Eine Gedenktafel erinnert in Hamburg an die Ermordung 20 jüdischer Kinder am 20. April 1945 im Keller einer Schule am Bullenhuser Damm. © picture-alliance / dpa Foto: Markus Beck

"Die SS in Hamburg ermordete meinen Bruder"

Stand: 25.01.2021 16:24 Uhr

Bis zu seinem Tod ist Jitzhak Reichenbaum fast jedes Jahr von Haifa nach Hamburg gereist, um seinem verstorbenen Bruder Eduard zu gedenken. Der wurde in der Schule am Bullenhuser Damm von der SS ermordet.

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de

Seit 1984 packte Jitzhak Reichenbaum in Haifa immer wieder seinen Koffer, um nach Hamburg zu reisen. Mehr als ein Dutzend Mal war er aus Israel angereist - immer zur gleichen Jahreszeit, wie der 2020 verstorbene Reichenbaum in einem NDR Zeitzeugenbericht im April 2012 berichtete.

Denn rund um den 20. April eines Jahres treffen sich in der Hansestadt Verwandte der "Kinder vom Bullenhuser Damm", um an das traurige Schicksal der Jungen und Mädchen zu erinnern. Es ist eines der grausamsten Kapitel der NS-Herrschaft in Norddeutschland: In der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 erhängten SS-Männer 20 jüdische Kinder in den Kellerräumen einer leer stehenden Schule im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort.

Der Arzt Kurt Heißmeyer hatte zuvor an ihnen im nahegelegenen KZ Neuengamme medizinische Versuche vorgenommen. Die Tötung der Kinder sollte die Spuren dieser Experimente verwischen.

In Auschwitz aus den Augen verloren

Der Holocaust-Überlebende Jitzhak Reichenbaum während eines Besuches in Hamburg © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Jitzhak Reichenbaum wusste jahrzehntelang nicht, dass sein Bruder in Hamburg ermordet wurde.

Jitzhak Reichenbaum hat damals seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Eduard verloren. "Es hat nicht viel gefehlt und ich wäre auch für die medizinischen Experimente im KZ Neuengamme ausgewählt worden", erzählte der rüstige Pensionär damals. Die Brüder waren mit ihren Eltern im KZ Auschwitz eingesperrt. Als der berüchtigte SS-Arzt Josef Mengele 20 Kinder aussuchte, um sie ins KZ Neuengamme zu schicken, fiel seine Wahl auch auf den zehnjährigen Eduard. Jitzhak kam davon, weil er zu der Zeit nicht im Kinderlager, sondern im Männerlager bei seinem Vater untergebracht war.

Mit viel Glück schaffte es Jitzhak, die Todesmaschinerie von Auschwitz zu überleben. Die Befreiung durch die US-Armee erlebte er am 4. Mai 1945 in einem Lager in Österreich. Im Herbst 1945 konnte er schließlich als 13-Jähriger von Italien aus zu seinem Onkel nach Palästina ausreisen.

Jahrzehntelange Ungewissheit

Vom Schicksal seines Bruder erfuhr er erst sehr viel später: im Januar 1984. In einer Wochenend-Beilage der israelischen Zeitung "Ma'ariv" las Jitzhak Reichenbaum einen Artikel über die Ermordung der Kinder vom Bullenhuser Damm. In dem Text war auch von einem zehnjährigen Jungen mit dem Familiennamen Reichenbaum die Rede. Jitzhak Reichenbaum zeigte den Artikel seiner Mutter, die auf einem der Fotos den kleinen Eduard erkannte. Sie hatte ihren jüngsten Sohn zuletzt im KZ Auschwitz gesehen, kurz bevor er nach Hamburg gebracht wurde. "Meine Mutter hat nach dem Krieg alles versucht, um zu erfahren, was aus Eduard geworden ist", so Jitzhak Reichenbaum. Aber niemand hatte ihr Auskunft geben können.

Am Ort des Geschehens

Im April 1985 kam Jitzhak Reichenbaum zum ersten Mal nach Hamburg, um den Ort des Schreckens am Bullenhuser Damm zu sehen - und um Angehörige der anderen Opfer zu treffen. Die 20 Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren waren alle Ende November 1944 mit dem Zug vom KZ Auschwitz nach Hamburg gebracht worden. Der 38 Jahre alte Arzt Kurt Heißmeyer hatte die Kinder für seine Experimente angefordert. Der gebürtige Niedersachse aus Lamspringe bei Hildesheim wollte sich als Forscher einen Namen machen. Er suchte nach einem Weg, Tuberkulose zu heilen.

Unmenschlich und überflüssig

Der Wehrpass von Kurt Heißmeyer © Gedenkstätte KZ Neuengamme
Der Wehrpass von Kurt Heißmeyer: Der Arzt wollte mit den medizinischen Versuchen seine Karriere vorantreiben.

Heißmeyer nahm an, dass die Krankheit, die vor allem die Lunge befällt, durch einen zweiten, künstlich erzeugten Infektionsherd geheilt werden könne. Deshalb ließ er den Kindern Tuberkulose-Bakterien in die Haut oder direkt in die Lunge injizieren - um zu sehen, ob ihr Immunsystem Antikörper gegen die Erreger bildet. Die Jungen und Mädchen bekamen hohes Fieber, husteten, nahmen an Körpergewicht ab und waren geschwächt. Später ließ Heißmeyer den jüdischen Kindern unter örtlicher Betäubung Lymphdrüsen entfernen, um sie im Labor untersuchen zu können

Die Versuche waren nicht nur unmenschlich, sondern auch überflüssig. Denn längst war erwiesen, dass die Methode nicht zum Erfolg führt. Heißmeyer selbst hatte ab dem Sommer 1944 seine Versuche bereits an bis zu 100 Erwachsenen im KZ Neuengamme durchgeführt. Im Oktober 1944 musste er das Scheitern seiner Experimente einsehen. Trotzdem setzte er die Versuchsreihe mit den Kindern fort.

"Die Abteilung Heißmeyer ist aufzulösen"

Als die britischen Truppen im April 1945 wenige Kilometer vor den Toren Hamburgs standen, fragte der Kommandant des KZ Neuengamme Max Pauly in Berlin an, was mit den Kindern geschehen solle. Der Befehl lautete sinngemäß: "Die Abteilung Heißmeyer ist aufzulösen." Dies bedeutete: Die Kinder und ihre vier Betreuer sollten als Zeugen beseitigt werden. Pauly befahl, die Kinder nicht im KZ zu töten, sondern im früheren Außenlager am Bullenhuser Damm. Denn die Aktion sollte vor den anderen Häftlingen geheim bleiben.

Lügenmärchen zur Beruhigung

Die Kinder wurden am späten Abend des 20. April 1945 geweckt. Die SS-Männer erzählten ihnen, sie würden zu ihren Eltern nach Theresienstadt gebracht. Tatsächlich ging es in die Schule am Bullenhuser Damm. Der SS-Arzt Alfred Trzebinski gab allen 20 Kindern eine Morphium-Spritze, um ihnen - wie er später aussagte - in ihrer letzten Stunde unnötige Leiden zu ersparen. Anschließend erhängten SS-Männer die Jungen und Mädchen nacheinander in einem Kellerraum der Schule. Ihre Leichen wurden später im KZ Neuengamme verbrannt.

In derselben Nacht ermordeten die SS-Männer auch die vier Betreuer der Kinder - sie waren ebenfalls Häftlinge - und mindestens 24 sowjetische Gefangene.

Viele Täter wurden hingerichtet

Anklagebank bei einem der Curio-Haus-Prozesse in Hamburg im Jahr 1946 © Gedenkstätte KZ Neuengamme
In den Curiohaus-Prozessen schilderten die angeklagten SS-Männer, wie sie die Kinder am Bullenhuser Damm töteten.

Die Morde an den Kindern vom Bullenhuser Damm wurden in den Hamburger Curiohaus-Prozessen im Jahr 1946 weitgehend rekonstruiert. Das britische Militärgericht verurteilte fünf SS-Männer, die in der Mordnacht vor Ort waren, zum Tode. Am 8. Oktober 1946 wurden sie in Hameln hingerichtet.

Der Arzt Heißmeyer, der an den Morden nicht direkt beteiligt war, kam zunächst davon. Er war nach dem Krieg untergetaucht. In der DDR arbeitete er unter seinem bürgerlichen Namen weiter als Lungenfach-Arzt an einer Magdeburger Klinik. Erst 1963 wurde er verhaftet und vor Gericht gestellt. "Ich bin mir heute bewusst, mit diesen Experimenten an den Kindern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben, denn die Kinder waren völlig wehrlos", sagte Heißmeyer im April 1964 aus. Entsprechend seiner "faschistischen Überzeugung" habe er die jüdischen Kinder damals aber nicht als vollwertige Menschen angesehen.

1966 wurde Heißmeyer zu lebenslanger Haft verurteilt, 1967 starb er im Gefängnis an einem Herzinfarkt.

"Es fällt mir nicht schwer, über den Holocaust zu reden"

Wenn sich Jitzhak Reichenbaum in Hamburg aufhielt, wurde er häufig von Schulen eingeladen, um den Kindern als Holocaust-Überlebender von den Gräueltaten während des Krieges zu berichten. "Es ist mir nie schwer gefallen, über meine Erlebnisse in den Konzentrationslagern zu sprechen", sagte der gebürtige Pole 2012. Sechs Jahre seiner Jugend hatte er in Lagern der Deutschen verbracht. Er habe furchtbare Dinge mit ansehen müssen. "In Israel habe ich dann aber noch eine wundervolle Jugend gehabt", meinte Jitzhak Reichenbaum rückblickend. In seiner neuen Heimat traf er auch seine Frau Bella, das Paar hatte drei Kinder. Im Oktober 2020 sind Jitzhak und Bella Reichenbaum in Haifa verstorben.

Weitere Informationen
Gedenkstein an die Opfer des Holocaust auf dem Jüdischen Friedhof in Rostock. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Bernd Wüstneck

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Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit von Deutschen systematisch ermordet. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.04.2016 | 19:30 Uhr

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