Stand: 20.04.2012 10:00 Uhr  | Archiv

"Die SS in Hamburg ermordete meinen Bruder"

"Die Abteilung Heißmeyer ist aufzulösen"

Als die britischen Truppen im April 1945 wenige Kilometer vor den Toren Hamburgs standen, fragte der Kommandant des KZ Neuengamme Max Pauly in Berlin an, was mit den Kindern geschehen solle. Der Befehl lautete sinngemäß: "Die Abteilung Heißmeyer ist aufzulösen." Dies bedeutete: Die Kinder und ihre vier Betreuer sollten als Zeugen beseitigt werden. Pauly befahl, die Kinder nicht im KZ zu töten, sondern im früheren Außenlager am Bullenhuser Damm. Denn die Aktion sollte vor den anderen Häftlingen geheim bleiben.

Lügenmärchen zur Beruhigung

Die Kinder wurden am späten Abend des 20. April 1945 geweckt. Die SS-Männer erzählten ihnen, sie würden zu ihren Eltern nach Theresienstadt gebracht. Tatsächlich ging es in die Schule am Bullenhuser Damm. Der SS-Arzt Alfred Trzebinski gab allen 20 Kindern eine Morphium-Spritze, um ihnen - wie er später aussagte - in ihrer letzten Stunde unnötige Leiden zu ersparen. Anschließend erhängten SS-Männer die Jungen und Mädchen nacheinander in einem Kellerraum der Schule. Ihre Leichen wurden später im KZ Neuengamme verbrannt.

In derselben Nacht ermordeten die SS-Männer auch die vier Betreuer der Kinder - sie waren ebenfalls Häftlinge - und mindestens 24 sowjetische Gefangene.

Viele Täter wurden hingerichtet

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In den Curiohaus-Prozessen schilderten die angeklagten SS-Männer, wie sie die Kinder am Bullenhuser Damm töteten.

Die Morde an den Kindern vom Bullenhuser Damm wurden in den Hamburger Curiohaus-Prozessen im Jahr 1946 weitgehend rekonstruiert. Das britische Militärgericht verurteilte fünf SS-Männer, die in der Mordnacht vor Ort waren, zum Tode. Am 8. Oktober 1946 wurden sie in Hameln hingerichtet.

Der Arzt Heißmeyer, der an den Morden nicht direkt beteiligt war, kam zunächst davon. Er war nach dem Krieg untergetaucht. In der DDR arbeitete er unter seinem bürgerlichen Namen weiter als Lungenfach-Arzt an einer Magdeburger Klinik. Erst 1963 wurde er verhaftet und vor Gericht gestellt. "Ich bin mir heute bewusst, mit diesen Experimenten an den Kindern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben, denn die Kinder waren völlig wehrlos", sagte Heißmeyer im April 1964 aus. Entsprechend seiner "faschistischen Überzeugung" habe er die jüdischen Kinder damals aber nicht als vollwertige Menschen angesehen.

1966 wurde Heißmeyer zu lebenslanger Haft verurteilt, 1967 starb er im Gefängnis an einem Herzinfarkt.

"Es fällt mir nicht schwer, über den Holocaust zu reden"

Wenn sich Jitzhak Reichenbaum in Hamburg aufhält, wird er häufig von Schulen eingeladen, um den Kindern als Holocaust-Überlebender von den Gräueltaten während des Krieges zu berichten. "Es ist mir nie schwer gefallen, über meine Erlebnisse in den Konzentrationslagern zu sprechen", sagt der gebürtige Pole. Sechs Jahre seiner Jugend hat er in Lagern der Deutschen verbracht. Er habe furchtbare Dinge mit ansehen müssen. "In Israel habe ich dann aber noch eine wundervolle Jugend gehabt", meint Jitzhak Reichenbaum rückblickend. In seiner neuen Heimat traf er auch seine Frau Bella, das Paar hat drei Kinder.

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Holocaust - Das beispiellose Verbrechen

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit von Deutschen systematisch ermordet. Jedes Jahr am 27. Januar erinnert ein Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.04.2016 | 19:30 Uhr

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