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Seebrücke Binz: Ein Unglück führt zur Gründung der DLRG

Stand: 26.05.2021 15:19 Uhr

Bundesweit ist die DLRG jährlich tausendfach im Einsatz, wenn es darum geht, Menschen aus einer Notsituation im Wasser zu retten - ihre Gründung geht auf ein tragisches Unglück zurück. 1912 ertranken bei einem Unfall auf Rügen 16 Menschen.

Der 28. Juli 1912 ist ein heißer Sommertag auf Rügen - Hochsaison in dem beliebten Seebad Binz. Auf der Seebrücke des Badeortes herrscht am Abend noch reges Treiben. Hunderte Menschen flanieren über die Brücke und sehen dabei zu, wie die Ausflugsdampfer an- und ablegen. Andere warten auf ihr Schiff oder beobachten die Kriegsschiffe der Kaiserlichen Marine, die gerade in der Ostsee vor Binz ankern. Um etwa 18.30 Uhr, so berichtet es später das "Rügensche Kreis- und Anzeigenblatt", legt der Dampfer "Kronprinz Wilhelm" an der Brücke an, Passagiere steigen ein und aus. Kurz darauf kommt es zur Katastrophe: Unter der Last der Menschenmassen gibt ein Querbalken am Brückenkopf nach, die Anlegestelle bricht auf einer Länge von etwa acht Metern ein. 70 bis 80 Menschen, so berichtet das Blatt, stürzen ins Meer, das an dieser Stelle etwa sechs Meter tief ist.

Tragische Bilanz des Unglücks: 16 Tote

Aufnahme der Binzer Seebrücke aus dem Jahr 1905 © dpa-Bildfunk Foto: Sammlung Dr. Harald Jatzke
Die Binzer Seebrücke in einer Aufnahme von 1905. Mit 560 Metern war sie 190 Meter länger als die heutige Seebrücke, die 1994 eröffnet wurde.

Es sind grauenvolle Szenen, die sich abspielen: Schreiende Menschen kämpfen im Wasser um ihr Leben. Nur wenige können damals schwimmen, Schätzungen zufolge nur etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung. Noch viel geringer ist die Zahl derer, die in der Lage sind, Ertrinkende zu retten: Hilflos schauen die meisten Besucher auf der Seebrücke zu, wie die Menschen im Wasser versinken. Andere versuchen, die unglücklichen Opfer mit Leitern und Stangen zu retten. Die Besatzung des Dampfers "Kronprinz Wilhelm" wirft Rettungsgürtel und Taue in die See. Doch für acht Frauen, vier Männer und zwei Kinder kommt jede Rettung zu spät. Sie ertrinken. Zwei weitere Frauen sterben wenige Tage später an den Folgen des Unglücks.

Dass es nicht noch mehr Opfer gibt, ist unter anderem der Besatzung der Marineschiffe zu verdanken, die zur Hilfe eilt. Militärärzte versorgen die Geretteten, die teilweise ohne Bewusstsein sind. Besonders verdient macht sich bei der Rettungsaktion der Militärsergeant Richard Römer aus dem westfälischen Hohenlimburg, der nur zufällig in der Nähe ist, als das Unglück passiert.

Richard Römers mutige Rettungsaktion

Römer, Mitglied der kaiserlichen Garde in Berlin, hält sich ohne Urlaubsgenehmigung auf der Insel auf, weil er das dienstfreie Wochenende am Strand verbringen will. Als er die Ertrinkenden sieht, reagiert der 24-Jährige sofort: Er zieht seine Uniformjacke aus und stürzt sich in die Fluten, um zu helfen. Römer kann zwar schwimmen - wie man Menschen aus dem Wasser rettet, weiß er aber nicht. Um von den Ertrinkenden nicht umklammert und unter Wasser gezogen zu werden, taucht Römer unter den Menschen durch und drückt sie zu dem eingestürzten Stegbalken, wo andere Helfer sie aus dem Wasser ziehen. Nachdem er zwölf Menschen gerettet hat, ist Römer so entkräftet, dass er an dem Balken selbst fast ertrinkt. Für seine mutige Tat verleiht Kaiser Wilhelm II. Richard Römer im Frühjahr 1913 die Rettungsmedaille am Bande.

Die DLRG entsteht als Konsequenz aus dem Unglück

Zwei alte Plakate der DLRG. © DLRG
Seit ihrer Gründung wirbt die DLRG für die Mitarbeit: Die Organisation bildet neue Rettungsschwimmer aus, die dann zum Beispiel als Wachgänger am Strand arbeiten können.

Die Tragödie von Binz führt dazu, dass sich gut ein Jahr später im Leipziger Hotel de Prusse am 19. Oktober 1913 die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) gründet. Bereits wenige Monate später, am Ende ihres Gründungsjahres, hat die Organisation bereits 435 Mitglieder. Durch Vorträge, Lehrkurse und Wettbewerbe will die Gesellschaft Wissen und Fertigkeiten darüber verbreiten, wie man Leben retten und Notfälle vermeiden kann. Außerdem werden Rettungsschwimmer für den Einsatz an Flüssen und Seen ausgebildet und geprüft sowie Wachdienste eingerichtet. Bis heute gilt Richard Römer bei der DLRG als eine Art geistiger Vater.

Einfluss der Nationalsozialisten auf die DLRG

Als die Nazis Anfang der 1930er-Jahre ihre Machtübernahme vorbereiten, verankert sich deren Einfluss auch in den Strukturen der DLRG - und das nationalsozialistische Gedankengut fließt auch in die Arbeit der Wasserretter rein. Wie die DLRG selbst zu ihrer Geschichte schreibt, wird Organisation 1933 in das Fachamt V für Schwimmen im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert. Nach wie vor steht die Bekämpfung des Ertrinkungstodes im Vorderund der Arbeit - allerdings unter den Vorzeichen, die deutsche Volkskraft und Wehrfähigkeit" zu erhalten und zu stärken. Entsprechend eng sind die Kontakte der DLRG zur Hitlerjugend, dem Bund Deutscher Mädel, der Sturmabteilung" (SA), der Schutzstaffel (SS) und der NSDAP. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges könnten die Mitglieder ihre ursprüngliche Arbeit in der britischen und amerikanischen Besatzungszone wieder aufnehmen. In der späteren DDR übernimmt die Wasserrettung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) die Aufgaben - und hat sie neben der DLRG auch heute noch inne.

DLRG rettete bereits Zigtausende Menschen

Trotz der nationalsozialistischen Verstrickungen, die die DLRG eigenen Angaben zufolge gründlich untersuchen und aufarbeiten möchte, ist und bleibt die Arbeit der Wasserretter eine Erfolgsgeschichte: Während in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts noch etwa 5.000 Menschen pro Jahr ihr Leben im Wasser verlieren, sind es im Jahr 2019 bundesweit nur noch 417. So ist es der DLRG im Lauf ihrer Geschichte gelungen, die Zahl der Todesfälle drastisch zu senken und das Schwimmen zur Mode zu machen.

In den ersten 100 Jahren nach ihrer Gründung, zwischen 1913 und 2013, retten die DLRG-Helfer mehr als 66.000 Menschen vor dem Ertrinkungstod. Die Zahl der Schwimmer steigt von drei auf rund 80 Prozent der deutschen Bevölkerung - auch wenn nach Ansicht der DRLG gefährlich viele Grundschwimmer aufgrund aktueller Entwicklungen nicht schwimmen können. Allein im Jahr 2019 retteten die Wachgänger nach eigenen Angaben 609 Menschen vor dem Ertrinken. Rund 45.000 ehrenamtliche Rettungsschwimmer der DLRG, die ihren Hauptsitz seit 1995 im niedersächsischen Bad Nenndorf hat, versehen mittlerweile alljährlich ihren Dienst an den deutschen Gewässern.

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Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 26.05.2021 | 21:00 Uhr

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