Stand: 14.02.2012 11:10 Uhr  | Archiv

"Der Sturm war mir unheimlich"

Die Nacht der großen Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962 ist vielen Norddeutschen noch immer sehr lebhaft im Gedächtnis. Einige Hörer haben NDR 1 Niedersachsen von ihren Erlebnissen erzählt.

An Zahnbürsten oder Handschuhe hat niemand gedacht

Albrecht Günther aus Salzgitter war 19 Jahre, als die große Flut 1962 über Norddeutschland rollte. Im Rahmen des Einsatzes des Technischen Hilfswerkes von Salzgitter war er in Hamburg für insgesamt neun Tage im Rettungs-Einsatz: "In der ersten Nacht, es war saukalt und wir hatten teilweise Frost, haben wir in Moorburg Feldbahngleise verlegt. Dies ohne Handschuhe oder wärmere Ausrüstung. Keiner hatte daran gedacht." Es gab so viel zu tun, dass er und seine Kollegen erst nach drei Tagen bemerkten, dass sie keinerlei Hygieneartikel, wie zum Beispiel Zahnbürsten, mitgenommen hatten. Erst da wurden sie abgelöst, um in einer Schule auf den Gängen vor den Klassenzimmern einen Erschöpfungsschlaf abhalten zu können.

"In der Nacht reichte die Flut bis in den halben ersten Stock"

Herbert Feja aus Norderstedt erlebte die Sturmflut in Hamburg-Wilhelmsburg. Mit seiner Mutter und der Großmutter hat der damals 13-Jährige in der Sturmflutnacht in einer Zweizimmerwohnung im dritten Stock eines Mietshauses gewohnt. "Meine Mutter hörte in der Nacht um ein Uhr Wasserrauschen und dachte, die Oma hat wieder vergessen den Wasserhahn abzudrehen", erinnert sich der Zeitzeuge. "Sie  ging zu den Wasserhähnen in der Wohnung und sah, dass sie zugedreht waren." Beim Blick aus dem Fenster in die Georg-Wilhelm-Straße sah die Frau, dass Autos durch die Straße gespült wurden und weckte ihren Sohn und die Oma. Die Familie kleidete sich an, packte Notgepäck und wartete ängstlich ab. "Plötzlich erzitterte das Fünfstockwerke-Haus", berichtet Herbert Feja. "Ein großes, schweres Feuerwehrauto wurde von der Strömung gegen unser Haus geschleudert. Das Haus hat den Wassermassen Stand gehalten und steht bis heute." Drei Meter hoch stand das Wasser in den Straßen. Schutz fanden die Bewohner der überschwemmten Wohnungen in den höher gelegenen Mietwohnungen. Hungern mussten die Flut-Flüchtlinge nicht, denn Hubschrauber warfen Lebensmittel auf das flache Hausdach ab. Nach einigen Stunden ging das Wasser zurück. In den Straßen blieben angeschwemmte Autos, Kisten und Bretter zurück. An jeder Hausecke hatte die Strömung große, tiefe Löcher gespült. "Manche reichten sogar bis unter das Kellerfundament. Was die wenigsten wissen, nach sechs Stunden kam die Flut ein zweites Mal, zwar nicht ganz so hoch. Und weitere sechs Stunden später noch ein drittes Mal." Um sich von der sorgenvollen Zeit zu erholen, durfte sich der 13-Jährige sechs Wochen bei einer Tischlerfamilie im Schwarzwald in Schönau bei Donaueschingen verwöhnen lassen.

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Menschen schauen aus einer Wohnung im überschwemmten Hamburg-Wilhelmsburg 1962. © NDR Foto: Hildegard Westphal

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"Wir kannten keine Gefahr"

Die Soldaten Rainer Gogolin (links) und Oskar Rosa (rechts) beim Deichschutzeinsatz bei der Sturmflut 1962 an der ostfriesischen Nordseeküste © Rainer Gogolin Foto: Rainer Gogolin
NDR 1 Niedersachsen Hörer Rainer Gogolin (links) und sein Kamerad Oskar Rosa (rechts) waren in Aurich als Soldaten stationiert und halfen an der ostfriesischen Nordseeküste bei der Deichrettung.

Rainer Gogolin aus Frankfurt berichtet, dass er von 1961 bis 1962 in Aurich als Soldat stationiert war. Er wurde im Februar 1962 in seiner Kaserne alarmgeweckt und an die ostfriesische Nordseeküste transportiert, um gefährdete Deichabschnitte vor einem Durchbruch zu schützen. "Es war für mich als Binnenländer unheimlich, dieser Sturm. Noch nie hatte ich etwas Derartiges erlebt. Der Wind blies so stark, dass wir uns kaum über die Deichkrone bewegen konnten. Aber wir waren ja junge, trainierte Soldaten und kannten keine Gefahr", erinnert sich Rainer Gogolin. Nach dem Ende des Sturms schaffte er es mit seinen Kameraden, das Hinterland vor größeren Schäden zu bewahren. "Trotzdem werde ich diesen Einsatz mit den ungezügelten Naturgewalten nie vergessen", schreibt er weiter. Als Anerkennung für die freiwillig geleisteten Dienste erhielten viele seiner Kameraden und er eine Gedenkmedaille vom niedersächsischen Ministerpräsidenten.

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