Stand: 25.06.2013 21:00 Uhr  | Archiv

Zu Besuch im Dorf der norddeutschen "Kiwis"

von Angela Hachmeister, NDR.de

Auf den ersten Blick ist Upper Moutere ein Dorf wie viele in Neuseeland. An der Hauptstraße reihen sich kleine Geschäfte aneinander, es gibt eine Tankstelle, einen Pub, ein Café, eine Schule, ein Gemeindezentrum und eine Kirche. Doch wer als Tourist aus Deutschland durch den Ort schlendert, entdeckt schnell Vertrautes. Auf den Grabsteinen rund um die St. Paul's-Kirche stehen zahlreiche deutsche Namen, hier liegen Bensemanns, Heines, Haases oder Bockmanns begraben. Auch Straßennamen wie Neudorf Road oder Kelling Road verraten den deutschen Ursprung des Ortes.

Das Dorf im Norden der neuseeländischen Südinsel wurde 1849 als Sarau gegründet. Hierher kamen Auswanderer aus Norddeutschland, die 1842 in Hamburg gestartet waren und nach einer abenteuerlichen Reise auf dem Schiff "St. Pauli" in Neuseeland eintrafen. Weitere Siedler aus Norddeutschland folgten in den Jahren darauf. Viele ihrer Nachfahren leben noch heute in Upper Moutere und Umgebung.

"Kiwi" mit mit deutschem Namen

Ken Bensemann, Ur-Ur-Enkel von Cordt Bensemann, einem Siedler aus Norddeutschland, der 1842 von Hamburg aus nach Neuseeland auswanderte © NDR Foto: Angela Hachmeister
Fühlt sich als waschechter "Kiwi": Ken Bensemann, dessen Ur-Urgroßvater 1843 nach Neuseeland kam.

So wie Ken Bensemann. Er sitzt im Garten des "Moutere Inn", ein Pub, den sein Ur-Urgroßvater Cordt Bensemann 1850 eröffnet hat und der noch heute Treffpunkt für die rund 300 Bewohner des Ortes ist. Vor 16 Jahren kehrte der Hochsee-Fischer nach langen Jahren bei der neuseeländischen Armee nach Upper Moutere zurück. "Hier ist meine Heimat", sagt er, "und meine Familie". 30 bis 40 Bensemanns leben in der Region, alle Nachfahren jenes Zimmermanns Cordt Bensemann aus Bremen, der 1843 in Neuseeland eine neue Chance suchte. "Der Zusammenhalt ist groß", meint Ken Bensemann, "jedenfalls in meiner Generation".

Er fühlt sich als "Kiwi", als waschechter Neuseeländer. Deutschland kennt er nur aus dem Fernsehen. Seine Großmutter habe noch Deutsch gesprochen und deutsche Gerichte gekocht, erinnert er sich. "Die Frauen haben die Traditionen länger aufrecht erhalten als die Männer." Für seine Vorfahren hat Ken Bensemann großen Respekt. "Der Anfang war hart für sie." Man habe den Siedlern schlechtes Land mit lehmigem Boden gegeben. "Das Einzige, was wächst, sind Tabak und Hopfen", sagt er und lacht. Tabakfelder gibt es nicht mehr, nachdem die neuseeländische Regierung vor einigen Jahren die Subventionierung des Anbaus beendet hat. Aber bis heute wird im Umkreis von 30 Kilometern um Upper Moutere der gesamte kommerziell angebaute Hopfen Neuseelands produziert.

"Interesse an deutscher Geschichte ist groß"

David Watson, Betreiber des "Moutere Inn", des Pubs im von deutschen Siedlern gegründeten Dorf Upper Moutere in Neuseeland © NDR Foto: Folker Wergin
Schätzt deutsches Bier: David Watson, Wirt des Pubs "Moutere Inn".

Für Urlauber an der nahen Tasman-Küste ist das "historische Dorf" ein beliebtes Ausflugsziel. Mehrere Weingüter bieten Besichtigungen und Weinproben. Kunsthandwerker haben sich angesiedelt. Es gibt sogar Bestrebungen, dem Ort wieder den ursprünglichen Namen Sarau zu geben. Von der deutschen Tradition profitiert auch das "Moutere Inn". "Neuseelands ältester Pub" steht auf dem Werbeschild, das an der Hauptstraße auf die Kneipe aufmerksam macht. David Watson steht hinter der Theke des Pubs, den er vor ein paar Jahren übernommen hat. Watson, selbst irischer Abstammung, holt eine Mappe mit alten Fotos aus einer Schublade. Das Interesse an der deutschen Geschichte des Ortes sei sehr groß, sagt er. "Es kommen viele Touristen deswegen hierher, vor allem natürlich aus Deutschland." Im Pub finden sie ein bisschen deutsche Gemütlichkeit. Und - natürlich - deutsches Bier.

Nicht immer war der Ort stolz auf seine deutsche Vergangenheit. Während des ersten Weltkriegs begegnete man in Neuseeland den deutschstämmigen Bürgern mit Misstrauen. Alles Deutsche war verpönt. Die Siedler waren gezwungen, sich zu integrieren. Auch der deutsche Ortsname verschwand: Sarau wurde 1917 in Upper Moutere umbenannt. Spätestens während des Zweiten Weltkriegs wechselten die deutschstämmigen Bewohner endgültig zur englischen Sprache über.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Unsere Geschichte | 18.12.2013 | 14:15 Uhr

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