Stand: 15.12.2009 15:25 Uhr  | Archiv

Das Schicksal der Neubauern

von Dana Zelck

Familie Bey verliert ihr Land

Anders ergeht es Waldemar Bey aus Stuthof bei Rostock. 1948 erhalten seine Eltern zehn Hektar Bodenreformland. In die Urkunde und ins Grundbuch wird jedoch nur der Vater eingetragen. Vier Jahre später tritt das Ehepaar in die LPG ein. Erna Bey arbeitet fortan als Tierpflegerin im Schweinestall, der Vater als Melker - bis zu seinem Tod 1985. "Das Hausgrundstück wurde auf den Namen meiner Mutter überschrieben. Alles andere verfiel an den Bodenreformfonds, obwohl im Grundbuch noch immer mein Vater stand", erzählt Waldemar Bey.

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Der SED-Politiker Hans Modrow war Namensgeber des Modrow-Gesetzes.

Eigentlich verstößt die Rückführung des Landes in den Bodenreformfonds gegen geltendes DDR-Recht. Denn nach den Durchführungsbestimmungen zur Bodenreform darf das nur passieren, wenn der Erbe des Neubauern nicht in Land-, Forst- oder Nahrungsgüterwirtschaft tätig war. Erna Bey aber arbeitet in der örtlichen LPG. Als sie sich damals beim Rat der Stadt beschwert, stößt sie auf taube Ohren. 1990 scheint sich für die Beys doch noch alles zum Guten zu wenden: Im Zuge des sogenannten Modrow-Gesetzes wird das Bodenreformland in Privatbesitz überführt und Erna Bey zur Volleigentümerin ernannt.

Doch zwei Jahre später erklärt die Kohl-Regierung in einem neuen Gesetz die Eigentümerschaft der Neubauernerben für ungültig. Auch Erna Bey verliert ihr Eigentum. Wie viele andere entscheidet sie sich, gerichtlich gegen die Enteignung vorzugehen, scheitert aber in Deutschland in allen Instanzen. Erst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gibt ihr 2004 recht. Doch der Erfolg ist nicht von Dauer: Die Bundesregierung klagt gegen die Entscheidung der Straßburger Richter. Allein dem Land Mecklenburg-Vorpommern droht durch das Urteil der Verlust von etwa 30.000 Hektar Fläche mit einem Gesamtwert von circa 150 Millionen Euro. Mit seinem Urteil am 30. Juni 2005 fällt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sein endgültiges Urteil. Darin heißt es, die entschädigungslose Enteignung sei kein Verstoß gegen das Menschenrecht auf Schutz des Eigentums. Eine Rückgabe des Landes an die Neubauernerben ist damit endgültig ausgeschlossen.

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2004: Eine Rostocker Bürgerin zeigt ein Protestplakat gegen die Enteignung von Bodenreformland.

Für Waldemar Bey ist das ein politisches Urteil zugunsten der Bundesregierung: "Die hätte das Land wieder herausrücken müssen. Das gäbe finanziell für die Kommunen Engpässe. Die Bundesrepublik hätte Geld bereitstellen müssen, und, und, und. Und da der Geldbeutel zurzeit schmal ist, hat man eben diese Variante gewählt." Dann blickt er traurig auf die ehemals eigenen, nun endgültig fremden acht Hektar Land direkt hinter seinem Haus in Stuthof.

Downloads

Junkerland in Bauernhand - Originalversion

Die ungekürzte Fassung des Textes aus der Reihe "Erinnerungen für die Zukunft" von NDR 1 Radio MV. Download (113 KB)

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.09.2005 | 20:00 Uhr

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