Stand: 11.12.2008 11:30 Uhr  | Archiv

"Zwei Stunden für 800 Meter Fußweg"

NDR.de: Was war Ihr eindrucksvollstes Erlebnis während der Schneekatastrophe?

Struve: Ein schönes Erlebnis war, dass wir als Feuerwehr Paten einer Geburt sein konnten. Um die schwangere Frau abzuholen, schickten wir ein Feuerwehrfahrzeug, das kurz vor Husum im Schnee stecken blieb, aber Gott sei Dank in der Nähe einer Gaststätte. Über Funk hörte ich dann, dass dort am 31. Dezember 1978 ein Mädchen geboren wurde. Im Stillen sagte ich mir: 'Siehst du, das Leben geht weiter!' Eine Freude bei allen Problemen und allem Ernst der Lage. Nach der Schneekatastrophe gab es dann Einladungen von vielen Leuten, die einfach Danke sagen wollten. Das tat natürlich gut.

NDR.de: Nach dem Schneechaos zum Jahreswechsel 1978/79 wiederholte sich im Februar alles noch einmal. Welche Unterschiede gab es? 

Struve: Das war für die Westküste nicht mehr so schlimm. Vor allem wussten die Leute, dass sie selbst mit anpacken mussten. Die Schneeverwehungen waren nicht so schwer und konnten meist zügig geräumt werden.

NDR.de: Welche Lehren wurden aus der Schneekatastrophe für den Katastrophenschutz gezogen?

Struve: Nachdem die erste Schneekatastrophe vorüber war, haben sich viele Straßenverwaltungen Schneefräsen angeschafft. Außerdem wurde das Kommunikationsnetz ausgebaut. Das Wichtigste war die Verbesserung der Kommunikation, die Ausstattung mit Funkstationen wurde aufgestockt. In der Landwirtschaft legten sich viele Bauern Notstromaggregate zu. Vor allem die Milchbetriebe, um im Notfall die Melkmaschinen weiter benutzen zu können.

NDR.de: Alarm zu spät ausgerufen, Hilfskräfte zu spät mobilisiert, Behörden zu bürokratisch - es gab viel öffentliche Kritik. Wie ist Ihre Sicht?

Struve: Kritik gab es natürlich, es gibt immer Besserwisser, und sicher gab es auch Schwachstellen. Man muss dabei aber in Betracht ziehen, dass keiner im Rathaus oder im Kreishaus wohnt. Alle mussten erst zu den entsprechenden Stellen kommen. Wenn die Straßen verweht sind, dauert das seine Zeit. Eine Schneekatastrophe ist ein anderes Ereignis als eine Sturmflut. Im Großen und Ganzen haben wir viel Dankbarkeit erfahren. Die Leute, die richtig in Not waren, waren die, die auch am meisten Verständnis für die Lage hatten, am ruhigsten waren und, wenn wir Hilfe geben konnten, unendlich dankbar waren. Unruhe brachten die Anrufer, die wegen Lappalien anriefen und denen man am liebsten gesagt hätte 'Meine Güte, nimm doch selbst eine Schneeschaufel in die Hand.' Aber das ist die Mentalität der Menschen. Die wollen immer eine Vollkaskoversicherung, ohne eine Prämie zu zahlen.

NDR.de: Wo blieb der ganze Schnee? Gab es noch Überschwemmungen?

Struve: Wir hatten zum Glück eine längere Tau-Periode, sodass es große Überschwemmungen nicht gegeben hat. Überschwemmte Straßen gab es höchstens in Ortschaften, wo die Gullydeckel durch Schmutz verstopft waren. Schäden durch Hochwasser hat es nicht gegeben.

Das Gespräch führte Levke Heed.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein 18:00 | 30.12.2016 | 18:00 Uhr

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