Sendedatum: 06.02.2012 08:00 Uhr  | Archiv

Zeit für Gefühle mitten im Chaos

Zeitzeugenbericht von Klaus Wehmeyer

Klaus Wehmeyer ist damals Schüler am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Harburg. Als in seiner Schule eine Notunterkunft für Flutopfer eingerichtet wird, hilft er dort mit und verliebt sich. Heute lebt der 65-Jährige in Kalifornien. Jedes Mal, wenn er nach Hamburg kommt und mit dem Zug oder der S-Bahn über die Süderelbbrücke fährt, kommen ihm die Bilder von Februar 1962 wieder in den Kopf:

"Es ist Freitag, der 16. Februar 1962. Unsere Klasse hat keinen Unterricht, stattdessen fahren wir zu einer Schulaufführung ins Schauspielhaus nach Hamburg, mit den grauen Personenzügen, denn eine S-Bahn gibt es noch nicht. Als wir die Süderelbbrücke überqueren, sehen wir, dass die Pionierinsel, auf der ich und einige meiner Mitschüler im Sommer rudern, überschwemmt ist. Am Wilhelmsburger Ufer ist der sonst weiße Strand überflutet, das Wasser geht hoch bis unter die Deichkrone. "Wenn man von der Eisenbahnbrücke springt, ist das ja so wie vom Ein-Meter-Brett!“, stellt mein Klassenkamerad Hans Georg fest, und wir fragen uns, ob die Elbe noch höher steigen kann. "Es soll eine Sturmflut geben“, weiß Rolf, der aus Moorburg stammt, "mein Vater, der bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, kriegte heute morgen Bescheid, dass sie in Alarmbereitschaft versetzt worden sind“.

Auch an der Norderelbbrücke steht das Wasser kurz unter der Brücke, keiner von uns, auch nicht unser Lehrer Herr Kenkel, hatte bisher einen solchen hohen Wasserstand gesehen. Nach der Theateraufführung, es soll jetzt Niedrigwasser sein, sehen wir auf der Rückfahrt nach Harburg, dass das Wasser nur unwesentlich zurückgegangen ist, noch immer ist es viel höher als bei normalem Hochwasser. Zu Hause hat meine Mutter unser Mittelwellenradio an, sie hört den NDR. "Es gibt eine schwere Sturmflut, sagen sie im Radio“ informiert sie uns Kinder, und wir hören das Heulen des Windes und sehen wie sich die Kronen und Äste der Bäume im Sturm nicht nur wiegen, sondern vor allem biegen.

Die Warnungen im Radio werden immer häufiger wiederholt. Ich gehe am frühen Abend noch zum Training in die Turnhalle, mit dem Fahrrad geht es nicht mehr, ich nehme den Bus, es sind kaum Turner da, zurück fahre ich mit meinem Turnlehrer in seinem roten VW, der fast den gleichen Weg hat. Die letzten Meter werde ich vom Sturm fast vor die Haustür geweht.

Die ersten Deiche brechen

Menschen stehen nach der Sturmflut 1962 auf dem gebrochenen Deich in Stillhorn © NDR Foto: Familie von der Heide
An vielen Stellen, wie hier in Stillhorn, brechen die Deiche in der Flutnacht.

Meine Mutter sitzt vor dem Radio und bügelt. Es wird immer schlimmer, es sollen schon Deiche gebrochen sein in Neuenfelde, weiß sie. Der Zugverkehr über die Elbbrücken sei eingestellt, die Autobahn und die Reichsstraße gesperrt, erfahren wir aus dem Radio. Auf einmal gehen Licht, Radio und das Bügeleisen aus, meine Mutter steckt eine Kerze an und geht zum Sicherungskasten, aber alle Sicherungen sind intakt. Auch das Telefon ist tot. In der Dunkelheit ohne das Radio hören wir die Geräusche des Sturms. 'Wenn wir jetzt ein Kofferradio hätten', sagt mein Bruder, der sich immer eins gewünscht hat - aber er hat eine Idee.

In der Garage steht unser neuer Ford Taunus 17 m de Luxe mit Weißwandreifen, der natürlich auch ein Radio hat. Das Auto wird zwar nur von meinem Vater gefahren, aber der schippert als Kapitän gerade im Golf von Mexiko herum, weit entfernt von dem Island-Tief, das den Orkan ausgelöst hat. Mein Bruder holt den Schlüssel und setzt sich in den Wagen, ich folge ihm. Im Radio geht es nur noch um die Sturmflut. "Orkan Stärke 12“ hören wir, Deichbrüche in Francop und Neuenfelde, das Wasser drücke in die Süderelbe, die Deiche in Moorburg und  Harburg könnten nicht mehr gehalten werden. Die Deiche, die Wilhelmsburg umschließen, drohten ebenfalls zu brechen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 06.02.2012 | 08:00 Uhr

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