Stand: 14.04.2015 11:00 Uhr

Endlich keine Angst mehr haben

Porträt von Ceija Stojka aus dem Jahr 2003. © dpa
Ceija Stojka überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen.

Die Österreicherin Ceija Stojka kam 1933 als fünftes von sechs Kindern einer fahrenden Rom-Lowara-Familie zur Welt. Kurz nachdem am 16. Dezember 1942 der "Auschwitzerlass" zur Einweisung aller Zigeuner nach Auschwitz-Birkenau ergangen war, wurde die gesamte Familie Stojka in das Vernichtungslager deportiert. Ceija bekam die Nummer Z 6399 eintätowiert.

Ende Juli 1944 wurde Ceija nach Ravensbrück transportiert und im Januar 1945 schließlich nach Bergen-Belsen verlegt. Außer ihr überlebten von der knapp 200-köpfigen Großfamilie nur die Mutter und vier Geschwister. 1988 schrieb Ceija Stojka ein Buch über ihr Schicksal: "Wir leben im Verborgenen". Um die gleiche Zeit begann sie auch zu malen. Ihre Bilder waren für sie Vergangenheitsbewältigung. In einem Gespräch mit dem NDR im April 2003 erinnerte sie sich an den Tag der Befreiung, den 15. April 1945.

Die Befreiung

Ausschnitt aus einem stark farbigen Bild, auf dem ein Zug mit Hakenkreuz zu sehen ist, der in ein flammend-rotes Nichts fährt (Bild: dpa)
Ihre Erlebnisse hat Ceija Stojka auch in Bildern wie diesem festgehalten. Es hat den Titel "Wien - Auschwitz".

"Oh, das war schön. Ich ging durch das Lager, denn es kümmerte sich ja keine SS. Die SS-Weiber wären da nicht reingekommen, weil sie Angst hatten, dass sie Läuse kriegen oder angesteckt werden. Die hätten nicht einmal die Rute auf uns geschlagen, weil sie Angst gehabt haben. Das war unser Schutz. Die Befreiung erlebte ich, indem ich ein Stück Brot von dem Wachtürmler bekam. Er meinte, ich solle es essen, aber ich hätte es nie gegessen, weil die Angst viel zu groß war, und ich hatte auch gar keinen Hunger.

Dann hörte ich das Krachen. Da die Totenhaufen so hoch waren, konnte meine Mama mich nicht sehen und ich sie nicht. Und ich dachte: 'Das sind jetzt die Deutschen, die uns jetzt Gott sei Dank abknallen, und dann haben wir's geschafft.' Aber es waren die Alliierten. Der eine kam aus seinem Wagen und sagte zu mir: 'Von wo bist du?' Er sprach Deutsch, sehr schön sogar. Und ich sagte: 'Ich bin von Austria'. Damit meinte ich die Papierfabrik, die neben uns lag. Ich wusste gar nicht, dass man Österreich auch Austria nannte.

Er hat dann eine alte Fahne heruntergenommen, sie mir als Schürze umgebunden und Dosen mit Fleisch, Konserven, Brot hineingegeben ... und ich bin zur Mama, die noch immer zwei Kartoffeln, die sie den Weißrussinnen geklaut hatte, kochen wollte. Und ich schmiss alles vor ihr in den Staub. Sie hörte nämlich sehr schlecht durch die Hiebe, die sie am Kopf gekriegt hatte. Und dann hat sie geschrien: 'Jetzt sind wir erschossen! Wo hast du das gestohlen?' - 'Mama, ich hab' nicht gestohlen. Da sind Männer, die sagen, sie sind Engländer, und wir sind frei.'

Sie war noch ganz benommen, weil sie auch diese vielen Soldaten gesehen hatte. Da hat sie gesagt: 'Na, Gott sei Dank haben wir's hinter uns. Entweder bekommen wir wirklich das Versprochene von den Nazis, das tägliche Brot wie in Auschwitz - oder wir werden niedergemetzelt.' Aber weder das eine noch das andere war der Fall - es war die Befreiung."

Ceija Stojka starb im Januar 2013.

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