Stand: 11.12.2008 11:30 Uhr  | Archiv

"Zwei Stunden für 800 Meter Fußweg"

Als Leiter des Katastrophenstabes in Nordfriesland ist Kreiswehrführer Hinrich Struve während der Schneekatastrophe im Winter 1978/79 im Dauereinsatz. Seine Erlebnisse hat er im Interview mit NDR.de geschildert.

Hinrich Struve, Leiter des Katastrophenstabes Nordfrieslands während der Schneekatastrophe 1978/79 © Deutscher Feuerwehrverband
Schon der Weg zum Krisenstab nach Husum war für Hinrich Struve eine Herausforderung.

NDR.de: Der Katastrophenschutz in Nordfriesland ist auf Sturmfluten eingestellt, aber sicher nicht auf eine Schneekatastrophe. Was bedeutete dies für die Verantwortlichen und die Hilfskräfte?

Hinrich Struve: Auf Sturmfluten kann man sich vorbereiten, weil sie ein Zeitfenster mit Ebbe und Flut haben. So weiß man genau, wann der höchste Wasserstand erreicht wird. Schneefall kann dagegen Tage oder auch Wochen andauern. Vor allem legt Schnee sofort Verkehrsverbindungen lahm. Wenn man eine Straße mit einem Schneepflug freimacht und es herrscht noch dazu starker Wind, so ist die Spur schon nach wenigen Augenblicken wieder zugeweht, und es wird dann immer schwieriger zu räumen. Dann bleibt nur noch die Räumung mit Schneefräsen, aber davon gab es im Winter 1978/79 in Nordfriesland nicht genug.

NDR.de: Wie sah Ihre Arbeit aus?

Struve: Ich selbst stieß erst am 2. Januar in Husum dazu. Während der ersten beiden Katastrophentage habe ich per Funkgerät von zu Hause aus gearbeitet. Nicht, weil ich es zu Hause so nett fand, sondern weil ich nicht nach Husum kommen konnte. Wir waren komplett eingeschneit, an den Häusern waren zwei bis drei Meter hohe Schneewehen.

In Etappen bin ich dann nach Husum gekommen. Allein für die ersten rund 800 Meter Fußweg zu einem freigeräumten Silo habe ich fast zwei Stunden gebraucht. Mit einem Allrad-Fahrzeug des THW bin ich schließlich nach mehreren Stunden in Husum angekommen. Nach 48 Stunden Dauereinsatz habe ich dann eine Nacht in einem Hotel in Husum verbracht, um dann wieder den Krisenstab zu führen. Hier haben wir versucht, die eingehenden Nachrichten abzuarbeiten und zu koordinieren. Wir mussten bei den Notrufen Prioritäten setzen. Es riefen Leute an, die von uns verlangten, dass Feuerwehrleute ihre Auffahrt freischaufeln sollten.

NDR.de: Was war für den Katastrophenstab die größte Schwierigkeit?

Struve: Der Stromausfall und die in Teilen ausgefallene Telefonverbindung. Nur über die Feuerwehr gab es Funkverbindungen, aber natürlich nur da, wo damals schon Funk vorhanden war, und das war nur bei den größeren Wehren der Fall. Ein Problem war natürlich auch, dass zum Beispiel die Ämter erst sehr spät besetzt werden konnten, denn erst einmal mussten sich die Menschen zu Hause freischaufeln, um überhaupt raus und zu den Einsatzstellen zu kommen.

NDR.de: Stimmt es, dass im Husumer Kreishaus das absolute Fahrverbot "erfunden" wurde?

Struve: Soviel wie ich weiß, ist das richtig. Wir haben im Krisenstab diese Entscheidung getroffen, weil die Rettungs- und Räumfahrzeuge auf den Straßen gar nicht durchkamen. Viele private Fahrzeuge hatte keine Winterausrüstung - Winterreifen, Schneeketten oder Spikes waren zur damaligen Zeit Luxus. Die Privatautos fuhren sich fest und blockierten nicht nur die Straßen, sondern auch wieder Hilfskräfte. So kam die Idee, ein Fahrverbot auszusprechen.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein 18:00 | 30.12.2016 | 18:00 Uhr

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