Stand: 30.04.2020 19:53 Uhr  | Archiv

Kriegsende: Was passierte im Hamburger Rathaus?

Britische Soldaten füttern 1945 vor dem Hamburger Rathaus Tauben.. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Imperial War Museum
Britische Soldaten füttern 1945 Tauben vor dem Hamburger Rathaus.

75 Jahre nach dem Kriegsende steht der Historiker Holger Martens vor dem Eingang zum Hamburger Rathaus. Genau hier kamen am Abend des 3. Mai 1945 die Briten an, um die Stadt Hamburg offiziell zu übernehmen. "Die Engländer kamen mit ihren Panzern und sonstigen Fahrzeugen über die Elbbrücken, dann durch Hammerbrook und schließlich hier über die Mönckebergstraße. Hier am Eingang befand sich der Kampfkommandant Wolz mit seinen Männern und es war der General Spurling, der von Wolz die militärische Übernahme der Stadt entgegennahm", sagt Martens.

Das Rathaus ist in gutem Zustand

Das Rathaus, so Holger Martens, ist damals, anders als der Rest der Stadt, in erstaunlich gutem Zustand: "Hamburg war ja in weiten Teilen zerstört, etwa die Hälfte der Wohnungen war zerstört. Viele weitere teilzerstört. Aber das Rathaus hatte nur an seinem Turm einen Treffer bekommen, der aber auch längst repariert war. Ich kann mir vorstellen, dass das auch für die Engländer beeindruckend gewirkt haben muss, durch die zerstörte Stadt zu fahren, um dann hier vor dem Hamburger Rathaus zu stehen, das völlig unversehrt war."

Nur zwei Senatoren bleiben im Amt

Im Innern des Rathauses treffen die britischen Offiziere den Hamburger Gauleiter und Reichsstatthalter. "Dort wartete Karl Kaufmann und hat eben die Stadt mit der Verwaltung an die Engländer übergeben", berichtet Martens. Am Tag darauf wird Karl Kaufmann von der britischen Militärregierung verhaftet. Die Senatoren bleiben zunächst noch im Amt und werden erst eine Woche später abgelöst. "Am 11. Mai mussten die Senatoren antreten bei der Militärregierung, wurden abgefragt, welche Funktionen sie gehabt haben und nacheinander wurden sie entlassen beziehungsweise auch verhaftet. Nur zwei Senatoren blieben noch vorübergehend im Amt", so Martens.

Hamburgs NSDAP-Gauleiter Karl Kaufmann bei einer Rede © dpa/ Picture-Alliance
Hamburgs NSDAP-Gauleiter Karl Kaufmann wird am 4. Mai von der britischen Militärregierung verhaftet.
Rudolf Petersen wird Bürgermeister

Am 15. Mai 1945 wird Rudolf Petersen zum Ersten Bürgermeister ernannt. "Der kam ja aus einer angesehenen Hamburger Familie. Sein Bruder Carl Petersen war zur Weimarer Zeit Bürgermeister gewesen. Petersen hat es dann schon verstanden, möglichst breit auch seine Senatoren auszusuchen, also von Gewerkschaftsvertretern bis zu SPD Vertretern. Adolph Schönfelder zum Beispiel war schon vor 1933 Senator und das hatte den Vorteil, dass diese Menschen sehr gute Kenntnisse über Hamburg, aber auch Fachkenntnisse mitgebracht haben", berichtet Martens.

Weitere Informationen
360-Grad-Rundgang durch das Hamburger Rathaus. © picture alliance/Bildagentur-online Foto: picture alliance/Bildagentur-online

360-Grad-Rundgang durch das Hamburger Rathaus

Kommen Sie mit auf eine virtuelle 360-Grad-Tour durch das Hamburger Rathaus! Dazu gibt es Videos mit Hintergrundwissen. mehr

Kontakte sind nicht erwünscht

Dennoch haben selbstverständlich die Briten das Sagen in der Stadt. Enge Kontakte zur Hamburger Bevölkerung sind zunächst nicht erwünscht, die Soldaten sollten Distanz wahren. So richten die Engländer zum Beispiel eigene Klubs ein. Und nicht nur das: "Es gab eigene Buslinien oder extra Abteile in der S-Bahn", sagt Martens.

Vieles im Rathaus erinnert an die Briten

Vier Monate gilt das offizielle Verbrüderungsverbot. Was erinnert heute noch im Rathaus an die Übergabe Hamburgs an die Briten? "Interessant ist das Goldene Buch der Stadt", erklärt Martens. Hier hätten nach dem Krieg Vertreter der Besatzungsmacht, die Alliierten, die ersten Eintragungen gemacht. "An die Übergabe hier direkt am 3. Mai 1945 erinnert meines Wissens nichts. Aber es wäre sicherlich angemessen, wenn es heute, nach 75 Jahren, einen Hinweis geben würde, dass das ein besonderer Tag für die Hamburger ist. Es war die Befreiung vom Nationalsozialismus, der Frieden hält bis heute und für viele war es eben eine große Erleichterung, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnen konnte", meint Martens.

Weitere Informationen
Britische Soldaten marschieren am 3. Mai 1945 in Hamburg ein. © dpa Foto: Imperial War Museum

Am seidenen Faden: Hamburgs Weg zur Kapitulation

Kämpfen bis zum Untergang: So lautet noch im April 1945 Hitlers Befehl. Doch der Einsatz von drei mutigen Männern ebnet den Weg zur kampflosen Kapitulation Hamburgs am 3. Mai 1945. mehr

Angeklagte im Curiohaus-Prozess, links KZ-Kommandant Max Pauly © picture-alliance / akg-images

Prozess gegen Reuelose: Die Neuengamme-Täter vor Gericht

Vor 75 Jahren beginnt im Hamburger Curiohaus der erste Prozess gegen Verantwortliche des KZ Neuengamme. mehr

Hamburg Rathausmarkt, 3. Mai 1945 © NDR/Cinecentrum/Imperial War Museum

Hamburg: 75 Jahre Kriegsende

Kriegsende vor 75 Jahren: Am 3. Mai 1945 kapituliert Hamburg - die Stadt wird an die Briten übergeben. Trotz der Corona-Krise finden Gedenkfeiern statt - allerdings nur virtuell. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Hamburger Hafenkonzert | 03.05.2020 | 06:00 Uhr

Mehr Geschichte

Bundeswehrsoldaten in Baumholder (Rheinland-Pflalz) inspizieren am 13. März 1957 eine US-amerikanische Waffe, die in der Lage ist, Atomgranaten abzufeuern. © picture alliance / AP Foto: Horst Faas

Eine Welt in Waffen: Der Westen mit Bundeswehr und NATO

Die deutsche Wiederbewaffnung wird in den 50ern zur Streitfrage. Doch der Kalte Krieg stimmt viele in ihrer Haltung zu Streitkräften um. mehr

Norddeutsche Geschichte