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Pinguine im Nebel - Lindenbergs Rock-Revue '79

von Beatrix Hasse
Die Show begann in antarktischem Ambiente: mit Schnee, Nebel und jeder Menge Pinguine.

Nebel, Schnee und jede Menge Pinguine: So geht es zu auf der Bühne der ausverkauften Bremer Stadthalle, als sich am 19. Januar 1979 der Vorhang öffnet. Nebel quillt aus jeder Ecke, Fantasiegestalten wuseln über die Bühne - der Beginn eines außergewöhnlichen Events. Udo Lindenberg startet seine Rock-Revue '79 und erscheint im Schlitten, gezogen von zwei Rentieren, vor seinem Publikum. "Meine letzte Expedition führte mich zum nordischen Pol", singt der Rockstar, begleitet vom Sound seines Panikorchesters. "Die Bellos zogen die Schlitten und wir fühlten uns pudelwohl." Danach entledigt sich Udo lässig seines Mantels, trägt darunter die obligatorische Lederhose, dazu einen Frack. Der Eskimo "Ole Pinguin" springt herum und schon ist das Publikum mittendrin in einer musikalischen Grönland-Reise, der "Dröhnland Symphonie".

Zadek und Lindenberg betreten Neuland

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Theaterregisseur Peter Zadek (li.) und Udo Lindenberg fanden sich zu dem Experiment zusammen.

Ein gigantisches Ereignis in durchaus amerikanischen Ausmaßen erwartete die Zuschauer in jenem Frühjahr 1979. Drei Stunden dauerte die Mega-Show, ein abendfüllendes Programm, gemacht aus Rock, Theater, Glanz und Glamour und mit rund 50 Akteuren vor und hinter den Kulissen. Kostenpunkt für die Produktion eines Abends: rund 70.000 DM. Kein Musical, keine Oper, eine Rock-Revue hatten sich Udo Lindenberg und Peter Zadek da ausgedacht. Das war wirklich neu auf deutschen Bühnen. Zwei Größen aus dem ernsthaften und dem unterhaltenden Genre hatten sich zusammengefunden, um es zu wagen: das "Experiment", eine Provokation. "Es ging darum, mehr Theater in den Rock 'n' Roll zu bekommen und mehr Rock 'n' Roll ins Theater. Schluss musste sein mit dem Sektierertum", äußert sich Udo Lindenberg in seiner Autobiografie "Panikpräsident".

"Anarchisches Laientheater"

Die Rockrevue, hier das Finale mit Elli Pyrelli und Rudi Ratlos, kam bei der Presse nicht gut an.

Zadek steckte dafür so manche Schelte in den Gazetten ein. "Der ernsthafte, wenn auch in den Augen traditionsbewusster Theaterbesucher unseriöse Regisseur als Illustrator von Halbstarken-Schlagern? Es gibt keinen besseren Beweis dafür, wie sehr das über Jahre gehegte Misstrauen berechtigt war gegenüber einem Mann, der mit Shakespeare Schindluder getrieben hat und mit unverhohlener Genugtuung berichtet, er habe mit diesem Lindenberg zusammen Faust-Texte zur Gitarre gesungen", schrieb das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt. "Schön verrückt ist das immer, hat aber nie den Beigeschmack von anarchischem Laientheater verloren", war in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. "Zadek als Konsequenz - das scheint da beinahe unausweichlich, zumal der Regisseur die Neigung Udo Lindenbergs zu allerlei makabren Monstrositäten, zum Aufsteigen von Gewalt und Brutalität in unserer Welt teilt, ihn in der Lust am Destruktiven womöglich noch übertrifft."

Eine Rock-Revue als kulturelle Massenveranstaltung? Es war Neuland, doch genau das wollten Zadek und Lindenberg ganz bewusst betreten.    

Dieses Thema im Programm:

DasErste| Tagesthemen | 18.01.1979 | 22:15 Uhr

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