Zerstörte Mehrfamilienhäuser in der Heysestraße im Westen der Stadt Swinemünde am 12. März 1945 © Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

März 1945: US-Bomben zerstören Seebad Swinemünde

Stand: 12.03.2020 08:51 Uhr  | Archiv

Im März 1945 warten große Flüchtlings-Trecks in Swinemünde auf ein Schiff über die Ostsee in den Westen. Als US-Bomber das Seebad am 12. März unerwartet angreifen, sterben Tausende.

von Dirk Hempel

661 schwere Bomber und 412 Mustang-Begleitjäger der U.S. Air Force starten am Morgen des 12. März 1945 in England Richtung Deutschland. Doch das Ziel dieser gigantischen Luftflotte sind diesmal nicht die Großstädte Hamburg oder Berlin, sondern das kleine Ostseebad Swinemünde.

Swinemünde: Vom beliebten Seebad zum Trümmerhaufen

Eine historische Postkarte zeigt das Kurhaus und den Strand von Swinemünde auf Usedom. © picture alliance / arkivi
Vor dem Krieg war Swinemünde ein beliebtes und viel besuchtes Seebad.

Die Stadt war vor dem Zweiten Weltkrieg mit ihren prächtigen Hotels im Stil der Bäderarchitektur und der breiten Promenade der beliebteste Urlaubsort der Insel Usedom. Den Kurpark mit Roteichen, Platanen und Magnolien hat der berühmte Gartenkünstler Peter Joseph Lenné entworfen, und in der Adler-Apotheke am Kirchenplatz verbrachte Theodor Fontane seine Kinderjahre. Später machte er die Stadt zum Schauplatz seines bekanntesten Romans um die unglückliche Ehebrecherin Effi Briest.

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Nadelöhr auf der Flucht nach Westen

Im Frühjahr 1945 ist die Stadt überfüllt mit Zehntausenden Flüchtlingen aus Ostpreußen, Danzig und Pommern, die ihre Heimat aus Angst vor der Roten Armee verlassen haben. Weiter südlich haben deren Truppen schon Stettin erreicht. Nur noch über Usedom führt der Weg in den Westen. Vor der Brücke über die Swine, dem größten Mündungsarm der Oder, stauen sich die Trecks. Im Hafen und auf Reede liegen Dutzende von Transportschiffen, auf denen die Menschen auf eine Weiterfahrt nach Flensburg oder Kiel warten. Selbst Hotels, Schulen und Kinos sind mit Frauen, Kindern und älteren Menschen voll belegt. Nach wochenlanger Flucht im Planwagen oder der unsicheren Überfahrt über die eisige Ostsee glauben sie sich in dem ruhigen Kurort in Sicherheit. Viele hoffen, von hier aus mit der Eisenbahn weiterzukommen.

Die Sowjets belagern die Nachbarinsel

Dabei sind die sowjetischen Truppen nur noch 30 Kilometer entfernt. Aber ihr Vormarsch, der sie binnen Wochen von der ostpreußischen Grenze bis an die Oder geführt hat, ist ins Stocken geraten. Die massiv verteidigte Insel Wollin östlich von Swinemünde können sie nicht einnehmen. Immer wieder beschießen die deutschen Geschütze von der Festung und den Kriegsschiffen im Hafen die Stellungen der Rote Armee. Weil die Sowjets selbst nicht über eine starke Bomberflotte verfügen, haben sie die Amerikaner um Hilfe gebeten.

Die U.S. Air Force bombardiert aus 6.000 Metern Höhe

Als am Vormittag des 12. März in Swinemünde die Sirenen heulen, rechnet kaum jemand mit einem Angriff, das Wetter ist zu schlecht, die Stadt zu unbedeutend, zu oft schon sind die Bomber über die Oder nach Stettin oder Berlin eingeflogen. Doch gegen 12 Uhr fallen die ersten Bomben. Für die Flüchtlinge reichen die Luftschutzbunker der Stadt nicht aus. Besonders viele Menschen sterben auf den brennenden und kenternden Flüchtlingsschiffen und im Kurpark, wo sie unter Bäumen Schutz gesucht haben. Als der Angriff der 661 Bomber nach etwa einer Stunde vorbei ist, erkennen die Bewohner ihre Stadt kaum wieder. Viele Häuser sind zerstört. Überall lodern Brände, der Kurpark ist von Bombentrichtern übersät, dazwischen ragen Baumstümpfe in die Luft.

Opferzahlen sind bis heute unklar

Grabsteine und Kreuze der Gedenkstätte Golm erinnern an den Luftangriff auf Swinemünde im Zweiten Weltkrieg. © imago images / imagebroker/theissen
Grabsteine und Kreuze erinnern heute an der Gedenkstätte Golm an den Luftangriff.

Wie viele Menschen in dieser knappen Stunde ums Leben gekommen sind, ist bis heute ungeklärt - und wird es wohl auch bleiben. Es lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wie viele Flüchtlinge sich im Frühjahr 1945 in Swinemünde aufhalten, sie werden damals nicht registriert. Auch die Toten werden nicht gezählt. Sowjet-Truppen sind bereits in der Nähe und immer neue Flüchtlinge drängen nach. Neuere Forschungen schätzen die Opferzahlen auf bis zu 14.000 Tote, wie etwa Nils Köhler, der damalige Leiter der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm 2011 in einem Tagungsband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge schreibt. Die Amerikaner dagegen haben bei dem Bombenangriff 1945 praktisch keine Verluste. Dass sie das kleine Seebad mit einer solchen Masse an Flugzeugen angegriffen haben, wird heute von Militärhistorikern wie etwa Rolf-Dieter Müller als Demonstration der Stärke gegenüber den russischen Verbündeten gesehen - als Vorbote des späteren Kalten Krieges.

Massengräber für die Toten

Viele Tote in den zerstörten Häusern können nicht identifiziert werden und werden in den verschütteten Kellern zum Teil liegen gelassen. Etliche andere werden einfach in den Bombentrichtern verscharrt. Die Opfer der Trecks, die östlich der Swine auf ihre Überfahrt warteten, beerdigt man an Ort und Stelle, ihre Gräber existieren heute nicht mehr. Die meisten aber werden auf dem Golm, der höchsten Erhebung der Insel Usedom westlich der Stadt, in Massengräbern bestattet. Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene müssen die Leichen auf Lastwagen und Pferdefuhrwerken hinaufbringen.

Der schwierige Umgang mit dem Erbe

Blick auf den Hafen und angrenzende Wohnhäuser im polnischen Swinoujscie (Swinemünde). © ZB - Fotoreport Foto: Stefan Sauer
Schlichte Nachkriegsbauten prägen heute das Bild der polnischen Hafenstadt Świnoujście.

Swinemünde wird erst am 5. Mai 1945 von den sowjetischen Truppen besetzt. Nach Kriegsende wird die Stadt am 6. Oktober 1945 polnisch, Świnoujście mit modernen Häusern wieder aufgebaut. Die DDR tut sich schwer mit den Massengräbern auf dem Golm, die an eine ehemals deutsche Stadt jenseits der Grenze erinnern. Erst nach der Wiedervereinigung wird eine internationale Jugendbegegnungsstätte eingerichtet, wo alljährlich im März der Toten gedacht wird.

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Nordmagazin | 12.03.2019 | 19:30 Uhr

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