Stand: 12.03.2010 12:00 Uhr  - DAS!  | Archiv

Die Glatzkopfbande

Während eines Campingurlaubs im Sommer 1961 in der Nähe von Bansin auf Usedom hatten ein paar Jugendliche eine verrückte Idee: Sie schnitten sich eine Glatze - was in der DDR damals eine ziemlich ungewöhnliche Frisur war. Anschließend gingen sie zum Tanzen ins Bierzelt. Doch sie spielten Rock'n'Roll, und das galt in der DDR als westliche Unkultur. Die Folge: Der Wirt rief die Volkspolizei.

Was damals geschah

Die Jugendliche mussten mit der Volkspolizei gehen und ihre Ausweise abgegeben. Daraufhin umstellten mehrere Hundert Camper die Baracke der Volkspolizei. Es herrschte allgemeine Missstimmung, weil die Versorgungslage im Sommer 1961 äußerst kritisch war. Die Volkspolizisten fühlten sich bedroht und riefen die Grenztruppen zu Hilfe. Diese zögerten nicht lange und griffen wahllos Jugendliche aus der Masse heraus. Die meisten Jugendlichen wurden nach einer Befragung am folgenden Tag wieder entlassen. Einigen wurde allerdings als Rädelsführer einer Bande der Prozess gemacht. Dabei hatten sich die Jugendliche vorher gar nicht gekannt. Gegen sieben wurde Anklage wegen Landfriedensbruchs erhoben, gegen vier weitere aufgrund staatsgefährdender Gewaltakte. Die Jugendlichen selber verstanden in den ersten Tagen gar nicht die Schwere der Anklage. Sie glaubten bald wieder zu Hause zu sein. Doch sie verschwanden für Jahre in den Gefängnissen der DDR.

Hintergrund: Usedom kurz vor dem Mauerbau

Der Sommer 1961 war besonders heiß. Rund 20.000 Menschen machten Urlaub auf Usedom. Doch wegen der schlechten Versorgungslage fehlte es an den nötigtsen Dingen wie Lebenmitteln. Deshalb mussten die Urlauber ihre Vorräte von Zuhause mitnehmen. Darüber hinaus standen auch nicht genügend sanitäre Anlagen zur Verfügung. Die Urlauber waren unzufrieden und allgemeine Stimmung schlecht. Dadurch eskalierte offenbar die Situation auf der Insel.

Der DEFA-Film

Filmausschnitt aus dem DEFA-Film "Die Glatzkopfbande" © Progress Film-Verleih Foto: Alexander Schittko
Filmausschnitt aus dem DEFA-Film "Die Glatzkopfbande".

Nach den Vorkommnissen auf Usedom wurde ein DEFA Film produziert, der 1963 in den Kinos in der DDR lief. Die Werbung für den Film erweckte den Anschein, dass der Film auf tatsächlichen Ereignissen beruhen würde. Doch der Bezug zur Realität ist minimal. In dem Film erscheint die Glatzkopfbande als eine Gang von gewalttätigen und kriminellen Jugendlichen. Der Film ist als eine nachträgliche Legitimation des Mauerbaus zu sehen. Dass der Film zu einem der erfolgreichsten Filme der DEFA wurde, lag allerdings eher daran, dass der Zuschauer sich mit den Bandenmitgliedern zum Teil identifizierte. Die Glatzkopfbande war damals einfach cool.

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 14.03.2010 | 18:45 Uhr

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