Stand: 17.04.2020 18:49 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Bergen-Belsen: Ticker zur Befreiung zum Nachlesen

Am 15. April 1945 trifft die britische Armee im KZ Bergen-Belsen ein. Das bedeutete Freiheit und die Hoffnung auf ein Leben in Frieden für Tausende Inhaftierte.

Die letzten Tage im Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle: Von Sonnabend, 11. April, bis Freitag, 17. April, hat NDR.de/Niedersachsen die Geschehnisse vor, während und nach der Befreiung durch die Briten vor 75 Jahren auf dem Twitter-Account von NDR Niedersachsen nachgezeichnet. An dieser Stelle können Sie die Ereignisse noch einmal nachlesen.

11. April 1945

- Es ist Mittwoch, der 11. April 1945. Bald endet der Zweite Weltkrieg. Die Befreiung des KZ Bergen-Belsen bei Celle steht unmittelbar bevor. Verfolgen Sie in diesem Thread ab heute die letzten Tage im Lager.

Bild vergrößern
Tausende Menschen hausen eingepfercht auf dem Lagergelände unter desaströsen hygienischen Bedinungen.

- Heinrich Himmler, Reichsführer SS, stimmt zu, Bergen-Belsen der britischen Armee kampflos zu übergeben. 2.000 Häftlinge werden zum "Leichentragen" eingeteilt. Seuchen und Hunger sorgen für ein Massensterben im völlig überfüllten Lager.

- "Man versuchte offenbar, wenigstens die Toten wegzuschaffen, bevor die Engländer da waren", erinnert sich der ehemalige Häftling Arthur Lehmann. Jeweils vier Insassen schleppen eine Leiche und zerren sie in die Massengräber.

12. April 1945

- Es ist 8 Uhr, der 12. April. Deutsche Unterhändler sind auf dem Weg zu den Briten. Sie wollen die feindliche Armee über die Existenz des Lagers unterrichten - und über 1.500 an Typhus und Fleckfieber erkrankte Inhaftierte.

- An einer Brücke über die Aller werden die deutschen Unterhändler von der Wehrmacht aufgehalten. Ein Oberst lässt sie wegen "Verrätertums" verhaften. Erst zwei Stunden später dürfen sie weiterfahren.

Bild vergrößern
Deutsche Unterhändler bei den Briten: Es geht um die Übergabe des Lagers und die Errichtung einer kampffreien Zone.

- Die deutschen Unterhändler werden zu Brigadier Taylor-Balfour, dem Stabschef des 8th Corps der britischen Armee, in die Nähe von Schwarmstedt gebracht. Die Gespräche über die geplante Übergabe des Lagers ziehen sich hin.

- Währenddessen im Lager: Den ganzen Tag über bis zum Abend werden noch immer Tote in Massengräber geworfen - zu der grausigen Arbeit muss die Häftlingskapelle spielen. Abends gibt es einen Viertelliter dünne Suppe für die Gefangenen.

- Die Verhandlungen zwischen den Briten und den deutschen Unterhändlern laufen mittlerweile im deutschen Stabsquartier nahe des Lagers. Der britische Brigadier Taylor-Balfour fordert die Einrichtung einer kampffreien Zone um das KZ.

13. April 1945

- Gegen 1 Uhr in der Nacht einigen sich die Parteien schließlich: Bergen-Belsen wird kampflos übergeben. Ein 48 Quadratkilometer großer Bereich um das Konzentrationslager wird zu neutralem Gebiet erklärt.

- Das Anrücken des Feindes zeigt erste Wirkung. "Zu unserer Überraschung sahen wir nur vereinzelte SS-Männer, alle trugen am linken Arm eine weiße Binde", erinnert sich der ehemalige Häftling Arnost Basch.

- Der Großteil der SS flieht aus dem KZ nach Norden in Richtung Schleswig-Holstein. Kommandant Josef Kramer bleibt mit einigen Wachen zurück, darunter auch Frauen. Ungarische und deutsche Einheiten übernehmen die Bewachung im Lager.

- Häftling Arnost Basch hungert seit drei Tagen. Es sterben immer noch täglich Hunderte. "In der schlaflosen Nacht hörten wir Kanonendonner und wir gaben uns der Hoffnung preis, dass um unser Leben gekämpft wird."

14. April 1945

- Morgenappell. "Als wir wieder in Paare gereiht wurden, liefen viele Häftlinge weg", erinnert sich Arnost Basch. Sie wollen sich verstecken - doch Kapos (als Aufsicht eingesetzte Insassen) und SS-Männer verfolgen und misshandeln sie.

- Nach dem Appell bekommt jeder Häftling 100 Gramm verschimmeltes Brot. Es herrscht gespenstische Ruhe im Lager. Die verbliebenen Wachen kümmern sich kaum noch um die Zehntausenden Gefangenen.

- Rings um die Baracken liegen noch immer Tausende unbestattete Leichen. Ständig sterben weitere Menschen. Arnost Basch: "Wir selbst waren so abgestumpft und geistesmüde, dass wir diesem Geschehen bereits keine Beachtung schenkten."

- Geschützdonner. "Es schien so, als ob es ganz in unserer Nähe wäre", erinnert sich Arnost Basch. Die Briten werden trotz der ausgehandelten Übergabe durch heftige Gegenwehr bei Winsen aufgehalten. Viele Häftlinge liegen wach.

15. April 1945

- Der Morgen eines schönen Frühlingstages. Im Lager scheint vollständige Ruhe zu herrschen. Arnost Basch: "Niemand von den Kapos kümmerte sich um uns, es gab kein Wecken mit Schlägen und Brüllen."

- Die weiße Flagge weht über dem Lager. "Wir wussten also, dass es dem Ende zuging. Aber wir wussten auch, dass wir nicht mehr lange durchhalten würden", erinnert sich René Salt, seit Anfang April 1945 im Frauenlager.

- Soldaten des 1st Special Air Service stoßen bis zum Lager vor. Doch die kleine britische Einheit macht nur kurz halt und zieht dann weiter.

Britische Panzer vor den Toren des KZ.

- 15 Uhr. Das 63rd Anti Tank Regiment der Briten unter Lieutenant-Colonel Taylor und Captain Sington erreicht das Lager. "Komm, komm, schnell! Schnell! Da sind Panzer auf der Straße!”, ruft ein Mithäftling Rudolf Küstermeier zu.

- Häftling Jean-Pierre Renouard kommt von einem der Massengräber zurück, als er einen Panzerwagen sieht. Darauf: ein britischer Soldat. "Endlich! Ich setze mich und nehme den Kopf zwischen die Hände. Ich möchte weinen und lachen."

- Doch die Briten haben nicht nur gute Nachrichten: "Im Übrigen werden Sie hier frühestens nach einigen Wochen herauskommen. Hier gibt es Typhus", sagt ein britischer Soldat kurz darauf zu Renouard.

- Viele Menschen im Lager sind fast verhungert und verdurstet, an Fleckfieber oder Bauchtyphus erkrankt. Der Tod ist überall. Tausende Leichen liegen noch immer unbestattet in den Baracken und auf dem Gelände.

- Brigadier Hughes, Mediziner der britischen Armee, trifft im Lager ein. Er fordert umgehend weitere medizinische Unterstützung an. Wenig später beginnt die Divisional Field Hygiene Section mit ersten Notmaßnahmen.

Videos
05:00
Hallo Niedersachsen

Erste jüdische Gemeinde nach dem Holocaust

02.02.2020 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Neben dem KZ Bergen-Belsen entstand nach dem Zweiten Weltkrieg ein Lager für jüdische Überlebende. Das sogenannte DP-Camp entwickelte sich schnell zum Zentrum jüdischen Lebens. Video (05:00 min)

- "Ich kann keine treffende Beschreibung dieses Horror-Camps geben", sagt Lieutenant-Colonel Gonin von der 11th Light Field Ambulance. Captain Sington: "Es sah aus wie der überhäufte Ladentisch eines Schlachters."

- Kommandant Josef Kramer wird von der britischen Armee gezwungen, an einer Inspektionstour durch sein Lager teilzunehmen.

- "Ich war wie betäubt. Ich wusste, was um mich herum passierte, aber ich konnte es nicht begreifen. Ich war lethargisch, lachte oder lächelte nicht, ich konnte mich nicht freuen", erinnert sich die ehemalige Gefangene Catheryne Morgan.

- Ausgehungerte Häftlinge stürmen die Küchen des Lagers auf der Suche nach Nahrung. Wachposten eröffnen das Feuer. Es gibt Tote.

- Russische und polnische Gefangene brechen in Stallungen der SS ein und schlachten einige Schweine. Sie werden noch in der Nacht gebraten. Viele der ausgehungerten Menschen vertragen jedoch die schwere Kost nicht mehr. Es kommt zu Todesfällen.

- Einige der befreiten Gefangenen räumen Magazine und Kleiderkammern der Wachmannschaften aus. Es kommt zu Racheakten an Kapos. Einige von ihnen werden umgebracht.

"Prisoners of all nations, the British Army has occupied your camp. You are free!"

16. April 1945

Bild vergrößern
Josef Kramer, seit Dezember 1944 KZ-Kommandant in Bergen-Belsen, wird abgeführt.

- Lagerkommandant Josef Kramer wird unter Arrest gestellt und ins Gefängnis nach Celle transportiert.

- Die Briten beginnen, die ersten Baracken zu desinfizieren. Soldaten versorgen die befreiten Häftlinge mit Nahrung. Doch nicht alle der ausgezehrten Menschen vertragen das Essen. Wieder sterben einige wenig später.

- Der Kasernenkomplex des Lagers wird von den Briten zum Hospital umfunktioniert. Alle überlebenden Häftlinge werden dorthin gebracht. Feuerwehren aus der Umgebung beginnen, Wasserleitungen von der Meiße ins Lager zu legen.

- Die Bevölkerung der Umgebung soll Decken und Kleidung für die Befreiten sammeln. So lautet eine britische Anordnung. Im ehemaligen KZ werden die verbliebenen SS-Wachmannschaften entwaffnet und unter Arrest gestellt.

- Ein Militärrabbiner der Briten reist nach Bergen-Belsen. Im Laufe des Tages beginnt die Bestattung Tausender Leichen in Massengräbern.

17. April 1945

Bild vergrößern
Mit Flammenwerfer brennen die Briten die Baracken nieder.

- Die Army Film and Photographic Unit trifft ein. Sie dokumentiert den Vormarsch. Sergeant Lawrie beobachtet: "Die Insassen sind zu keinen zusammenhängenden Gedanken fähig. Sie sitzen nur da, viele von ihnen können sich nicht mehr bewegen."

- Ab 24. April wird das Lager geräumt. Am 21. Mai, das gesamte Lager ist evakuiert, wird die letzte Baracke von Bergen-Belsen per Flammenwerfer niedergebrannt.

- Am 17. September beginnt der Belsen-Prozess gegen den früheren Kommandanten Kramer, Angehörige der Wachmannschaften sowie einige Kapos. Am Ende stehen elf Todesurteile, die am 13. Dezember in Hameln vollstreckt werden.

- In Gedenken an die Opfer von Bergen-Belsen. #bergenbelsen75 #75Befreiung

Quellen der Berichterstattung zum 75. Jahrestag der Befreiung:

  • Jakob Saß: "Gewalt, Gier und Gnade" (2019)
  • Bergen-Belsen - Katalog der Dauerausstellung (2009)
  • Ben Shephard: "After daybreak" (2006)
  • Alexandra-Eileen Wenck: "Zwischen Menschenhandel und 'Endlösung'" (2000)
  • Eberhard Kolb: Bergen-Belsen 1943-45 (1996)
  • Konzentrationslager Bergen-Belsen: Berichte und Dokumente (1995)
  • Jean-Pierre Renouard: "Die Hölle gestreift" (1993)
  • Paul Kemp: "The Liberation of Bergen-Belsen" (1990)
  • Derrick Sington: "Belsen uncovered" (1946)

Weitere Informationen

Storytelling: Vom Bäcker zum KZ-Kommandanten

Der erste Kommandant des KZ Bergen-Belsen war Adolf Haas. Wie wurde aus einem gelernten Bäcker aus dem Westerwald ein SS-Obersturmbannführer? Ein Visual Storytelling von NDR.de. mehr

Wie der Zweite Weltkrieg im Norden endete

Am 8. Mai 1945 endet der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Bereits in den Wochen zuvor haben die Alliierten viele Städte und Konzentrationslager befreit. Ein Dossier. (17.04.2020) mehr

KZ Bergen-Belsen: "Nichts als Leichen, Leichen, Leichen"

Hunger, Seuchen, Leichenberge: Das Leid der Häftlinge im KZ Bergen-Belsen war unvorstellbar. Am 15. April 1945 befreiten britische Truppen das Lager. Für viele kam die Hilfe zu spät. (15.04.2020) mehr

Chronik des Kriegsendes im Norden

Vor 75 Jahren ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Wie verliefen die letzten Kriegsmonate in Norddeutschland? Welche überregionalen Ereignisse waren relevant? Eine Chronik. (09.04.2020) mehr

Erinnerung digital: Mit der App durch Bergen-Belsen

In der Gedenkstätte Bergen-Belsen können Besucher mit einer App das ehemalige Konzentrationslager erkunden. Was kann eine digitale Aufbereitung dieser Art im Rahmen der Erinnerungskultur leisten? (21.01.2020) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 17.04.2020 | 12:00 Uhr

Mehr Geschichte in Video und Audio

05:39
Schleswig-Holstein Magazin
05:33
Hallo Niedersachsen
03:23
Nordmagazin

Norddeutsche Geschichte