Stand: 02.03.2020 06:00 Uhr  - NDR Kultur

Die Jagd der Nazis auf die Hamburger Swing-Jugend

von Dirk Hempel
Swing-Musiker und Gäste vergnügen sich am 2. März 1940 im Hamburger Curiohaus - bis die Gestapo die Veranstaltung mit einem ersten großen Schlag harsch beendet.

Mehr als 400 junge Leute tanzen am Abend des 2. März 1940 im Weißen Saal des Hamburger Curiohauses. Eine Flottbeker Band um den Studenten Heinz Beckmann heizt ihnen mit Swing-Musik ein. Sie singen die englischen Refrains, haken sich unter, pfeifen, hüpfen und klatschen. Die Stimmung ist fröhlich, trotz des Krieges herrscht jugendliche Lebensfreude. Auf dem Höhepunkt des Abends erklingt der "St. Louis Blues". Der Akkordeonist spielt gerade sein Solo.

Die Gestapo schlägt erstmals massiv zu

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Das Hamburger Curiohaus ist bis heute ein beliebter Veranstaltungsort, etwa für Partys und Bälle.

Plötzlich gellen Trillerpfeifen, grelles Licht blendet die Tanzenden. Gestapo-Beamte in dunkelgrauen Regenmänteln stürmen auf die Bühne, riegeln die Zugänge ab und setzen die jugendlichen "Swings" für Stunden fest. Nur wenige können fliehen. Die Polizisten nehmen Personalien auf, notieren Namen der Arbeitgeber, durchsuchen Taschen, mokieren sich über Kleidung und Frisuren, über Lippenstifte und Puderdosen. Die Festsetzung dauert bis in die Morgenstunden des folgenden Tages. Die Eltern müssen ihre zumeist minderjährigen Kinder abholen.

Systematische Verfolgung der Swing-Jugend beginnt

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Swingmusik und -tanz sind in den 1930er-Jahren bei vielen Jugendlichen beliebt.

Der erste große Schlag von Gestapo und Hitlerjugend (HJ) gegen die Swing-Bewegung ist äußerst erfolgreich. Nun verfügt die Polizei über Namen und Adressen von mehr als 400 "Swings". Bisher war sie auf vage Angaben von Informanten und gelegentliche Beobachtungen von HJ-Streifen angewiesen. Jetzt kann sie endlich systematisch gegen die in ihren Augen "degenerierten" Jugendlichen vorgehen und sie "ausmerzen". Die Beamten gründen eine eigene Abteilung, legen eine Personenkartei an und bauen ein Spitzelsystem auf. Dann beginnen sie die massive Verfolgung der Hamburger Swing-Jugend.

Die Musik der Moderne ist den Nazis ein Gräuel

Jazzmusik ist in Deutschland schon in den Goldenen Zwanzigern populär, vor allem bei jungen Leuten. Amerikanische Big Bands spielen in den Tanzsälen und Bars der Großstädte vor einem begeisterten Publikum. Auf dem heimischen Grammophon drehen sich Schellackplatten mit Titeln von Louis Armstrong, Duke Ellington und Sidney Bechet. Und selbst im Radio wird bald überall die neue Musik gesendet, die für Moderne, für grenzenlose Freiheit und den individuellen Lebensstil des Westens steht.

Bei den Nazis ist Jazzmusik deshalb unerwünscht. Sie diffamieren sie als "entartet", als Ausdruck einer "Verschwörung von Juden und Negern" gegen die deutsche Kultur. Ihre rassistische Propaganda hetzt gegen die Musik der "Halbwilden". Im Rundfunk ist Jazz ab 1935 verboten. Auch in manchen Tanzlokalen untersagen die Besitzer den Swing. Ab Ende der 30er-Jahre dürfen schwarze Jazzer wie Fats Waller nicht mehr in Deutschland auftreten, jüdische Komponisten wie Benny Goodman nicht mehr gespielt werden.

Hamburg ist eine Hochburg des Swing

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Das Café Heinze an der Reeperbahn ist in den 1930er-Jahren ein beliebter Treffpunkt der Hamburger Swing-Fans.

Aber die Begeisterung für Jazz können die Nazis nicht unterdrücken. Vor allem in den Großstädten besuchen Jugendliche weiterhin Swing-Konzerte. Sie kleiden sich lässig nach britischer Mode, die jungen Männer mit Hut und Regenschirm, die Frauen geschminkt. Eine liberale jugendliche Gegenkultur zur totalitären Erziehung der Hitlerjugend entsteht. Im traditionell anglophilen Hamburg treffen sich die "Swings" im Alsterpavillon, im Café Heinze an der Reeperbahn oder dem "Trocadero" in den Großen Bleichen. Auf etwa 2.000 junge Leute wird die Jazzszene an der Elbe geschätzt.

Gegen Cliquen und Feste ist die Polizei anfangs machtlos

Gestapo und Hitlerjugend beobachten deren freizügigen Aktivitäten mit Argwohn. Sie fürchten, dass immer mehr Jugendliche den Dienst in der HJ verweigern, unterstellen gar eine politisch "gefährliche Einstellung" gegen den NS-Staat. Doch die Swing-Fans, die zumeist aus Familien der gehobenen Gesellschaft stammen, fühlen sich erstaunlich sicher. Als nach Kriegsbeginn öffentliche Tanzveranstaltungen verboten werden, organisieren sie private Hausfeste in den Villen der Elbvororte und geschlossene Gesellschaften wie die im Curiohaus.

Harte Strafen sollen die Swing-Fans einschüchtern

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Der holländische Swingmusiker John Kristel spielt 1941 mit seiner Band im Hamburger Alsterpavillon.

Nach ihrer ersten großen Razzia im März 1940 verschärft die Polizei die Verfolgung der Swing-Fans. Sie löst Jazzkonzerte und Tanzabende auf und bestraft die unangepassten Jugendlichen. Die Maßnahmen reichen von schriftlichen Verwarnungen über Einweisungen ins Wehrertüchtigungslager und Schulverweise bis zur Fürsorgeerziehung. Doch weil sich immer wieder neue Swing-Cliquen bilden, greift die Gestapo bald brutal durch.

Misshandlungen sind an der Tagesordnung

Bis 1944 werden rund 400 Jugendliche festgenommen und im KZ Fuhlsbüttel festgehalten. Bei Verhören werden sie geschlagen und gedemütigt, dann wochenlang inhaftiert. Unter Misshandlungen geben viele von ihnen Namen und Informationen preis, verpflichten sich zu Spitzeldiensten, melden sich zum Kriegseinsatz. Dem 17-jährigen Dirk Dubber etwa verbietet die Gestapo bei seiner Entlassung, sich mit seinen Swing-Freunden zu treffen, droht ihm mit lebenslanger KZ-Haft. Eine Zeit lang lebt er in ständiger Angst vor Spitzeln und Verfolgung. Als er von einem Gestapo-Beamten beobachtet wird, wie er auf einem Jahrmarkt mit Gleichgesinnten zusammentrifft, nimmt sich der Schüler am folgenden Tag das Leben.

Am Ende droht die Haft im KZ

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Im Konzentrationslager Moringen bei Göttingen sind nach 1942 auch Hamburger "Swings" inhaftiert.

Dutzende Jugendliche werden auf Befehl von Reichsführer SS Heinrich Himmler in Konzentrationslager verschleppt, nach Neuengamme, Ravensbrück oder ins "Jugendschutzlager" Moringen, wo sie Zwangsarbeit leisten müssen. Einige "Swings" jüdischer Herkunft werden in Auschwitz ermordet. Viele Überlebende leiden ihr Leben lang an den Folgen der Haft. Doch weil sie nicht als politische Verfolgte gelten, erhalten die meisten nach 1945 keine staatliche Entschädigung. Erst in den 1980er-Jahren beginnt eine Aufarbeitung des erlittenen Unrechts.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 29.01.2020 | 11:20 Uhr

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