Sendedatum: 29.03.1995 19:00 Uhr  | Archiv

Von der eigenen Partei verraten

Es sind gerade mal fünf Christdemokraten, die sich im März 1995 im Versammlungssaal der CDU im mecklenburgischen Röbel einfinden, um die Geschichte von Gerhard Beyer zu hören - eine Geschichte, die die ihrer Partei ist. "Wenn ich ganz ehrlich sein soll", sagt der fast 70-Jährige, "und ehrlich war ich bisher immer, dann schockiert mich dieser minimale Besuch. Bei der Brisanz der Vorkommnisse und der Geschichten hätte ich eigentlich ein weitaus größeres Interesse erwartet." Gerhard Beyer hält Vorträge wie diesen, um mitzuhelfen, ein dunkles Kapitel der mecklenburgischen CDU aufzuarbeiten. Und er ist aus dem Saarland nach Röbel zurückgekehrt, um endlich mit dem Mann zu sprechen, der als GI "Fritz" mit seinen Spitzelberichten dazu beigetragen hat, dass er und fünf weitere CDU-Mitglieder im November 1953 inhaftiert und jahrelang grausam verhört wurden.

Sowjetunion behindert die Arbeit der CDU in Röbel

Als der 20-jährige Gerhard Beyer 1948 nach Röbel an der Müritz kommt, hat er einiges durchgemacht: Im März 1944 wurde er als Wehrmachtssoldat eingezogen, nach dem Krieg kam er ins russische Gefangenenlager nach Küstrin. In Röbel gelandet, tritt der gebürtige Westpreuße in die CDU ein. Er will dabei helfen, ein neues, demokratisches Deutschland aufzubauen. Gerhard Beyer heiratet und wird in Röbel sesshaft. Er steigt in der CDU auf, wird Kreisvorsitzender und bald darauf in den Stadtrat gewählt. Dass er mit seiner Arbeit in Konflikt mit den Interessen der sowjetischen Kommandantur gerät, bekommt er rasch zu spüren. Regelmäßig wird er nach CDU-Versammlungen in die Kommandantur bestellt, weil er angeblich gegen die Sowjetunion gehetzt habe.

Der Kurswechsel der Ost-CDU

Im Oktober 1949 wird aus der SBZ die DDR. Und auch die Ost-CDU verändert sich: Mit Beginn der Fünfzigerjahre ernennt sie die Anpassung an die SED zum alleinigen Kurs ihrer Partei. In der Ost-CDU rumort es. Einige Mitglieder, darunter Gerhard Beyer, verlassen die CDU-Fraktion im Stadtrat. Sie wollen nicht unter der Regie der SED arbeiten, sondern Mitglieder einer selbstständigen CDU bleiben. Die "Abtrünnigen" treffen sich regelmäßig, zuerst in einem Café, dann in einer Kapelle.

Gebannt verfolgen Gerhard Beyer und seine Parteifreunde im Juni 1953 den Volksaufstand in Berlin. Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt dem Auftreten des CDU-Vorsitzenden der DDR Otto Nuschke, der gleichzeitig Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR ist. Nuschke leugnet den massenhaften Protest der Arbeiter und die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands. Stattdessen behauptet er, dass er am 17. Juni von Westberlinern entführt worden sei. "Ich wurde geraubt, mein Auto wurde aus dem Ostsektor von einer erregten Menge West-Berliner nach West-Berlin geschleppt", erklärt er in einem Radio-Interview. Für Gerhard Beyer sind diese Äußerungen und das Verhalten der Führungsriege der Ost-CDU skandalös. Nach dem 17. Juni werden zahlreiche seiner kritischen Parteikollegen verhaftet. Die SED ordnet die Schließung der Kapelle an. In den folgenden Monaten fährt Gerhard Beyer mehrfach nach Berlin, er besucht Otto Nuschke und weist ihn auf die Missstände in Röbel hin, doch dieser wischt alle Argumente vom Tisch.

Gerhard Beyer wird verhaftet

Der kleine Kreis der kritischen CDU-Leute in Röbel und Waren versucht, weiterhin zusammenzuarbeiten. Ihre Mandate haben sie bereits niedergelegt, jetzt kommen sie nur noch heimlich zusammen. Am 24. November 1953 fahren acht Mecklenburger erneut nach Berlin, starten einen letzten Gesprächsversuch. Gerhard Beyer erinnert sich: "Otto Nuschke saß hinter seinem Schreibtisch, er war abweisend wie immer und das wurde von Minute zu Minute schlimmer. Ich habe ihm vorgehalten, die CDU hätte nach den Ereignissen des 17. Juni anders handeln müssen, heute würde man sagen: die Wende herbeiführen müssen. Er ist dann hinter seinem Schreibtisch aufgesprungen und hat laut herumgeschrien. Ja, das war der endgültige Bruch." In der Nacht kehren die Mecklenburger nach Röbel und Waren zurück. Gerhard Beyer kann gerade noch seine Frau begrüßen, da klingelt es an seiner Haustür. Mehrere Männer stehen davor, fünf Pistolen sind auf ihn gerichtet. Sie nehmen Gerhard Beyer fest. Sechs seiner Kollegen, die an diesem Tag mit in Berlin waren, verschwinden ebenfalls in den Untersuchungshaftanstalten der DDR, einer wird jedoch bald wieder freigelassen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 29.03.1995 | 19:00 Uhr

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