, war begeistert und fing an, sich intensiv mit dem Musiker zu beschäftigen.

Denn Frank Zappas Musik galt in der ehemaligen DDR als "systemgefährdend". Wolfhard Kutz ließ sie trotzdem nicht mehr los. Seine erste Zappa-Platte kaufte er für 120 Ostmark. Er fing an, die Schallplatten zu sammeln und zu tauschen - egal, was die DDR-Oberen darüber dachten, die ihn bereits beobachten ließen. Und egal, was seine Eltern darüber dachten, bei denen der junge Mann damals lebte. Vater und Mutter arbeiteten beide bei der Stasi. Kutz erwischte den Vater einmal dabei, wie er seinen Schrank nach neuen, "unerlaubten" Schallplatten durchsuchte. Der eigene Vater von der Stasi auf den Sohn angesetzt - und bereit, den Befehl auszuführen: In dieser Situation waren weitere Probleme vorprogrammiert, und so blieb Kutz mit 18 Jahren allein in Bad Doberan zurück, als die Eltern und seine, wie er sie nennt, systemkonforme Schwester nach Rostock zogen. Kutz brach sogar den Kontakt zu ihnen ab.

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Nordmagazin | 20.07.2019 | 19:30 Uhr

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