Demonstration im Jahr 1990. © Kurt Hamann

"Ich war ganz schön ernüchtert"

Stand: 30.09.2020 05:47 Uhr  | Archiv

Januar 1990: Karin Uhlenhaut, eine junge Hamburger Assistenzärztin, will rüber in den Osten. Rüber in die DDR. Dort ist es jetzt spannend. Dort will die 35-Jährige mitarbeiten: am Aufbau eines tatsächlich demokratischen, aber sozialistischen Staates - das linke Gegenmodell zur kapitalistischen Bundesrepublik.

Im Norden der DDR fehlen damals Ärzte. Viele sind in den Westen gegangen. Und die Massenflucht hält auch 1990, nach der Öffnung der Grenze und dem Fall der Mauer an. Denn niemand weiß, wie es weiter geht. Händeringend wird nun medizinisches Personal gesucht. Die junge Anästhesistin Uhlenhaut erinnert sich noch genau an ihre Fahrt zum Vorstellungsgespräch, auf der erste Illusionen platzen: die Landstraße bei Schönberg, die B104. Überall schwarze Krähenschwärme. Die Müllkippe stinkt zum Himmel. "Das war schon so, dass ich nicht dachte: Das ist eine klasse Gegend, da will ich jetzt hin", erinnert sie sich.

Deponie Ihlenberg wird zum Skandal

Lastwagen kippen auf der Mülldeponie ihre Ladung ab. (Aufnahme von 1991) © picture-alliance Foto: Jens Büttner
Ost und West profitieren von der Deponie Schönberg. Nach 1990 wird sie zum Skandal.

Die Mülldeponie ist 1979 entstanden, direkt an der innerdeutschen Grenze. Sie wird in den Folgejahren der Abfallhaufen westeuropäischen Sondermülls. Beide Seiten profitieren von einem schmutzigen Geschäft: die DDR, die über eine Firma eines Stasi-geführten Unternehmens Devisen einnimmt, der Westen, der den Müll in der DDR entsorgt. Die Deponie: ein umweltpolitischer und wirtschaftlicher Skandal, der später Untersuchungsausschüsse, Staatsanwaltschaften und im Zuge der Privatisierung den Landesrechnungshof beschäftigen wird.

Vom Westen in den Osten

Für den "Deutschen Fernsehfunk", der wenige Wochen zuvor noch "Fernsehen der DDR" hieß, ist die Bewerbung der westdeutschen linken Assistenzärztin damals so interessant, dass beim Bewerbungsgespräch direkt ein Kamerateam dabei ist. Eine Westdeutsche, die beim Aufbau des neuen demokratischen Sozialismus mithelfen will, das ist spannend. Und auch Karin Uhlenhaut staunt: Im Team der chirurgischen Abteilung in Schönberg gibt es unter den Assistenzärzten eine Frau. "Das war schon was Besonderes", freut sich Uhlenhaut, das gab es in Hamburg zu dieser Zeit kaum. Sie spricht die Ärztin an, doch die reagiert verhalten. Auch in der DDR sei es nicht einfach, diesen Job zu machen. Uhlenhaut ist enttäuscht - dachte sie doch, die Gleichberechtigung der Frauen sei weiter - in der DDR.

Das Volk will Einheit

Demonstration im Jahr 1990. © Kurt Hamann
Wie geht es weiter nach dem Mauerfall? Die Mehrheit will die Einheit, andere suchen einen dritten Weg.

Auch sonst Ernüchterung: Tausendfach ertönt auf den Straßen der Ruf nach Einheit! Wiedervereinigung! Aus zwei deutschen Staaten soll wieder ein deutscher Staat werden. Für einen anderen Weg, für eine sozialistische Utopie ist kein Raum und auch keine Zeit mehr. Spätestens mit dem Ergebnis der ersten und letzten Volkskammerwahl im März 1990 steht fest: Das Volk will die Einheit, und zwar schnell. Jetzt in die DDR zu gehen, kommt für Uhlenhaut nicht mehr in Frage: "Was soll ich jetzt mir die Wiedervereinigung anschauen und zusehen, wie die NATO-Truppen an die polnische Westgrenze ziehen?", sagt sie der ostdeutschen Fernseh-Sendung "Klartext" 1990 im Interview. Das Fernsehteam besucht die Ärztin damals noch einmal in Hamburg, um nachzufragen, warum sie Ihr Vorhaben aufgegeben hat.

An einen dritten Weg geglaubt

In Hamburg lebt Karin Uhlenhaut heute noch, arbeitet als Gutachterin des medizinischen Dienstes der Krankenkassen in Hamburg. 1994 hat sie noch einen weiteren Versuch gestartet, in Mecklenburg-Vorpommern zu leben, arbeitete im Krankenhaus auf Rügen. Doch ihr damaliger Freund, ein Kurde, hatte nicht das Gefühl, willkommen zu sein. Und sie, die linke Westdeutsche, bekam öfter ein "Wessi" an den Kopf. Nach vier Monaten bricht Uhlenhaut den zweiten Anlauf, nach Ostdeutschland überzusiedeln, ab.

Keine Chance auf eigenständige DDR

"Ich war damals schon ganz schön ernüchtert", sagt Karin Uhlenhaut heute im Interview. Sie sitzt wieder vor dem gleichen Schreibtisch, an dem sie damals vor 30 Jahren vom DDR-Fernsehen interviewt wurde. Verloren hat sie 1990 die Hoffnung, "dass es einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und unattraktivem Sozialismus geben könnte." Im Nachhinein betrachtet, sagt sie, gab es damals keine Chance auf eine eigenständige DDR. "Aber in diesen zwei, drei Monaten haben wir Linken in Westdeutschland und ich daran geglaubt". 30 Jahre nach der deutschen Einheit plant Karin Uhlenhaut wieder für die Zukunft: Auf Kuba hat sie sich eine Wohnung gekauft und will dort leben, sobald sie in Rente ist.

 

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